Als der Huflattich fast den Frühling verschlief

Der Huflattich hat den Frühlingsanfang 2018 fast verschlafen: Die Blüte ließ sich erst am 23. März blicken. Deutlich später als im milden Frühjahr 2014, als er seine gelben Blätter schon am 15. Februar entfaltete. Der Jahresbeginn 2013 war wiederum so frostig wie kein anderer, den Julia-Sophie von Richthofen bisher für den DWD protokolliert hat: Damals ließ der Huflattich sogar bis zum 11. April auf sich warten. Foto: Michael Gründel/NOZ

Bei Julia-Sophie von Richthofen ist selbst der bummeligste Frühling in den besten Händen. Was ihr eigenes Verhalten angehe, sagt die 45-jährige Georgsmarienhütterin, lege sie zwar durchaus Wert auf Pünktlichkeit, „bei anderen bin ich da aber nicht so pingelig.“ Na, dann ist ja gut. Denn Huflattich und Busch-Windröschen erweisen sich in diesem Jahr als hemmungslose Schnarchnasen. Dass sie eine zeitige Verabredung mit der ehrenamtlichen Phänologin des Deutschen Wetterdienstes (DWD) um etliche Tage verschlafen haben, scheint den langmütigen Frühblühern nichts auszumachen.

Unterwegs in der Natur: Julia-Sophie von Richthofen begutachtet die Blüten der Kornelkirsche. Foto: Michael Gründel/NOZ

Der Blick von Julia-Sophie von Richthofen schweift in die Weite – über die unebenen Parzellen im „Dreiländereck“ von Voxtrup, Georgsmarienhütte und Bissendorf: In ihrem fußläufig zu bewältigenden Beobachtungsgebiet dominieren Ackerland und Mischwälder, vereinzelt unterbrochen von Weiden und Mähwiesen. Viele der abgelegenen Wegränder sind mit heimischen Sträuchern – Schwarzdorn, Hasel und Holunder – bewachsen. Die gelernte Agraringenieurin, die mit ihrem Mann Ludger Hengelsberg inmitten dieser durch und durch landwirtschaftlich geprägten Ecke von Holsten-Mündrup lebt, tätschelt Haushund Pippin das raue Fell und atmet tief durch. Schaut in die winterlich-triste Landschaft. Und schweigt. Pippin wirft sich längelang ins schüttere Gras: Wenn das olle Grünzeug auf sich warten lässt, wird sich ein folgsamer Vierbeiner ja wohl auch etwas Zeit zum Kräftesammeln gönnen dürfen.

Eine ratlos wirkende Blaumeise flattert durch die Kulisse und landet im sperrigen Geäst einer jungen Kastanie. Fast meint man, aus ihrem winzigen Schnabel ein zartes Seufzen zu hören. Ob auch Singvögel vom Warten auf den Frühling irgendwann genervt sind? Julia-Sophie von Richthofen betrachtet noch einmal die kahlen Zweige, den kargen Boden, das ausgeblichene Laub des Vorjahres, lässt sich den noch immer viel zu frischen Wind durchs Gesicht wehen und schüttelt etwas ungläubig den Kopf. Ein bisschen Ungeduld ist jetzt sogar ihr anzumerken…

Die Phänologin hebt die vertrockneten Blütenstände der Erle vom Boden auf. Foto: Michael Gründel/NOZ

„Bei diesen Temperaturen ist es natürlich kein Wunder, dass draußen noch nichts los ist“, zeigt sie aber sogleich vollstes Verständnis für die Botanik. Der Jahresbeginn 2018 sei für die Pflanzen im Osnabrücker Hügelland eine wahre Achterbahnfahrt gewesen: Einem milden Dezember und einem lauen Januar, in dem die Hasel schon Anfang des Monats zu blühen begonnen habe, sei ein kalter Februar mit Dauerfrösten gefolgt. „Da ist die Natur gezwungenermaßen erst einmal wieder zur Ruhe gekommen.“ Dann plötzlich am 4. und 5. März: „Superschönes Wetter, Sonne und Temperaturen bis über zehn Grad – die Knospen wollten förmlich explodieren“, erinnert sich die Phänologin, „aber schon am 6. März gingen die Temperaturen wieder rapide runter und eine neue Kaltphase setzte ein.“

