Im Teutoburger Wald die Terpene auf sich regnen lassen

Ganz nebenbei lassen Waldspaziergänger die gesundheitsfördernden Terpene, die von den Bäumen produziert werden, auf sich regnen. Diese pflanzlichen Wirkstoffe regen das Immunsystem des Menschen an. Fotos (5): Ulrike Havermeyer

Genießen, entschleunigen – und dabei die Terpene auf sich regnen lassen. Dieses flaumfedrige Gefühl, das sich einstellt, wenn man so herrlich absichtslos durch den Wald spaziert, ist kaum zu überbieten. Ein Besuch bei Eiche, Fichte und Co. ist aber nicht nur erhol- und unter medizinischen Gesichtspunkten sogar heilsam, sondern wird – mit etwas Anleitung und Übung – auch zu einer spannenden Entdeckungsreise für alle Sinne.

„Dass hier Hallimasch wachsen, ist mir noch nie aufgefallen“, schüttelt Dietmar Seidel nachdenklich den Kopf, als er die unscheinbaren Pilze betrachtet, die sich zwischen den sattgrünen Moospolstern und dem welken Laub des Vorjahres auf einem Totholzstumpf angesiedelt haben. Auch wie sich die Zweige der Rotbuchen in beinahe parallelen Ebenen übereinander schichten, hätte der Wegepate womöglich übersehen, wenn ihn Andreas Rotthoff, Dozent an der Volkshochschule Lengerich, nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Dabei ist Seidel ein Naturfreund und regelmäßig in dem Gebiet unterwegs. Aber ganz ehrlich: Auch wir anderen Teilnehmern des VHS-Kurses „Achtsamkeit im Wald“ hätten die braunen Winzlinge nicht bemwerkt.

„In dem Moment, in dem wir in den Wald gehen, tun wir uns etwas Gutes“

Um bewusstes Wahrnehmen soll es bei der Wanderung von Andreas Rotthoff gehen, der uns über die Teutoschleife durch das Landschafts- und Naturschutzgebiet Am Kleeberg in Lengerich führt. Darum, uns der kleinen Dinge und der große Zusammenhänge um uns herum gewahr zu werden, die uns in der Hektik des Alltags so oft entgehen. „Etwa 80 Prozent unserer Umgebung nehmen wir mit den Augen wahr“, erklärt uns der diplomierte Sozialwissenschaftler. Ihm sei es wichtig, diese ausgetretenen Sinnespfade hin und wieder zu verlassen und den Reichtum des Waldes auch auf andere Weise zu erfahren. „Gehört das zum Waldbaden dazu?“, will eine Teilnehmerin wissen. Waldbaden? Dieses Wort vermeidet Rotthoff geflissentlich. „In dem Moment, in dem wir in den Wald gehen, tun wir uns etwas Gutes“, erteilt er dem aus seiner Sicht dem Zeitgeist geschuldeten Begriff eine klare Abfuhr, „ob wir das nun Spazierengehen, Waldbaden oder Pilze suchen nennen.“

Dietmar Seidel erfreut sich am Duft eines Blattes

Wie riecht der Wald? Neben dem typisch Aroma, zu dem sich die Ausdünstungen der Bäume, der Sträucher, der Erde und der Pilze je nach Jahreszeit mal frisch, mal herb vermischen, verströmen auch die unterschiedlichen Kräuter ihre ganz eigenen Düfte. Unsere geschlossenen Augen spornen unsere Nasen zu Höchstleistungen an, als Rotthoff ein glattes, etwas ledriges Blatt reihum gehen lässt: „Eindeutig Knoblauch!“, sind wir uns sicher. Die Pflanze, die den markanten Geruch in sich trägt, entpuppt sich als in der Region weit verbreitete Knoblauchsrauke. Auch dem Waldziest zupfen wir behutsam ein Blättchen ab, um dessen pilzigen Duft kennenzulernen. Beide Arten ließen sich auch sehr gut in der Küche verwenden, erklärt VHS-Dozent Rotthoff, der ebenfalls als zertifizierter Kräuterkundiger tätig ist.

