Feuchtwiesen – so feucht wie aus dem Lehrbuch

Die Feuchtwiesen rund um die Düsterdieker Aa machen ihrem Namen alle Ehre, doch was ein echter Naturwissenschaftler ist, den ficht so ein Wolkenbruch nicht an. Die Schüler der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln, Jörg Nordmann, Björg Dewert, Christian Borg und Petra Berghegger nehmen es gelassen. Foto: Ulrike Havermeyer

Staunässe von unten, von oben ergiebiger Regen – die feuchten Wiesen der Düsterdieker Niederung präsentieren sich an diesem Morgen wie aus dem Lehrbuch für angehende Ökologen. Mitten durch die klamme Kulisse stapft unverdrossen eine Gruppe wetterfester Jugendlicher von der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln, genauer gesagt: der Profilkurs Naturwissenschaften.

„Das ist mal etwas anderes als Unterricht im Klassenzimmer“, bekundet Philipp aus dem zehnten Jahrgang, lächelt tapfer und zieht sich die Kapuze noch ein bisschen tiefer ins Gesicht. Zusammen mit Leon, Kevin, Timo und den anderen Kursteilnehmern trägt er abgestorbene Äste in ein Gewässer, das sich bei diesen Witterungsverhältnissen wie ein flacher, kleiner See gebärdet – aber eigentlich gar keiner ist. Seit Anfang des Schuljahres kümmern sich die zehn – so wissbegierigen wie tatkräftigen – Schüler aus Lotte und Westerkappeln mit um die Renaturierung der Düsterdieker Aa, einem in den 1970er Jahren ausgebauten Entwässerungsgraben, der sich schnurgerade durch das Natur- und Vogelschutzgebiet zieht. Im vergangenen Herbst hat der Kreis Steinfurt damit begonnen, dessen Verlauf im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie auf einem Abschnitt von etwa 500 Metern wieder in einen naturnahen, mäandernden Zustand zurückzuversetzen.

Wie steht es um die Biologie?

Doch bei so viel Regen tritt das Wasser an der ökologisch aufgewerteten Stelle aus dem Bett der Aa hinaus und dehnt sich über deren neu gestaltete Überflutungszonen aus. Genauso wie Projektleiterin Petra Berghegger von der Unteren Wasserbehörde des Kreises Steinfurt und Christian Borg vom Ingenieurbüro Wiehager es geplant haben. Was die bautechnische Seite der Wasserbewegungen angeht, klappt es also schon einmal mit den naturnahen Abläufen. Doch wie steht es um die Biologie des Gewässers? Hier kommt Erlebnispädagogin Björg Dewert vom Verein „Natur unterwegs“ ins Spiel, die gemeinsam mit den beiden Lehrern des Profilkurses, Renate Rumler und Jörg Nordmann, die Jugendlichen unterstützt – sowohl was die Theorie, aber vor allem auch was die Praxis betrifft.

Mangel an Halt und Unterschlupf

„Als die Schüler hier vor ein paar Wochen gekeschert haben“, berichtet Dewert, „sind uns nur zwei Arten ins Netz gegangen: die eiförmige Ruderwanze und die Schlammschnecke.“ Das sei allerdings nicht weiter ungewöhnlich, zumal das Gebiet, durch dessen Fluten die Jugendlichen da gerade stiefeln, bis vor Kurzem ja noch eine Wiese gewesen sei. Und durch die ausgiebigen Baggerarbeiten, die für die Umgestaltung der Aa notwendig waren, sei zudem viel Erdreich bewegt worden – weshalb der Grund des Gewässers zurzeit überwiegend aus reinem Sand bestehe. Nicht unbedingt der bevorzugte Lebensraum des Makrozoobenthos, wie der Fachmann die „großen kleinen Tiere“ nennt. Denn die meisten von ihnen finden in und auf dem schlüpfrigen Sediment weder genügend Halt noch Unterschlupf, um sich dort langfristig niederzulassen.

Vom Nutzen praktischer Erfahrungen

Nach Rücksprache mit Petra Berghegger und dem Planungsbüro Wiehager kamen Björg Dewert und die  Lehrer und Schüler des Profilkurses daher überein, Totholz in die Niedrigwasserrinne der Aa einzuarbeiten, sodass sich nach und nach weitere Kleinstorganismen wie der Bachflohkrebs oder die Larve der Köcherfliege im Graben ansiedeln und mithelfen können, dessen Wasserqualität zu verbessern. „Wir lernen hier eine Menge über Naturschutz und Artenvielfalt“, beschreibt Zehntklässler Timo den Nutzen seiner praktischen Erfahrungen. Besonders gut finden er und seine Mitschüler, dass sie „richtig mithelfen können und sehr konkret in das Projekt mit eingebunden werden“.

Langfristige Kooperation geplant

Außer den Arbeitseinsätzen vor Ort sollen auch vogelkundliche Wanderungen unternommen und chemische Analysen im Labor durchgeführt werden. „Die Kooperation mit der Gesamtschule ist langfristig angelegt und über dieses Schuljahr hinaus geplant“, freut sich Dewert über den hoffentlich langen Atem der Einrichtung für den Naturschutz. Sagt‘s, zieht sich die Anglerhose zurecht und verschwindet wieder im Wirrwarr der Bindfäden, die beharrlich aus den Wolken prasseln. „Immer noch besser, als in der Schule zu sitzen“, grinst Kevin, schnappt sich einen Ast – und watet hinterher.

(Erschienen: Westfälische Nachrichten, 05. Oktober 2019)