Nichtsdestotrotz ist am heutigen Vormittag ein obligatorischer Kontrollgang fällig. Die Jacke zugeknöpft, das Fernglas umgehängt, Stift und Protokollbuch eingesteckt, Pippin aufscheuchen – und los geht es. „Um über lange Zeiträume zuverlässige und vergleichbare Daten zu bekommen“, erklärt von Richthofen, „sollte man als Phänologe am besten immer dasselbe Exemplar einer Pflanzenart beobachten.“ Soll heißen: dieselbe Eiche, dieselbe Erle, denselben Apfelbaum – schwieriger wird es allerdings bei Kräutern und Gräsern. Dazu heißt es in den immerhin fast 200 Seiten umfassenden „Vorschriften und Betriebsunterlagen für die phänologischen Beobachter des Deutschen Wetterdienstes“: „Beobachtet werden soll … Jahr für Jahr an einem Objekt (Baum, Strauch) beziehungsweise an einem Standort (krautige Pflanze).“

Auch welche unterschiedlichen Arten es unter die Lupe oder vor die Linse zu nehmen gilt, hat der DWD genau festgelegt und übersichtlich in vorgedruckte Listen sortiert – ein buntes Potpourri an Forst- und Ziergehölzen sowie Wild- und landwirtschaftlichen Kulturpflanzen: „Die Pflanzenauswahl ist … auch historisch gewachsen und steht in Kontinuität zu den Programmen der ehemaligen deutschen Wetterdienste“, heißt es in der Anleitung. Und weiter: „Entsprechend lang und aussagekräftig sind die phänologischen Reihen.“ Im Verzeichnis des DWD finden sich Beobachtungsgebiete, die seit mehr als 50 Jahren ohne Unterbrechung von ehrenamtlichen Phänologen begleitet werden. Einige Reihen erstrecken sich sogar über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten.

Um die Blüten der Bäume zu erkennen, hilft ein Blick durch Großvaters Fernglas. Foto: Michael Gründel/NOZ

Seit immerhin elf Jahren ist nun also auch Julia-Sophie von Richthofen dabei und notiert seitdem – je nach Witterung und Entwicklungszustand des jeweiligen Objekts mal täglich, mal wöchentlich – akribisch, wann die Pflanzen in ihrer Bauerschaft zu grünen und zu blühen, zu wachsen und zu reifen, sich zu verfärben und zu welken beginnen. Was hat sie zur Phänologie geführt? „Mein Mann ist Landwirt – da habe ich nach einem passenden Hobby für mich gesucht, etwas, das ich gut von zuhause aus unternehmen kann“, sagt sie mit einem amüsierten Augenzwinkern. „Nein, im Ernst – ich mache das einfach total gerne.“ Ihr Gefühl für die Abläufe in der Natur entwickle sich von Jahr zu Jahr stärker, beschreibt sie die nicht nachlassende Faszination, „und für vieles, was mir inzwischen sofort ins Auge springt, hatte ich vorher überhaupt keinen Blick.“ Dazu komme, dass auch sie selbst im landwirtschaftlichen Umfeld aufgewachsen und beruflich im Bereich Pflanzenschutz beschäftigt sei. „Das Unternehmen, für das ich tätig bin, kooperiert seit langem mit dem DWD und bezieht sich auf dessen phänologisches Datenmaterial.“ Und wer den Nutzen von etwas so mühevoll Zusammengetragenem habe, meint die resolute Naturfreundin, der könne sich ja schließlich auch an dessen Weiterentwicklung aktiv beteiligen. Kurzum: gesagt – getan!

Mit dem Feldstecher kontrolliert von Richthofen die obersten Kätzchen ihrer Sal-Weide, aber noch sind die gelben Staubbeutel nicht zu erkennen. Auch Eberesche und Stachelbeere treiben noch nicht aus. „Aber hier könnte es gleich spannend werden“, biegt die Phänologin mit forschen Schritten um die nächste Kurve – und bricht keine fünf Sekunden später in begeisterten Jubel aus: „Das da sind meine Bienen! Da vorne auf den Blüten der Kornelkirsche!“ Julia-Sophie von Richthofen ist völlig aus dem Häuschen, und sogar Pippin bedenkt die summenden Winzlinge mit einem höflichen Schwanzwedeln. Die Freude ist nur allzu verständlich: Hat die Georgsmarienhütterin doch erst im vergangenen Jahr einen Lehrgang zur Imkerin absolviert und nun mit viel Mühe und noch mehr Stolz ihr erstes Volk über den Winter gepäppelt. „Wer sich wie ich dauernd draußen in der Natur aufhält und ständig mit Pflanzen zu tun hat, für den ist die Imkerei nur der nächste logische Schritt.“

