Das stille Leiden der heimischen Süßwasserfische

Drei Frauen – Eva Pier (von links), Dr. Svenja Gertzen und Nina Dorenkamp – und ein wagemutiger kleiner Flussbarsch, der unmittelbar nach dem Foto wieder zu Wasser gelassen wurde, klärten die Kursteilnehmer über den Zustand der heimischen Gewässer und ihrer Bewohner auf. Foto: Ulrike Havermeyer

Reh, Hase, Fuchs – kenne ich. Auch Kohlmeise, Buchfink und Zaunkönig weiß ich zu unterscheiden. Aber Barbe und Döbel, Koppe oder Quappe? Nie gehört. Damit das nicht so bleibt, nehme ich am Workshop „Heimische Süßwasserfische“ teil.

Wer in Wanderstiefeln oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, legt zwischendurch gerne mal ein Päuschen ein. Und weil Wasser eine magische Anziehungskraft auf die meisten Menschen ausübt, sind Rastplätze im Uferbereich eines Sees, an einem Kanal oder Fluss oft besonders begehrt. Ich lehne mich bei diesen Gelegenheiten am liebsten gegen das Geländer einer Brücke, schaue in das unter mir dahin plätschernde Wasser und lasse meine Gedanken treiben.

Meditative Momente sind das, in denen man die Augen schließt, das Wasser gurgeln, den Wind durch die Blätter streichen und die Vögel singen hört. Und genau da fängt das Problem mit den Fischen an: Sie sagen nichts. Und wer nicht gerade geduldig und konzentriert ins Wasser starrt, der sieht sie auch nicht. Als wäre das nicht schon hinderlich genug, kommt noch dazu, dass, wer wie ich weder Angler noch Gewässerkundler oder gar Hobby-Ichthyologe ist, der erkennt – falls er denn das seltene Glück einer Begegnung hat – allenfalls mehr oder weniger lange graue Gestalten, die mehr oder weniger hektisch durch das nasse Element gleiten. Ob sich hinter dem schwerlich zu fokussierenden, nicht greifbaren Gewusel ein Aland, ein Schlammpeitzger, eine Karausche oder eine Schmerle verbirgt? Keine Ahnung…!

Für das Thema sensibilisieren

„Im Rahmen unserer ,Bildungsoffensive Natur‘ wollen wir in diesem Workshop, den wir gemeinsam mit dem Landesfischereiverband Westfalen und Lippe (LFV) anbieten, für das Thema ,Heimische Süßwasserfische, Bestand, Gefährdung und Schutz‘ überhaupt erst einmal sensibilisieren“, erklärt Eva Pier von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW (NUA). Immer weniger Menschen hätten heutzutage einen Bezug zur Natur, bedauert Pier, geschweige denn zur schwer zugänglichen Unterwasserwelt: „Vielen ist gar nicht klar, dass mehr als 60 verschiedene Fischarten in unseren Gewässern leben.“ Mit dieser Entfremdung gehe leider auch zunehmend das Wissen verloren, wie diese Arten hießen, wie man sie erkenne, welchen Gefährdungen sie aktuell ausgesetzt seien – und wie man die Lebensbedingungen für sie verbessern könne.

35 Teilnehmer sitzen im komplett ausgebuchten Blauen Klassenzimmer des LFV in Münster, um sich mit dem Artenreichtum, der Diversität, in den Still- und Fließgewässern Westfalens vertraut zu machen. Eine 14-jährige Schülerin ist mit dabei, einige Lehrer, Vertreter von Naturschutzorganisationen und Umweltbehörden, von der Bezirksregierung und aus den Kommunen sowie auch Privatpersonen. Während die Fischkenner des LFV uns in faktengespickten Vorträgen mit theoretischen Grundkenntnissen anfüttern, wartet in den Wasserbecken im schattigen Innenhof bereits das Anschauungsmaterial: „Die Tiere haben wir in unserer Reuse in einer Fischaufstiegsanlage bei Lünen aus der Lippe gefangen“, erläutert Svenja Gertzen. Die promovierte Biologin betreut ein Forschungsprojekt, das den Fischbestand in der Lippe erfasst, Gründe für die je nach Fischart durchaus dramatischen Rückgänge benennt und Maßnahmen zur Stabilisierung der Populationen erarbeitet.

Kooperation mit lokalen Angelvereinen

„Die Prognosen zur Entwicklung eines Fischbestands lassen sich nur über mehrere Jahre lang erfasste Datenreihen abbilden“, betont Nikola Theißen vom Landesamt Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW und verweist auf das digitale Auskunftssystem unter fischinfo.naturschutzinformationen.nrw.de/fischinfo/de/start, mit dessen Hilfe sich jeder über die bisher erhobenen Zählungen informieren kann. „Wichtig ist es, alle Arten im Blick zu behalten“, sagt Theißen. Nicht nur die gefährdeten, sondern auch die invasiven (eingewanderten) Arten und die vermeintlich stabilen Populationen. Besonders die Kooperation mit den lokalen Angelvereinen sei für eine möglichst engmaschige Erfassung der Fischarten in Westfalen von großer Bedeutung.

Am Beispiel des Aals verdeutlicht Diplom-Biologe Carsten Nolting, wie ein einstmals bei uns weit verbreiteter „Brotfisch“ in den vergangenen Jahrzehnten bis an den Rand seiner Existenz gedrängt wurde. Die Ursachen seien vielfältig und möglicherweise auch noch nicht vollständig bekannt, gibt Nolting zu bedenken, aber egal welche Art man betrachte, für deren Rückgang seien oft ähnliche Faktoren mit verantwortlich: Ausbau der Gewässer und somit Verlust natürlicher Lebensräume, Querbauwerke in den Flusssystemen (Wasserkraft), Umweltgifte, Krankheiten und Parasiten, Konkurrenz durch invasive Arten, zunehmender Druck durch Fressfeinde (Kormoran) sowie die Klimaveränderung.

Die Öffentlichkeit mit ins Boot holen

Ganz schön heikel, so ein Leben als Flossenträger, dämmert es mir mehr und mehr. Die verborgene Welt unter Wasser ist, so friedlich die Wellen aus menschlicher Sicht denn auch dahin gluckern mögen, alles andere als ein Ponyhof. Derart von den Fachleuten aufgeklärt, wird mir schon etwas mulmig zumute, als ich der schimmernden Rotfeder, dem marmorierten Wels und dem hübsch gebänderten Flussbarsch, die da im Aquarium ihre Runden drehen, in die tiefgründigen Augen schaue. Während die hier zwischengehälterten Exemplare allein durch Anwesenheit mithelfen, die Öffentlichkeit auf die vertrackte Situation in den heimischen Gewässern aufmerksam zu machen, schwimmen ihre Artgenossen in Düte und Hase, Mittellandkanal und Aa einer ungewissen Zukunft entgegen.

Über weitere Kursangebote informiert die Natur- und Umweltschutzakademie auf ihrer Internetseite www.nua.nrw.de. Der Landesfischereiverband präsentiert sich unter www.lfv-westfalen.de. Angebote zum Kennenlernen der heimischen Gewässer und ihrer Bewohner – speziell für Kinder und Jugendliche – hat das Projekt Finne (Fischwelt in NRW neu entdecken) erarbeitet. Kitas, Grundschulen und weiterführende Schulen bis Sek. II können an kostenlosen Workshops im Blauen Klassenzimmer in Münster teilnehmen oder das mobile Finne-Team zu sich einladen. Auskünfte erteilt Projektleiterin Nina Dorenkamp unter Telefon 0251/4827121.

(Erschienen in: Neue Osnabrücker Zeitung, 04.07.2018)