Widerstand ist zwecklos …!

Kongo-Graupapagei Spikee lässt das behutsame Schleifen seines Schnabels über sich ergehen. Allerdings erst, nachdem er vehementen Widerstand geleistet hat. Fotos (3): Ulrike Havermeyer

So selten wie die Vertreter mancher Vogelarten, so dünn gesät sind auch die Fachtierärzte, die sich auf eine gefiederte Klientel spezialisiert haben. Einer dieser gefragten Veterinäre ist Dr. Axel Zinke, der seit 2005 eine Kleintierpraxis in Büren betreibt.

Fast mein ganzes bisheriges Leben habe ich mit Tieren verbracht. Da waren Hexe, Rosel und Centa – unsere treuen Familienhunde, die mich durch meine Kindheit begleitet haben. Auf einer ausnehmend gutmütigen Milchkuh namens Lucy habe ich Reiten gelernt, bevor Babu, eine betagte Ponystute, mich auf ihrem Rücken herumtrug. Außerdem: diverse Katzen, ein verwaistes Rehkitz, mehrere Kaninchen. Eine ernüchternde Lebensweisheit aus dieser Zeit gefällig? Bitte sehr: Wer Tiere hat, der hat auch kranke Tiere.

Das Portfolio der Gebrechen

Parasitenbefall, Euterentzündungen, Koliken und Geschwulste – das Portfolio der Gebrechen scheint unerschöpflich. Entsprechen häufig sind Veterinäre, Klauenschneider und Hufschmiede auf dem landwirtschaftlichen Betrieb meiner Eltern ins Schwitzen geraten. Inzwischen ist die Tierliebe längst auf die jüngste Generation übergesprungen, und wieder sind es ausschließlich Fellträger, die den Alltag meiner Kinder durch ihre Gesellschaft bereichern. Die Vögel – Elstern, Meisen, Rotkehlchen, Bussarde oder Fasanen – sind zwar in der Bauerschaft, in der wir leben, nicht minder präsent, besitzen bei uns aber eher den Status des Wildtiers, das den Gesetzen der Natur und nicht denen der Tierheilkunde unterliegt.

Woran leiden eigentlich die Gefiederten?

Umso gespannter bin ich, als ich die Praxis von Dr. Axel Zinke betrete. Denn woran die possierlichen Verwandten der Dinosaurier kränkeln, damit habe ich keinerlei Erfahrungen. Doch wenn Vogelliebhaber sich nicht selten auf einen Weg von mehreren hundert Kilometern begeben, um ihre Hausgenossen bei dem ausgewiesenen Experten behandeln zu lassen, scheint das Gebiet der Vogelmedizin ein ebenso bedeutsames wie anspruchsvolles Feld zu sein.

Wenn der Graupapagei zu Toben beginnt

„KROOOAAAAAH!!!“ – im Wartezimmer tobt stimmgewaltig der Bär, oder besser gesagt: der Kongo-Graupapagei. In seiner Transportbox geht Spikee hemmungslos auf die Barrikaden und krächzt Zeter und Mordio. Seine Besitzer Yvonne Bülow und Berthold Brinkschröder aus Hilter versuchen halb amüsiert, halb mitleidig, ihren meckernden Liebling zu beruhigen. „Papageien sind klug – Spikee weiß natürlich, was gleich passiert“, sagt Brinkschröder und blickt entschuldigend in die Runde. Etwa alle zwölf Monate wird der zur Kreuzstellung neigende Schnabel des aufmüpfigen Vogels in der Bürener Praxis in Form geschliffen. Die anderen Wartenden schmunzeln – und nicken verständnisvoll. Auf ihren Knien balancieren sie Käfige, Pappschachteln und kunstvoll gebastelte Behältnisse aller Art, in denen niesende Kanarienvögel, verschleimte Wellensittiche und ein altersschwaches Kaninchen auf Besserung harren.