Die Beobachtungsergebnisse werden im Protokollbuch festgehalten. Foto: Michael Gründel/NOZ

Gut 1200 Phänologen, so DWD-Mitarbeiterin Anja Engels, seien bundesweit im Einsatz und haben die Botanik fest im Blick. Das gesamte Jahr hindurch. Die Mitarbeiter des DWD werten die am Ende jedes Jahres übermittelten Langzeitbeobachtungen und die jeweils aktuell weitergeleiteten Sofortmeldungen von Julia-Sophie von Richthofen und ihren Mitstreitern aus und stellen sie unter anderem Umwelt-, Agrar- und Forstwissenschaftlern, Klimatologen, Meteorologen oder Medizinern zur Verfügung. Sie alle profitieren von den, Stiefelschritt für Stiefelschritt gesammelten, Werten der Phänologen. Besonders wichtig, unterstreicht Julia-Sophie von Richthofen, seien zurzeit die Sofortmeldungen über den Blühbeginn etwa von Weide, Birke oder Kiefer für den Pollenwarndienst, damit sich die Betroffenen rechtzeitig für die nächste Welle der Allergene rüsten könnten.

Die Hände tief in die Jackentaschen gestopft, drängt sich dem Betrachter nun allerdings der Eindruck auf, dass zumindest der Frühling 2018 in der Region definitiv nicht zu einem vorgezogenen Sommer eingedampft ist, sondern seinen altehrwürdigen Ruf als eher kühle Jahreszeit verteidigt hat. Wasser auf die Mühlen derjenigen, die den Klimawandel infrage stellen? Julia-Sophie von Richthofen wiegt nachdenklich den Kopf, ihre Miene sieht nicht wirklich nach Entwarnung aus: „Um da einen Trend zu erkennen und eine seriöse Prognose abzugeben, braucht man Dokumentationszeiträume, die über mindestens 20 Jahre kontinuierlich andauern“, gibt sie zu bedenken. „Ich persönlich habe den Eindruck, dass die Jahreszeiten nicht mehr so stabil sind, wie ich sie aus den Zeiten meiner Kindheit in Erinnerung habe, die Temperaturen scheinen stärker zu schwanken.“

Phänologische Uhr für den Raum Osnabrück. Quelle: NOZ/DWD

Doch wer wirklich wissen will, ob und wie sich unser Klima verändert, der muss beständig die Augen offenhalten, genau hinschauen – und das Gesehene aufschreiben. Denn nur auf der Basis von exakten und gewissenhaften Beobachtungen lassen sich fundierte Aussagen ableiten. Weil die Forscher darauf angewiesen sind, auch über winzige Veränderungen in der Natur sofort und vor allem möglichst flächendeckend informiert zu werden, sind nicht bloß treue, sondern auch dringend neue Phänologen gefordert, bei Wind und Wetter, Sommersonne und Frühlingsfrösten unerschütterlich und mit der nötigen Prise Humor ihre Daten zu sammeln. „Wer Phänologe werden will, braucht kein Pflanzenexperte zu sein“, versichert Julia-Sophie von Richthofen, „auch ich habe zu Anfang etliches nachgeschlagen.“ Doch das Material des DWD sei reichlich bebildert und beantworte nahezu alle Fragen. Wer mehr wissen will über die Tätigkeit eines ehrenamtlichen Phänologen, kann sich auf der Homepage des Deutschen Wetterdienstes www.dwd.de oder persönlich bei Anja Engels unter Telefon 069/ 8062-2946 informieren.

P.S. Hintergründe zum Making-of der Reportage

Auf gar keinen Fall dürfe sie die Blüte des Huflattichs versäumen, gab der Redaktionsleiter der freien Journalistin Ulrike Havermeyer mit auf den Weg. Das erste Telefonat mit Phänologin Julia-Sophie von Richthofen erfolgte somit schon im Januar. Doch das vereinbarte Treffen Mitte Februar musste verschoben werden: kein Huflattich! Auch der nächste Versuch Anfang März fiel flach. Der Redaktionsschluss rückte näher – der Huflattich blieb stur. Die Journalistin wurde nervös… Mitte März? Noch immer nichts! Dass der Huflattich dann eine saubere Punktlandung hinlegte und einen Tag vor der absoluten Deadline seine gelben Blüten entblätterte, war das Tüpfelchen auf dem i eines so lehrreichen wie spannenden Naturerlebnisses.

(Erschienen in: Neue Osnabrücker Zeitung, 07.04.2018)