{"id":877,"date":"2016-06-15T19:13:23","date_gmt":"2016-06-15T17:13:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=877"},"modified":"2020-04-03T16:17:37","modified_gmt":"2020-04-03T14:17:37","slug":"planet-puett-reise-ins-ungewisse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=877","title":{"rendered":"Planet P\u00fctt: Reise ins Ungewisse"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_948\" aria-describedby=\"caption-attachment-948\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b.jpg\" rel=\"attachment wp-att-948\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-948\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b.jpg\" alt=\"Seit mehr als 500 Jahren graben, bohren und sprengen sich die Bergleute aus der Region in das Steinkohlerevier des Schafbergs hinein. Dabei sind sie bis zu einer Tiefe von 1545 Meter vorgedrungen. In zwei Jahren endet die Geschichte des Bergbaus in Ibbenb\u00fcren. Foto: Gisbert Schmitz\" width=\"1500\" height=\"996\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b.jpg 1500w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b-768x510.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b-1024x680.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1b-1200x797.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-948\" class=\"wp-caption-text\">Seit mehr als 500 Jahren graben, bohren und sprengen sich die Bergleute aus der Region in das Steinkohlerevier des Schafbergs hinein. Dabei sind sie bis zu einer Tiefe von 1545 Meter vorgedrungen. In zwei Jahren endet die Geschichte des Bergbaus in Ibbenb\u00fcren. Foto: Gisbert Schmitz<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Noch bis 2018 wird in Ibbenb\u00fcren Kohle gef\u00f6rdert. Dann ist Schluss. So haben es die Politiker beschlossen. Das letzte f\u00fcr Besucher zug\u00e4ngliche Fl\u00f6z ist fast abgebaut. Wer die Welt unter Tage erleben will, muss sich beeilen. Also: Gl\u00fcckauf!<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_3040\" aria-describedby=\"caption-attachment-3040\" style=\"width: 375px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Nordschacht_Bergleute_bei_der_Seilfahrt.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3040\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Nordschacht_Bergleute_bei_der_Seilfahrt-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"375\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Nordschacht_Bergleute_bei_der_Seilfahrt-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Nordschacht_Bergleute_bei_der_Seilfahrt.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3040\" class=\"wp-caption-text\">In der Halle des Nordschachts warten die Kumpel auf den F\u00f6rderkorb. Foto: Aktiv im Norden<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gef\u00fchlt befinde ich mich auf der ersten bemannten Marsexpedition. Eine Fahrt ins Ungewisse allemal. Mein Raumanzug besteht aus ungebleichtem Herren-Feinripp. Zumindest die untere Lage. Dar\u00fcber trage ich derben Stoff, Knieschoner und klobige Sicherheitsstiefel. Doch die f\u00fcr mich unbekannten Gefilde, zu denen meine Begleiter von der RAG Anthrazit und ich aufbrechen, liegen nicht weit entfernt himmelw\u00e4rts, sondern tief verborgen in der westf\u00e4lischen Erde. Und unser Shuttle ist ein F\u00f6rderkorb. Mit acht Metern pro Sekunde bringt uns der Gitterk\u00e4fig zu unserem Zielort: \u201eStreb 7\/8 Westen Fl\u00f6z 51\u201c \u2013 rund 1220 Meter unter Tage. Kaum hat sich der Korb in Bewegung gesetzt, sp\u00fcre ich den Druck in meinen Ohren. \u201eGanz entspannt bleiben und immer daran denken: Unter uns ist nichts, au\u00dfer einem tiefen Loch\u201c, scherzt einer der Kumpel und grinst mich an. Seine Bemerkung entlockt mir ein gequ\u00e4ltes L\u00e4cheln und \u2013 plopp \u2013 sind meine Ohren wieder frei. Etwa zweieinhalb Minuten rauschen wir durch die Erdkruste.