Zu Besuch beim Grünblättrigen Schwefelkopf

Seit 30 Jahren gibt Pilzexperte Ralf Florian sein mykologisches Wissen an interessierte Naturfreunde weiter. Fotos (6): Ulrike Havermeyer

Um Ochsenzunge, Ziegenlippe und jede Menge praktisch vermitteltes Fachwissen geht es beim Wochenend-Workshop „Pilze“ in Westerkappeln, zu dem Wildnispädagogin Björg Dewert vom Verein „Natur unterwegs“ eingeladen hat.

Friedlich raschelt der heimische Mischwald im Herbstsonnenschein vor sich hin. Friedlich? Von wegen: Zwischen Fichten und Rotbuchen wimmelt es nur so von Betrügern, Schurken und Halunken. Sogar potenzielle Mörder recken ihre Köpfe aus dem Laub. Wer hier Freund von Feind, Fuchsigen Röteltrichterling von Kahlem Krempling unterscheiden will, braucht soliden Sachverstand. Oder einen Experten an seiner Seite, der sich mit der Akribie eines Kriminologen durch das geheimnisumwitterte Reich der Pilze, die weder Tier noch Pflanze sind, bewegt. Ralf Florian ist so einer.

Die meisten Pilze, die essbar sind, haben einen giftigen Verwechslungspartner. Das sollte jeder Pilzsammler im Blick haben.

„Denkt daran: Ihr seid Tatortkommissare“, mahnt der Pilzexperte seine Schüler – eine Gruppe von zehn Erwachsenen, die ihre Kenntnisse rund um Grünblättrigen Schwefelkopf, Wurzelnden Schleimrübling und Co. bei ausgedehnten Streifzügen durch die Seester Botanik vertiefen wollen. „Jeder Pilz, den ihr findet, wird sofort zum Hauptverdächtigen“, besteht der 53-jährige Osnabrücker auf eine lückenlose Beweisführung, bevor einer der begehrten Funde zunächst ins Körbchen und später dann womöglich in die Pfanne wandert. Sein Credo: „Es geht mir in meinen Seminaren nicht darum, dass die Körbe der Leute voll werden – ihre Köpfe sollen sich füllen.“ Mit fundiertem – und nicht selten lebenserhaltendem – Wissen. Denn die meisten Pilze, die essbar sind, haben einen ungenießbaren oder gar giftigen Verwechslungspartner.

Sieht hübsch aus, ist aber giftig: der Beringte Flämmling.

Aber mit den verlässlichen Fakten ist es gerade auf dem weiten Feld der Pilzkunde so eine Sache. Rund 10.000 Großpilzarten gibt es in Mitteleuropa, erläutert Florian, etwa 1500 davon hat er im Osnabrücker Raum bereits nachgewiesen. „Trotzdem weiß ich längst nicht alles über Pilze“, gibt er mit dem entspannten Lächeln des gereiften Mykologen zu bedenken und ergänzt: „Wer so etwas von sich behauptet, ist ein Scharlatan.“ Der gebürtige Hagener, der vor 30 Jahren seinen ersten Pilzkurs gegeben hat, setzt beim Bestimmen der Art vor allem auf verschiedene seriöse Quellen, auf die eigene Erfahrung, auf sehr genaues Hinschauen – und auf eine gesunde Skepsis. „Im Zweifelsfall machen wir einen großen Bogen um einen Pilz, den wir nicht absolut sicher zuordnen können“, schärft er der Gruppe ein.

„Pilzkommissar“ Ralf Florian auf Spurensuche am Tatort.

„Der hier hat so einen schönen weißen Hut – ich glaube, das könnte ein Schiefknolliger Anis-Champignon sein“, schwenkt eine Teilnehmerin einen möglichen Speisepilz in ihrer Hand. Ich glaube?! „Pilzkommissar“ Ralf Florian schüttelt entsetzt den Kopf über so viel Leichtsinn. Wie war das mit der Indizienkette? „Die entscheidenden, unveränderlichen Merkmale, die man immer zuerst durchgehen muss, bevor man einen Pilz als essbar einstuft, findet man in der Regel unter dem Hut“, erklärt er. Pilze von oben zu bestimmen, das sei ungefähr so schwierig wie Käfer von unten.

Keine Litschi, sondern ein Pilz: Der Igelstäubling ist zwar essbar, schmeckt aber nicht besonders gut.

Handelt es sich um einen Röhren-, Poren- oder Lamellenpilz? Welche Form hat der Fruchtkörper? Wie ist der Lamellenansatz gestaltet? Ist der Stiel genattert, geflockt oder genetzt? Wer sich durch ein Bestimmungsbuch arbeitet, sollte sich vorher eingehend mit den Fachbegriffen beschäftigt haben, rät der Pilzexperte. Denn sonst steht man trotz Fachlektüre ratlos am Tatort. Außerdem weist er daraufhin, dass nicht alles, was in Büchern stehe, zwangsläufig richtig sei. Auch hier gilt: Je mehr Quellen man nutzt, desto sicherer ist die Diagnose. Während die meisten Apps seinen strengen Kriterien nicht genügen, empfiehlt Florian die kostenlos zu nutzende Website www.123pilzsuche.de, von der es mittlerweile auch eine – zwar kostenpflichtige, aber inhaltlich brauchbare – App gebe.

Pilze sollten stets in einem luftigen Holzkörbchen gesammelt werden, ohne Papier- oder Plastikeinlage.

Wer zwei Tage lang mit Ralf Florian durch die Wälder und über die Wiesen von Seeste gestiefelt ist, findet gute Gründe, sich ein hübsches Weidenkörbchen zuzulegen: Pilze sind schmackhaft und gesund, viele stärken das Immunsystem, manche besitzen sogar heilende Kräfte. Im Vergleich zu einigen osteuropäischen Ländern sind unsere Böden – und damit auch die Pilze, die auf ihnen wachsen – zudem weniger mit Schwermetallen belastet. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie empfiehlt Erwachsenen dennoch, nicht mehr als 200 bis 250 Gramm Wildpilze pro Woche zu verzehren. „Man geht aber nicht nur in die Natur, um Pilze zum Essen zu finden“, nennt Florian noch eine weitere Motivation: „Viele Pilze sehen einfach wunderschön aus – und sie verraten einem viel über das Habitat, in dem sie wachsen.“

Mehr als hundert Arten gefunden

Das kann Björn Dewert nur bestätigen: Das Gebiet, das die Gruppe durchstreift habe, sei geologisch betrachtet recht kleinteilig strukturiert, erläutert sie. Der Untergrund reiche von einem ehemaligen Niedermoor über sandige Bereiche bis hin zu Muschelkalk. Auch die Nutzungsformen der Flächen, über die die Touren geführt haben, seien abwechslungsreich gewählt worden. Diese Vielfalt spiegelt sich am Ende, wenn auch nicht in den Sammelkörbchen, so doch auf der Liste der erfassten Pilzarten wider: Fast hundert verschiedene Namen haben wir notiert, von denen die meisten so poetisch klingen, dass man sie ohne weiteres als Protagonisten für einen wunderlichen Roman verwenden könnte. Für eine Kriminalgeschichte, versteht sich.

(Erschienen in: Neue Osnabrücker Zeitung, 21. Oktober 2020)