{"id":81,"date":"2014-07-25T16:28:43","date_gmt":"2014-07-25T14:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=81"},"modified":"2015-11-23T13:49:26","modified_gmt":"2015-11-23T12:49:26","slug":"wir-pflegen-nicht-nur-die-patienten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=81","title":{"rendered":"&#8222;Wir pflegen nicht nur die Patienten&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_83\" aria-describedby=\"caption-attachment-83\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpPflege1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-83\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpPflege1-1024x679.jpg\" alt=\"&quot;Zwischen dem Patienten, dessen Angeh\u00f6rigen und dem Pfleger sollte ein absolutes Vertrauensverh\u00e4ltnis bestehen.&quot; Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"473\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpPflege1.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpPflege1-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-83\" class=\"wp-caption-text\">Unterwegs mit dem ambulanten Pflegedienst: &#8222;Zwischen dem Patienten, dessen Angeh\u00f6rigen und dem Pfleger sollte ein absolutes Vertrauensverh\u00e4ltnis bestehen.&#8220; Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der erste Fall ist einfach: Duschen. Eincremen. Anziehen. Kompressionsverb\u00e4nde anlegen. Axel M\u00fcnch kniet auf dem Teppich und bandagiert dem alleinstehenden Rentner gewissenhaft die Unterschenkel. Der 89-J\u00e4hrige berichtet derweil von seinen Erfahrungen aus dem Krieg. Mal mit Entsetzen. Mal mit Kopfsch\u00fctteln. Durchweg mit Akribie. An diesem Morgen begleite ich die ambulante Alten- und Krankenpflege der Diakoniestation Westerkappeln auf ihrer Runde.<\/p>\n<p><em>&#8222;Bis heute Abend dann!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der, dessen Beine nun gewickelt werden, war Pilot damals. Und hat mithin eine Menge nicht eben Uninteressantes erlebt. Der Senior erz\u00e4hlt. Ich h\u00f6re zu. Axel M\u00fcnch pflegt. Kontrolliert die Medikamente. T\u00e4tigt Eintr\u00e4ge in die Patientendokumentation. Der Rentner fliegt gerade einen Einsatz \u00fcber Norwegen. Ich lausche gebannt. M\u00fcnch kniet vor dem samtgr\u00fcnen Sofa, zieht dem Mann nun behutsam dessen beige Hausschuhe \u00fcber die derben Wollstr\u00fcmpfe und pr\u00fcft ein letztes Mal, ob sein Patient planm\u00e4\u00dfig versorgt ist. Dann blickt er auf die Zeitanzeige seines Smartphons \u2013 die veranschlagten zwanzig Minuten sind l\u00e4ngst \u00fcberschritten: Mit freundlicher, aber entschlossener Stimme beendet er die Unterhaltung: \u201eBis heute Abend dann!\u201c<\/p>\n<p><em>\u00a0Waschen. Cremen. Wunden versorgen. Kompressionsverb\u00e4nde anlegen<\/em><\/p>\n<p>Bei unserem n\u00e4chsten Einsatz \u00f6ffnet die Tochter der Patientin die T\u00fcr. Eine filigran wirkende, blasse, grauhaarige Frau, die Axel M\u00fcnch mit einem herzlichen L\u00e4cheln begr\u00fc\u00dft. \u201eWie geht es der Mutter heute?\u201c, fragt M\u00fcnch. Ein kurzes Gespr\u00e4ch folgt. Kopfnicken. Seufzen. Die Patientin, 90 Jahre, kann sich kaum noch bewegen und ohne Hilfe ihr Bett nicht verlassen. Sie freut sich, als der versierte Pfleger sich \u00fcber sie beugt und ihr sanft \u00fcber das Gesicht streicht. \u201eSo ein sch\u00f6ner Morgen\u201c, sagt M\u00fcnch, \u201eda wollen wir mal zusehen, dass wir Ihnen was H\u00fcbsches anziehen.\u201c Es folgt: Urinbeutel ausleeren. Vorlage wechseln. Waschen. Cremen. Wunden versorgen. Kompressionsverb\u00e4nde anlegen. Anziehen. Mit gekonnten Griffen den steifen K\u00f6rper der alten Dame zun\u00e4chst auf die Bettkante und anschlie\u00dfend in den Rollstuhl bugsieren. Medikamentenkontrolle. Eintrag in den Patientenordner. Blick auf das Smartphone. Vorgegebenes Zeitbudget: 35 Minuten.