<\/p>\n<p><em>\u201eDa h\u00e4ngt eine ganze Kultur dran\u201c<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_878\" aria-describedby=\"caption-attachment-878\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-878\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/P\u00fctt1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-878\" class=\"wp-caption-text\">\u201eUnter Tage muss sich jeder auf den anderen verlassen k\u00f6nnen\u201c, sagen die Kumpel. Wenn die Belegschaft im Dezember 2018 ihre letzte Schicht auf dem P\u00fctt beendet, stirbt damit eine mehr als 500 Jahre alte Tradition der Solidarit\u00e4t in der Bergmannsstadt. Foto: Thomas Weber<\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit mehr als 500 Jahren graben, bohren und sprengen sich die Bergleute aus der Region in das Steinkohlerevier des Schafbergs hinein, um den in der Ibbenb\u00fcrener Bergplatte reichlich vorhandenen Rohstoff zutage zu f\u00f6rdern. Rund 1,6 Millionen Tonnen waren es im vergangenen Jahr. \u201eDas sind durchschnittlich 7899 Kilo Kohle pro Mann pro Schicht\u201c, sagt Norbert Schwanke, Leiter der Abteilung Gewinnung und Produktion bei der RAG Anthrazit. Derzeit besch\u00e4ftigt das Unternehmen 1568 Mitarbeiter, davon 649 unter Tage. Etwa zwei Drittel der gef\u00f6rderten Kohle werden im benachbarten Kraftwerk des Energiekonzerns RWE verfeuert. Doch obwohl unter dem Gel\u00e4nde noch immer jede Menge Kohle lagere, wie Schwanke betont, wird der Bergbau in Ibbenb\u00fcren in zwei Jahren eingestellt. Der Betrieb rechne sich nicht mehr, hei\u00dft es. \u201e\u00dcber das Steinkohlefinanzierungsgesetz ist der Ausstieg eine beschlossene Sache\u201c, sagt Norbert Schwanke. Seine Kollegen \u2013 Betriebsrat Burkhard Ott und Reviersteiger Michael Franck \u2013 nicken. Dass sie und ihre Mitstreiter tats\u00e4chlich die letzten Kumpel in der Bergmannsstadt Ibbenb\u00fcren sein sollen, und dass mit ihrer letzten Schicht eine Jahrhunderte alte Tradition f\u00fcr immer enden wird \u2026 \u2013 Michael Franck sch\u00fcttelt den Kopf: \u201eDer Bergbau ist ja nicht nur ein Berufsstand, da h\u00e4ngt auch eine ganze Kultur dran\u201c, sagt er, \u201edas Gef\u00fchl von Kameradschaft, von einer fest zusammengewachsenen Gemeinschaft, in der sich jeder auf den anderen verlassen kann.\u201c Dieser Geist hat die Biografien vieler Familien in der Region gepr\u00e4gt. Oft \u00fcber Generationen. Auch Burkhard Ott sieht nachdenklich aus: \u201eUnsere Kinder, sp\u00e4testens unsere Enkel, werden mit dem Begriff \u201aBergbau\u2018 wohl nichts mehr anfangen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_3038\" aria-describedby=\"caption-attachment-3038\" style=\"width: 375px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IGBCE3-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3038\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IGBCE3-1-300x195.jpg\" alt=\"\" width=\"375\" height=\"243\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IGBCE3-1-300x195.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IGBCE3-1.jpg 623w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3038\" class=\"wp-caption-text\">Eintauchen in eine Welt voller B\u00fcndel von Strippen und Kabelstr\u00e4ngen. Foto: IG Bergbau Chemie Energie<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Eine Schwebebahn unter der Erde<\/em><\/p>\n<p>Die Landung im sogenannten Materialbahnhof unter Tage ist sanft. Dass sich direkt \u00fcber mir eine mehr als ein Kilometer dicke Schicht aus Gestein und Ger\u00f6ll, tonnenschweren Maschinen und einem verzweigten System aus Hohlr\u00e4umen befindet und mich vom blauen Himmel trennt, verdr\u00e4nge ich mal lieber. Mein erster Eindruck ist ohnehin, dass wir uns komplett verfahren haben: Der mit derben Stahlb\u00f6gen ausgebaute, hell ausgeleuchtete und gro\u00dfz\u00fcgig bemessene Tunnel kann doch unm\u00f6glich die Heimat des schwarzen Goldes sein, oder&#8230;? Wir haben wohl vielmehr einen abgelegenen, leicht angeschmuddelten Seitenarm des Berliner U-Bahn-Systems erwischt. Es gibt zwar keine Gleise auf dem Boden, aber daf\u00fcr jede Menge Rohre und Versorgungsleitungen an den W\u00e4nden, unz\u00e4hlige Schl\u00e4uche, B\u00fcndel von Strippen und Kabelstr\u00e4ngen. F\u00fcr Platzangst besteht keinerlei Anlass. An der Decke schwebt die \u201eAkkukatze\u201c, eine Einschienenbahn, die Material hin und her transportiert. Ungeachtet der mich verwirrenden Kulisse lotst Norbert Schwanke mich tiefer in die \u201eStrecke\u201c hinein. So nennen die Bergleute die Tunnel, die zu den oft Kilometer weit entfernten \u201eStreben\u201c f\u00fchren, in denen die Kohle abgebaut wird. Um die 70 Kilometer Streckennetz durchziehen das Ibbenb\u00fcrener \u201eGrubengeb\u00e4ude\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3036\" aria-describedby=\"caption-attachment-3036\" style=\"width: 375px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Eine-Reise-unter-Tage-Die-Stadt-unter-der-Stadt_image_630f_420f_wn.