Andreas Rotthoff mag den Geschmack von frischen Hagebutten.

Wie schmeckt der Wald? „Hmmmm…! Sehr lecker und überraschend fruchtig!“, schwärmt eine Waldwanderin, als sie in die runde, reife, rote Hagebutte beißt, die sie weit genug vom Boden entfernt oberhalb jeglicher potenzieller Gassi-Strecke gepflückt hat. Rotthoffs Empfehlung: Eine Handvoll frisch geernteter Früchte der wilden Rose, kombiniert mit ein paar Brombeerblättern, zu einem Tee aufgießen. „Das ist nicht nur köstlich, sondern auch eine Portion Vitamine extra.“ Püriert lässt sich die Hagebutte ohne Kerne überdies als schmackhaftes Mus zubereiten.

Heike Seidel hört erstaunliche Dinge hinter der Borke

Wie hört sich der Wald an? Auch die Rufe und der Gesang der Vögel klingen bei geschlossenen Augen noch intensiver. Während der Ornithologe Blaumeise, Buchfink und Rotkehlchen allein an ihrer Melodie benennen kann, ist die verwirrende Vielfalt der Stimmen für den Laien nicht weniger faszinierend: Worüber mag der eine Vogel da so laut schimpfen? Und wie viele unterschiedliche Individuen lassen sich auseinander halten? Dass jedoch sogar Bäume mehr an Geräuschkulisse zu bieten haben als das Rauschen ihrer Blätter und das Knarzen ihrer Äste, war mir bisher noch nicht bewusst: Mit einem an die Borke gehaltenen Stethoskop können wir sogar dem leisen Fließen des Wassers durch die feinen Leitungsbahnen lauschen. „Das klappt im Frühling bei Birken sogar ohne Hilfsmittel, wenn man einfach nur sein Ohr gegen den Stamm drückt“, merkt Rotthoff an.

Im Wald lassen sich faszinierende Strukturen ertasten.

Wie fühlt sich der Wald an? Am Beispiel unterschiedlicher Borken tasten wir uns durch die vermeintlich so vertraute Vegetation. Ihre glatte, wellige Oberfläche kennzeichnet etwa die Hainbuche, derweil die Rotbuche eine ebene, nur hin und wieder leicht rissige äußere Rinde aufweist. An einigen Bäumen ist der schützende Mantel stellenweise abgeblättert – womöglich nicht mehr zu rettende Opfer der Trockenheit des vergangenen Sommers? „Der Wald befindet sich in einem ständigen Prozess“, nennt Andreas Rotthoff einen weiteren Aspekt, den der aufmerksame Spaziergänger von Woche zu Woche beobachten könne. Pilze, die sich langsam aus der Erde schieben. Blätter, die sich an den Ästen verfärben. Das Licht der Wintersonne, das demnächst durch die kahlen Gerippe der Baumkronen fallen wird. Dietmar Seidel schaut sich noch ein letztes Mal an diesen Tag staunend um. Er lächelt. Welche bislang noch ungehobenen Schätze der Wald birgt, hat sich der Wegepate – wie zugegeben, auch ich selbst – nicht träumen lassen.

Was man im Wald alles entdecken kann:

Andreas Rotthoff regt an, beim nächsten Waldspaziergang folgende Dinge zu suchen:
1. eine Feder
2. einen Samen, der vom Wind getragen wird
3. genau 100 Exemplare einer Sache
4. ein Ahornblatt
5. einen Dorn
6. drei verschiedene Samen
7. etwas Rundes
8. ein Stück Eierschale
9. etwas Flauschiges
10. etwas Scharfes
11. etwas vollkommen Gerades
12. etwas Schönes
13. etwas Natürliches, das nutzlos ist
14. ein angeknabbertes Blatt
15. Etwas, das ein Geräusch macht
16. etwas Weißes
17. Etwas, das für die Natur wichtig ist
18. Etwas, das dich an dich selbst erinnert
19. etwas Weiches
20. einen natürlichen Wärmespeicher
21. ein glückliches Lächeln

(Erschienen in: Neue Osnabrücker Zeitung, 09. Oktober 2019)