{"id":86,"date":"2014-07-14T20:47:52","date_gmt":"2014-07-14T18:47:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=86"},"modified":"2015-06-03T07:52:29","modified_gmt":"2015-06-03T05:52:29","slug":"scharfe-klingen-fuer-kaltbluetige-hobbybotaniker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=86","title":{"rendered":"Scharfe Klingen f\u00fcr kaltbl\u00fctige Hobbybotaniker"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_88\" aria-describedby=\"caption-attachment-88\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels5.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-88\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels5-1024x768.jpg\" alt=\"\u201eDie Klinge will nicht ins Fleisch\u201c: Georg Fels (links) verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber botanische und handwerkliche Kompetenz, sondern auch \u00fcber einen reichhaltigen Fundus an G\u00e4rtnerweisheiten, mit denen er seine Seminarteilnehmer zum Umgang mit dem rasiermesserscharfen Kopuliermesser motiviert. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"536\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels5.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels5-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-88\" class=\"wp-caption-text\">\u201eDie Klinge will nicht ins Fleisch\u201c: Georg Fels (links) verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber botanische und handwerkliche Kompetenz, sondern auch \u00fcber einen reichhaltigen Fundus an G\u00e4rtnerweisheiten, mit denen er seine Seminarteilnehmer zum Umgang mit dem rasiermesserscharfen Kopuliermesser motiviert. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Schatten des Trompetenbaums, umringt von altehrw\u00fcrdigen Apfelsorten wie \u201eFinkenwerder Herbstprinz\u201c, \u201eAdersleber Kalvill\u201c und \u201eKr\u00fcgers Dickstiel\u201c, sitzen wir und lauschen. Auf den Tischen vor uns blitzen die Klingen diverser Okulierhippen und Kopuliermesser Abenteuer verhei\u00dfend in der Morgensonne. Nein, das Risiko scheuen wir nicht \u2013 schlie\u00dflich sind wir kaltbl\u00fctige Hobbybotaniker. Willens und entschlossen, uns hier und jetzt vom Meister selbst in die hohe Schule des Veredelungsschnittes einweisen zu lassen: Ein gutes Dutzend Freunde der gehobenen Gartenkunst inhaliert aufmerksam die Worte von Georg Fels. Der diplomierte Westerkappelner Agraringenieur erkl\u00e4rt gerade, wie sich ein scharfer Stahl noch etwas sch\u00e4rfer schleifen l\u00e4sst, um ihn dann fachgerecht zum Schlitzen und Schneiden, zum Lappen, Kappen und Kerben benutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Beim Veredeln geht es um den Erhalt der Sorte<\/em><\/p>\n<p>Warum G\u00e4rtner dem \u00c4rgernis zerschundener Finger und blutender Daumenkuppen seit Jahrhunderten trotzen und sich best\u00e4ndig und unverdrossen wieder und wieder mit dem Veredeln der verschiedenen Rosen- und Obstsorten besch\u00e4ftigen? \u201eMit Z\u00fcchten hat das gar nichts zu tun\u201c, r\u00e4umt Georg Fels einen unter Nichteingeweihten weit verbreiteten Irrtum aus: \u201eEs geht vor allem um den Erhalt der jeweiligen Sorte.\u201c Denn Birnen, Pflaumen oder \u00c4pfel zu vermehren, ist weitaus kniffeliger als M\u00f6hren und Erbsen auszus\u00e4en: Wenn man die acht Kerne aus einem leckeren Cox Orange heraus l\u00f6se und in die Erde verfrachte, beschreibt Fels, dann w\u00fcchsen daraus tats\u00e4chlich acht B\u00e4ume. \u201eAber \u2013\u201c, der Meister hebt Okulierhippe und Augenbrauen dramatisch in die H\u00f6he: \u201evon diesen acht B\u00e4umchen sind, getreu der Mendelschen Vererbungsgesetze, sieben Wildlinge \u2013 und nur ein Individuum ist ein Sortenechter, der sp\u00e4ter die erw\u00fcnschten Cox Orange hervor bringt.\u201c Um herauszufinden, welcher von diesen Acht der eine Sortenreine ist, m\u00fcsse man \u00fcberdies noch etliche Jahre bis zur Fruchtreife abwarten. Ein m\u00fchsames Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p><em>Der Cox Orange wird seit 1825 auf diese Weise geklont<\/em><\/p>\n<p>Dann also doch besser den scharfen Stahl in die zittrige Anf\u00e4ngerhand genommen \u2013 und ran ans Veredeln. Was nichts anderes bedeute, nickt Fels zufrieden, als genetische Klone zu erzeugen. Aus jedem einj\u00e4hrigen Zweiglein, das vom Cox-Orange-Baum geschnitten und fachgerecht auf eine passende \u201eUnterlage\u201c gebracht wird, w\u00e4chst auf diese Weise in jedem Fall ein neuer Cox-Orange. Klonen? Anders als im Reich der Tiere und Monster erfreut sich das Produzieren von erbgleichen Abziehbildern der verschiedenen Obstsorten unter den Pflanzenfreunden einer langen und unaufgeregten Tradition. Der Cox Orange soll beispielsweise um 1825 eher zuf\u00e4llig von Richard Cox in einem englischen Garten gez\u00fcchtet worden sein und wird seitdem als Klon durch Veredelung erhalten. Die Goldparm\u00e4ne stammt wom\u00f6glich sogar aus dem Mittelalter.