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3036\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Eine-Reise-unter-Tage-Die-Stadt-unter-der-Stadt_image_630f_420f_wn-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"375\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Eine-Reise-unter-Tage-Die-Stadt-unter-der-Stadt_image_630f_420f_wn-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Eine-Reise-unter-Tage-Die-Stadt-unter-der-Stadt_image_630f_420f_wn.jpg 630w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3036\" class=\"wp-caption-text\">Mit dem F\u00f6rderband rattern die Kumpel zum Einsatzort. Foto: Heiko Wenke<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>\u201eAuf dem neusten Stand der Technik\u201c<\/em><\/p>\n<p>Im Trupp der Kumpel stiefel ich \u00fcber das unebene Gestein. Es geht bergauf und bergab. Die Temperatur liegt bei etwas \u00fcber 20 Grad, die Luft ist unerwartet frisch. Was daran liegen mag, dass wir uns mitten in einer Wartungsschicht befinden und derzeit keine Kohle gef\u00f6rdert wird. Deshalb steht auch das Transportband still, das sich seitlich neben uns durch den Stollen zieht. Immer tiefer geht es in den Berg hinein. Unterwegs begegnen wir verschiedenen Handwerkerteams: Elektriker, Schlosser, Maschinentechniker \u2013 die Gesichter der M\u00e4nner sind verschwitzt und vom allgegenw\u00e4rtigen Staub geschw\u00e4rzt. Doch die Stimmung ist gut: \u201eUnsere Zeche ist zwar auslaufend\u201c, sagt Reviersteiger Franck, \u201eaber auf dem neusten Stand der Technik.\u201c Und weil die Mitarbeiter an der Weiterentwicklung der Maschinen und an der Organisation der Abl\u00e4ufe beteiligt sind \u2013\u201esind wir alle entsprechend motiviert.\u201c Nach etwa einem Kilometer Fu\u00dfmarsch erreichen wir den Streb.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Gef\u00fchl von Kameradschaft&#8220;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_3039\" aria-describedby=\"caption-attachment-3039\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3039\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348-1200x900.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348-730x550.jpg 730w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/DSCN0348.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3039\" class=\"wp-caption-text\">Kohlenhobel in Aktion. Foto: Deutsches Baublatt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ja, so etwa habe ich mir das vorgestellt, denke ich, als ich mich hinunter beuge und in den rund 80 Zentimeter hohen Tunnel \u00e4uge, der seitlich von einem Querschl\u00e4ger der Strecke abzweigt: ganz sch\u00f6n eng! Auf allen Vieren kommt mir Ortsmann Bernward Richter entgegen gekrabbelt. Die Grubenlampe \u00fcber dem Schutzhelm, das \u201eGez\u00e4he\u201c \u2013 so nennt der Bergmann sein Werkzeug \u2013 am G\u00fcrtel, und weist mich freundlich darauf hin, dass ein Bergmann keineswegs \u201ekrabbelt\u201c, sondern egal wie er sich fortbewegt, stets \u201ef\u00e4hrt\u201c. Einverstanden. Neuerlich versuche ich, den Gedanken an die gewaltige Last des Gesteins, das da \u00fcber unseren K\u00f6pfen dr\u00fcckt, beiseite zu schieben und fahre dicht an die Fersen von Bernward Richter geheftet auf H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen in den Streb hinein. \u00dcber uns das \u201eHangende\u201c, unter uns das \u201eLiegende\u201c \u2013 gesichert durch erfreulich robust wirkende Stahlschilde. Seitlich von uns die gl\u00e4nzend schwarz schimmernde \u201eStrebfront\u201c, auch als \u201eKohlensto\u00df\u201c bezeichnet, daneben die Gewinnungsanlage mit dem im eigenen Bergwerk entworfenen Kohlenhobel. W\u00e4hrend der F\u00f6rderschichten bewegt sich der Hobel mit einer Geschwindigkeit von bis zu drei Metern in der Sekunde unaufh\u00f6rlich durch den 300 Meter langen Streb und raspelt dabei pro Tag eine etwa sieben Meter dicke Schicht vom Fl\u00f6z. Die Kohlenbrocken fallen auf ein Transportband und werden zum Hauptantrieb am Ende des Strebs geschafft. Eine Brecheranlage zerkleinert die Kohle, bevor sie weiter zum Materialbahnhof und von dort aus zutage gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3037\" aria-describedby=\"caption-attachment-3037\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abbohren_der_Ortsbrust_fuer_die_Streckenauffahrung.