Sieben wummernde Kanarienvögel

Der zunehmend auf Krawall gebürstete Spikee muss sich jedoch noch etwas gedulden – denn jetzt werden erstmal sieben Kanarienvögel aus Greven ins Behandlungszimmer gerufen. Deren Besitzerin lässt die Verfassung ihrer Schützlinge regelmäßig von Axel Zinke überprüfen. „Im Prinzip können Vögel an sehr ähnlichen Krankheiten leiden wie Menschen“, erklärt der Veterinär und umschließt mit seiner linken Hand behutsam das erste bunte Federbällchen. Er dreht das Tier auf den Rücken – der kleine Vogel blinzelt den Arzt aus glasigen Knopfaugen an. „Dieser Patient ist bereits vor Jahren an Grauem Star erkrankt und mittlerweile völlig erblindet“, berichtet Zinke. „Aber er wird hervorragend gepflegt und kommt gut zurecht.“ Der Veterinär pustet sachte ins Gefieder des zart gebauten Finken, sodass dessen Brustmuskulatur sichtbar wird. „Auf diese Weise kann ich den Ernährungsszustand kontrollieren und sehen, ob der Bauch geschwollen oder die Leber vergrößert ist.“

Filigranes Wunderwerk der Natur

Mit einer schwungvollen Bewegung bugsiert Axel Zinke den Kanarienvogel an mein Ohr: Ein warmes, unendlich filigranes, pulsierendes Wunderwerk der Natur berührt meine Haut. „Hören Sie das zarte Wummern?“, flüstert Zinke. Ich lausche gebannt: „KROOOAAAAAH!!!“ lässt mich jedoch ein inzwischen wohlvertrautes Krakeelen aus dem Nebenzimmer jäh zusammenfahren. Dann aber schwebt es flüchtig durch meinen Gehörgang: „Wrrrmmmh, wrrrmmmh…“ Das feine Wummern, erklärt Zinke, sei sehr erfreulich – ein Rasseln dagegen hätte auf eine Lungenentzündung hingedeutet. Nein, ganz klar: In diesem zierlichen Geschöpf wummert es. Auch die Zehen, die Schnäbel und die Gaumenspalten der sieben grazilen Federträger aus Greven sehen gut aus. Ein jeweils sanft in beide Nasenlöcher geträufelter Wassertropfen, der eine deutliche Schluckbewegung bei den Tieren auslöst, signalisiert, dass deren obere Atemwege frei sind. Zinke ist zufrieden: Alles in Ordnung – der nächste Patient, bitte.

Viel Fingerspitzengefühl ist notwendig beim Kürzen des empfindsamen Papageienschnabels.

Manege frei für Spikee

Mange frei für Spikee: In der Transportbox rumort es gewaltig – und der etwa 15-jährige Graupapagei gibt alles, als Jana Vogt, Auszubildende Tiermedizinische Fachangestellte, deren Tür öffnet. Mit wildem Kampfgeschrei und unter heftigem Flügelschlagen schießt Spikee an Zinkes verdutzter Mitarbeiterin vorbei. „Schwer erziehbar…“, kommentiert Yvonne Bülow betreten den erfolgreichen Fluchtversuch, und Berthold Brinkschröder schüttelt seufzend den Kopf: „Immer heischt er nach Aufmerksamkeit.“ Aber natürlich kennt Axel Zinke, der Fachtierarzt für Vögel aller Art und jeden Charakters, nicht nur seine Pappenheimer, sondern auch deren noch so gewiefte Eskapaden. Mit einem unverhohlenen Siegeslächeln wirft er ein Geschirrhandtuch über den eigensinnigen Ausbrecher: Schluss mit lustig – das erkennt nun auch Spikee. Ohne weiteren Widerstand zu leisten, überlässt er sich schicksalsergeben dem routinierten Griff von Jana Vogt, während Axel Zinke die Instrumente zum Schleifen des Schnabels ansetzt.

Überwältigt: Jana Vogt und Tierarzt Dr. Axel Zinke sind ein eingespieltes Team, auch wenn es um die Behandlung von widerspenstigen Patienten geht.

Wenn Blicke töten könnten

Na, wer sagt’s denn: Keine Viertelstunde später hockt der Graupapagei bereits wieder in der Sicherheit seiner Reisekiste: hübsch anzusehen, mit adrett gekürztem Schnabel, allerdings demonstrativ schweigend. Und auch, wenn Vögel – ganz anders als die oft leicht zu durchschauenden Fellträger – über keine ausgeprägte Mimik verfügen, erkenne selbst ich als unerfahrene Beobachterin, dass, wenn Blicke töten könnten, es hier unter den anwesenden behaarten Zweibeinern wohl einige herbe Verluste zu beklagen gäbe.

(Erschienen in: Neue Osnabrücker Zeitung, 24.05.2017, Westfälische Nachrichten, 24.05.2017)