<\/p>\n<figure id=\"attachment_89\" aria-describedby=\"caption-attachment-89\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-89\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels2-1024x768.jpg\" alt=\"Darf\u2019s noch ein Scheibchen mehr sein? Die Schnittstelle, mit der das Edelreis auf die Unterlage gebracht wird, sollte glatt, sauber und symmetrisch sein. Im Veredelungskurs der Baumschule Fels hatten die Teilnehmer reichlich Gelegenheit zum \u00dcben. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"536\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels2.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpFels2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-89\" class=\"wp-caption-text\">Darf\u2019s noch ein Scheibchen mehr sein? Die Schnittstelle, mit der das Edelreis auf die Unterlage gebracht wird, sollte glatt, sauber und symmetrisch sein. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Klingen sind gewetzt, die Theorie sitzt. Jetzt gilt es, sich mit der Methode des \u201eKopulierens\u201c vertraut zu machen, bei der zwei Pflanzenk\u00f6rper miteinander verbunden werden. \u201eEine astreine Organtransplantation\u201c, definiert Georg Fels. Er und seine Mitarbeiterin Tanja Sch\u00fcttemeyer verteilen die vorbereiteten \u201eEdelreiser\u201c: einen halben Meter lange, frische, aber entbl\u00e4tterte Apfelbaumtriebe, die wir nun zu \u00dcbungszwecken maltr\u00e4tieren d\u00fcrfen. Worauf kommt es an? Kurz gesagt \u2013 auf den perfekten Schnitt: Das Messer im korrekten Winkel und an der korrekten Stelle am korrekt zwischen Daumen und Zeigefinger fixierten Reis ansetzen und \u2013 wutsch! \u2013 die Klinge in einem Zug durchziehen. Klingt kompliziert? Ist es auch. Aber besteht die Qualit\u00e4t eines guten Lehrers nicht genau darin, anspruchsvolle Techniken leicht zu vermitteln?<\/p>\n<p><em>Mit schwungvoller Zuversicht drauflos geschnippelt<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir zun\u00e4chst noch ein bisschen gehemmt, doch von Reis zu Reis munterer drauflos schnippeln und mit schwungvoller Zuversicht kleine Zweigreste durch die Rabatten katapultieren, bahnen sich Georg Fels und Tanja Sch\u00fcttemeyer den Weg durch die Gefahrenzone. \u201eDie Klinge etwas flacher ansetzen.\u201c \u2013 \u201eAufpassen, dass der Schnitt gerade gef\u00fchrt wird.\u201c \u2013 \u201eDas Handgelenk bleibt starr, der Daumen geht mit.\u201c Was schwierig war \u2013 meine Tischnachbarin Irmgard Hornung aus Lotte und ich sind ehrlich \u00fcberrascht \u2013 klappt eine halbe Stunde sp\u00e4ter erfreulich akzeptabel. Wir atmen durch: Edelreiser k\u00f6nnen wir also schon mal zuschneiden \u2013 was jetzt?<\/p>\n<p><em>Verdunstungsschutz f\u00fcr die Transplantationswunde<\/em><\/p>\n<p>\u201eNun braucht ihr den gegengleichen Schnitt auf der Unterlage\u201c, erkl\u00e4rt der Gartenbauwissenschaftler. Im Ernstfall w\u00e4re diese \u201eUnterlage\u201c ein in Saft und Kraft stehender Baum j\u00fcngeren oder auch \u00e4lteren Semesters \u2013 in unserem \u00dcbungskurs sind es auf einen Meter gekappte, einj\u00e4hrige Zweige. Alles sch\u00f6n handlich. Den Gegenschnitt zu ziehen, ist f\u00fcr Irmgard und mich kein Problem mehr. Die n\u00e4chste Herausforderung besteht allerdings darin, beide Schnittstellen sauber aufeinander zu legen und so mit einem Spezialband zu umwickeln, dass beide Holzk\u00f6rper schlie\u00dflich miteinander verwachsen k\u00f6nnen. Danach muss die Transplantationswunde nur noch mit einem Verdunstungsschutz \u00fcberstrichen werden.<\/p>\n<p><em>\u201eIhr wart richtig gut &#8211; keine einzige Schnittwunde!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die beste Zeit zum Transplantieren der Edelreiser, erl\u00e4utert Georg Fels, sei neben der Vegetationsruhe im Winter die Phase ab Mitte August. Mitte August? Bis dahin sind es doch nur noch wenige Wochen \u2026 Wie von selbst scheinen die Veredelungsmesser in unseren H\u00e4nden zu zucken. Die Blicke, die Irmgard und ich daraufhin austauschen signalisieren verwegene Entschlossenheit: Besteht die hervorstechendste Eigenschaft einer guten Sch\u00fclerin nicht genau darin, die bei ihrem Lehrer erworbenen Kenntnisse in die eigene Wirklichkeit zu \u00fcbertragen? Der Schatten des Trompetenbaums ist mittlerweile weiter gezogen. Anja Sch\u00fcttemeyer sammelt die Okuliermesser und Kopulationshippen ein. Als wir zwischen \u201eFinkenwerder Herbstprinz\u201c, \u201eAdersleber Kalvill\u201c und \u201eKr\u00fcgers Dickstiel\u201c zur\u00fcck in den Alltag schlendern, wirft Georg Fels einen anerkennenden Blick auf die H\u00e4nde seiner Sch\u00fcler: \u201eIhr wart richtig gut\u201c, sagt er und l\u00e4chelt am\u00fcsiert: \u201eKeine einzige Schnittwunde!\u201c<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 09.07.2014; Westf\u00e4lische Nachrichten, 09.07.2014)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schatten des Trompetenbaums, umringt von altehrw\u00fcrdigen Apfelsorten wie \u201eFinkenwerder Herbstprinz\u201c, \u201eAdersleber Kalvill\u201c und \u201eKr\u00fcgers Dickstiel\u201c, sitzen wir und lauschen. 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