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3037\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abbohren_der_Ortsbrust_fuer_die_Streckenauffahrung.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abbohren_der_Ortsbrust_fuer_die_Streckenauffahrung.jpg 750w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Abbohren_der_Ortsbrust_fuer_die_Streckenauffahrung-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3037\" class=\"wp-caption-text\">Rund 1,6 Millionen Tonnen Kohle haben die Bergleute in Ibbenb\u00fcren im Jahr 2015 gef\u00f6rdert. Foto: RAG Anthrazit<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>\u00dcber uns das \u201eHangende&#8220;, unter uns das \u201eLiegende&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\u201ePro Schicht fahre ich so drei- bis viermal durch den kompletten Streb\u201c, erz\u00e4hlt mir Bernward Richter von seinen Aufgaben. Per Knopfdruck sorgt er daf\u00fcr, dass jedes der 200 Schilde, die den Streb auskleiden, entsprechend der Gefr\u00e4\u00dfigkeit des Kohlenhobels automatisch immer sch\u00f6n Zentimeter um Zentimeter nachr\u00fccken. Dabei stabilisieren sie mit ihrer st\u00e4hlernen Kappe das \u201eHangende\u201c, indem sie es mit ihrer ebenfalls st\u00e4hlernen Kufe gegen das \u201eLiegende\u201c abst\u00fctzen. \u201eUnangenehm ist die Arbeit eigentlich blo\u00df im Bereich der schlechten Wetter\u201c, sagt der Ortsmann: So wird die vom Betrieb der Maschinen erhitzte, vom Abbau der Kohle mit Staub erf\u00fcllte und vom Verdampfen und Verdunsten des K\u00fchl- und des Spr\u00fchwassers feuchte Abluft genannt, die durch ein ausgekl\u00fcgeltes System von Bel\u00fcftungssch\u00e4chten aus dem Gebirge hinausgef\u00fchrt wird. Entsprechend sorgen andere Sch\u00e4chte f\u00fcr die frischen Wetter. \u201eIch bin mit der Kohle aufgewachsen\u201c, sinniert Richter und deutet nach oben. Sein Zuhause, erkl\u00e4rt er, liege gleich \u00fcber uns in der Nordschachtsiedlung. Schon sein Vater habe auf dem P\u00fctt gearbeitet. Sein Opa. Sein Bruder. Und auch sein Sohn sei hier besch\u00e4ftigt. \u201eIch werde die Arbeit unter Tage vermissen\u201c, sagt der 49-j\u00e4hrige Mettinger, \u201evor allem dieses enorm starke Gef\u00fchl von Zusammengeh\u00f6rigkeit.\u201c<\/p>\n<p><em>Exodus in den Ruhestand<\/em><\/p>\n<p>Bevor er wieder im Streb verschwindet, dr\u00fcckt mir Bernward Richter noch ein Br\u00f6ckchen gute Ibbenb\u00fcrener Anthrazitkohle in die Hand. Zur Erinnerung an eine unwirtliche Parallelwelt tief im Untergrund des Tecklenburger Landes, deren Untergang besiegelt ist. Der von langer Hand geplante Exodus aus der Zeche wird den Gro\u00dfteil der Belegschaft in den Ruhe- und Vorruhestand oder zu anderen Arbeitgebern f\u00fchren. Und was wird aus dem P\u00fctt \u2013 dieser riesigen, verschachtelten, durchdachten, gef\u00fcrchteten und doch ans Herz gewachsenen Stadt unter der Stadt? \u201eWenn die Technik in den Streben geraubt, sprich: demontiert und der R\u00fcckbau der Anlagen abgeschlossen ist\u201c, beschreibt Norbert Schwanke die behutsam inszenierte Apokalypse des Ibbenb\u00fcrener Steinkohlebergbaus, \u201ewerden wir das Grubengeb\u00e4ude kontrolliert fluten.\u201c Statt \u201eGl\u00fcckauf!\u201c hei\u00dft es f\u00fcr die Zeche auf dem Schafberg also zum Abschied ganz n\u00fcchtern und pragmatisch: \u201eLand unter!\u201c<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 09.06.2016)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch bis 2018 wird in Ibbenb\u00fcren Kohle gef\u00f6rdert. Dann ist Schluss. So haben es die Politiker beschlossen. Das letzte f\u00fcr Besucher zug\u00e4ngliche Fl\u00f6z ist fast abgebaut. 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