<\/p>\n<p><em>Nicht zu untersch\u00e4tzen: die psychische Belastung der Pflegenden<\/em><\/p>\n<p>Jeden Morgen hilft M\u00fcnch oder einer seiner Kollegen dabei, die Seniorin auf ihren Tag vorzubereiten. Die restliche Zeit \u00fcbernimmt die Familie die Betreuung. Seit vier Jahren. Dreimal in der Woche verbringt die 90-J\u00e4hrige zudem einige Stunden in der Tagespflege. Zu besonderen Anl\u00e4ssen nehmen ihre Angeh\u00f6rigen die Kurzzeitpflege in Anspruch. \u201eDas ist hier alles vorbildlich geregelt\u201c, lobt M\u00fcnch. Und doch \u2013 als ich die immerhin auch schon 67-j\u00e4hrige Tochter der Patientin frage, ob die k\u00f6rperliche oder die psychische Belastung des Pflegens h\u00f6her sei, schluckt sie. Wendet sich kurz ab. Atmet schneller. Und mit einem Mal ahnt man den enormen Druck, der auf den pflegenden Angeh\u00f6rigen lastet. \u201eDie psychische\u201c, sagt sie schlie\u00dflich. Immer pr\u00e4sent sein zu m\u00fcssen. Kaum noch etwas gemeinsam mit ihrem Mann unternehmen zu k\u00f6nnen, weil immer einer von ihnen zu Hause bleiben m\u00fcsse. Axel M\u00fcnch steckt das taktgebende Smartphone nun unbesehen in die Tasche. Er h\u00f6rt zu. Tr\u00f6stet. Gibt Ratschl\u00e4ge.<\/p>\n<p><em>&#8222;Zu viel betriebswirtschaftliche \u00dcberlegungen tun der Pflege nicht gut&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\u201eWir pflegen ja nicht nur die Patienten\u201c, sagt er sp\u00e4ter. \u201eAuch das soziale Umfeld, die Familie mit ihren Sorgen und Problemen im Umgang mit der Situation geh\u00f6ren dazu.\u201c Er sei so gesehen sehr froh, dass er bei der Diakonie auf christlicher Grundlage arbeiten k\u00f6nne, sagt M\u00fcnch. Zu viele betriebswirtschaftliche \u00dcberlegungen t\u00e4ten der Pflege nicht gut. Er sch\u00fcttelt den Kopf. Vor der eigenen Zukunft, r\u00e4umt er ein, empfinde er dennoch eine gewisse Besorgnis: \u201eIch bin ja auch schon 54 Jahre \u2013 wie soll ich das erst mit \u00fcber 60 schaffen?\u201c M\u00fcnch startet neuerlich den wei\u00df-blauen Kleinwagen. Ein schneller Blick auf das allwissende Smartphone, das bereits die Informationen f\u00fcr unseren n\u00e4chsten Besuch bereit h\u00e4lt. Wir rauschen \u00fcber den Asphalt. Mit was beliefert die Flotte der Diakonie ihre Kundschaft? Menschlichkeit auf R\u00e4dern? Kleine P\u00e4ckchen oder je nach Pflegestufe stattliche Pakete an kompetenter Versorgung \u2013 frankiert mit einer Mischung aus Eile und Effizienz?<\/p>\n<p><em>Das taktgebende Smartphone immer im Blick<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcnfzehn Patienten besuchen wir an diesem Vormittag. Manche sind j\u00fcnger als M\u00fcnch, die meisten deutlich \u00e4lter. Axel M\u00fcnch wickelt Beine. Misst Blutzuckerspiegel. Verabreicht Medikamente. W\u00e4scht Gesichter und Leiber. H\u00f6rt zu. Muntert auf. Kniet. Beugt sich \u00fcber. B\u00fcckt sich hinab. Hebt. St\u00fctzt. Begleitet. Zeigt sich im Laufe der Runde mehr und mehr genervt beim Blick auf das Smartphone. \u201eLeg das Ding weg!\u201c, schimpft ihn ein 95-j\u00e4hriger ehemaliger Landwirt aus \u2013 und lacht vers\u00f6hnlich. Axel M\u00fcnch hat ihn soeben f\u00fcr den Tag ger\u00fcstet \u2013 geplante Zeit: zwanzig Minuten \u2013 und ihn, ganz in Gr\u00fcn gekleidet, in seinem Rollstuhl ans Fenster geschoben. Die W\u00e4nde der kleinen Stube zieren diverse Urkunden: Verdienstnadel des Deutschen Jagdverbands. Treuenadel des Deutschen Jagdverbands. Ehrennadel des Deutschen Jagdverbands. Auf der Fensterbank liegt ein Fernrohr. Jenseits der Glasscheibe das ehemalige Revier. \u201eZu viele Rehe\u201c, berichtet der Waidmann und deutet mit zitternder Geste Richtung Maisacker, \u201eeine Jungh\u00e4sin und zwei alte Rammler.\u201c Axel M\u00fcnch sieht auf sein Smartphone und seufzt bedauernd. Und auch ich w\u00fcrde viel lieber noch bleiben, um mir die Geschichten des alten Herrn aus einem langen und offenbar \u00fcberaus rustikal gelebten Leben anzuh\u00f6ren. \u201eJa, ja \u2013 ich wei\u00df schon: Ihr m\u00fcsst weiter\u201c, sagt der Rentner und l\u00e4chelt tapfer: \u201eN\u00fctzt ja nichts.\u201c<\/p>\n<p>Und vielleicht ist es vor allem dieses Gef\u00fchl, das Menschen wie Axel M\u00fcnch auch nach Dienstschluss in den Knochen h\u00e4ngen bleibt und den Job so schwer macht: Die bohrende Ahnung, den Menschen, die er da versorgt und begleitet, nicht die Zeit und die Aufmerksam zukommen lassen zu k\u00f6nnen, die ein jeder von ihnen verdient h\u00e4tte.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 11.06.2014; Westf\u00e4lische Nachrichten, 14.07.2014)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Fall ist einfach: Duschen. Eincremen. Anziehen. Kompressionsverb\u00e4nde anlegen. 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