{"id":726,"date":"2016-03-16T15:32:38","date_gmt":"2016-03-16T14:32:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=726"},"modified":"2018-02-27T09:17:04","modified_gmt":"2018-02-27T08:17:04","slug":"hoeren-oder-nicht-hoeren-mittendrin-in-der-inklusion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=726","title":{"rendered":"H\u00f6ren oder nicht h\u00f6ren? Mittendrin in der Inklusion"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_727\" aria-describedby=\"caption-attachment-727\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b.jpg\" rel=\"attachment wp-att-727\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-727\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b.jpg\" alt=\"Verstehen sich auch ohne viele Worte (von links): Michael Richter und Jens Keller absolvieren derzeit eine Ausbildung in der Baumschule Fels. Vorarbeiter Piotr Ziemba und sein Kollege Tom D\u00fcsing sind begeistert, wie gut die Zusammenarbeit zwischen h\u00f6renden und nichth\u00f6renden Mitarbeitern klappt. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b.jpg 1500w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fels2b-1200x900.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-727\" class=\"wp-caption-text\">Verstehen sich auch ohne viele Worte (von links): Michael Richter und Jens Keller absolvieren derzeit eine Ausbildung in der Baumschule Fels. Vorarbeiter Piotr Ziemba und sein Kollege Tom D\u00fcsing sind begeistert, wie gut die Zusammenarbeit zwischen h\u00f6renden und nichth\u00f6renden Mitarbeitern klappt. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dass Personen mit Beeintr\u00e4chtigung ganz selbstverst\u00e4ndlich am Alltag teilhaben, ist ein Menschenrecht. Seit die Baumschule Fels einen geh\u00f6rlosen Auszubildenden besch\u00e4ftigt, ist Inklusion f\u00fcr die Mitarbeiter kein Thema mehr &#8211; sondern v\u00f6llig normal.<\/p>\n<p><em>Im Kosmos der Stille<\/em><\/p>\n<p>Wie unterhalte ich mich mit jemandem, der mich nicht h\u00f6ren kann? Um \u00fcber das Miteinander von Menschen mit und Menschen ohne Beeintr\u00e4chtigung berichten zu k\u00f6nnen, informiere ich mich bei Michael Richter: Der 39-J\u00e4hrige ist seit Herbst 2015 als Auszubildender in der Westerkappelner Baumschule von Christiane und Georg Fels besch\u00e4ftigt und lebt von Geburt an ohne Geh\u00f6rsinn. Ich w\u00fcsste niemanden, der sich besser auskennt im Teilkosmos der Stille inmitten einer Welt voller T\u00f6ne. Genau der richtige Ansprechpartner, wenn es um das gelungene Zusammenleben von H\u00f6renden und Nichth\u00f6renden geht. Durch die gemeinsame Arbeit und einen unverkrampften Umgang hat sich das Team der Fels\u2019schen Gartenbauer in den vergangenen Monaten zu echten Inklusionsfachleuten entwickelt.<\/p>\n<p><em>Wie funktioniert Selbstverst\u00e4ndlichkeit?<\/em><\/p>\n<p>Zusammen mit den beiden Vorarbeitern Tom D\u00fcsing und Piotr Ziemba sowie mit seinem Azubi-Kollegen Jens Keller k\u00fcmmert sich Michael Richter an diesem Vormittag darum, einen Privatgarten im Au\u00dfenbereich auf die kommende Vegetationsperiode vorzubereiten: Obstb\u00e4ume m\u00fcssen ausgelichtet und geschnitten, Ziergeh\u00f6lze gestutzt werden. Schon von weitem h\u00f6re ich das hochfrequente Sirren einer Motors\u00e4ge. Hinter einem \u00fcppigen Ranunkelstrauch erhebt sich Piotr Ziemba: \u201eIch sag Michael Bescheid\u201c, begr\u00fc\u00dft er mich und schwenkt seinen Arm Richtung Kirschlorbeer. Eine Wollm\u00fctze taucht auf. Darunter ein l\u00e4chelndes Gesicht. Der Blick: sehr offen und sehr interessiert. Michael Richter legt die Motorheckenschere aus der Hand, fixiert mich freundlich, hebt die Augenbrauen und deutet fragend auf sich selbst. Ich nicke &#8211; und bin gespannt. Denn so selbstverst\u00e4ndlich der Umgang zwischen Menschen mit und Menschen ohne Beeintr\u00e4chtigung l\u00e4ngst sein sollte, kann ich mich doch an keine Unterhaltung erinnern, die ich bisher mit einem geh\u00f6rlosen Gegen\u00fcber gef\u00fchrt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><em>Ein engagiertes Team<\/em><\/p>\n<p>Ob ich ihm ein paar Fragen stellen d\u00fcrfe, starte ich einen &#8211; wie ich f\u00fcrchte, eher ungeschickten, weil akustischen, Versuch, das Gespr\u00e4ch zu er\u00f6ffnen. Aber statt eines verst\u00e4ndnislosen Achselzuckens ernte ich freudige Zustimmung. Michael Richter nickt, l\u00e4chelt herzlich und hebt den Daumen nach oben: \u201eFragen &#8211; ja\u201c, antwortet er. Sein Arbeitgeber Georg Fels hat mir erkl\u00e4rt, dass der 39-J\u00e4hrige vieles von den Lippen ablesen und &#8211; je l\u00e4nger der Austausch mit seinen Kollegen andauere &#8211; auch immer mehr W\u00f6rter artikulieren k\u00f6nne. Einige Mitarbeiter h\u00e4tten sich inzwischen in Eigeninitiative mit der Geb\u00e4rdensprache vertraut gemacht, berichtet Georg Fels mit unverhohlenem Stolz auf das Engagement seiner Leute. Er selbst benutze eher allt\u00e4gliche Gesten. \u201eVieles davon ist ja sehr logisch\u201c, verdeutlicht er an einigen Beispielen: \u201eWie hoch ein Busch geschnitten werden soll oder in welche Form &#8211; das kann man alles zeigen.\u201c F\u00fcr jedes Werkzeug und f\u00fcr jeden Arbeitsschritt gibt es im Betrieb mittlerweile ein eindeutiges Zeichen. \u201eIch habe festgestellt, dass es auch der Kommunikation unter H\u00f6renden zu Gute kommt, wenn man seine Worte mit klaren Gesten unterst\u00fctzt\u201c, berichtet der Chef: \u201eEs gibt weniger Missverst\u00e4ndnisse, und davon profitiert jeder.\u201c<\/p>\n<p><em>\u201eMichael ist uns oft einen Schritt voraus&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Eine Ausbildungssituation also, bei der alle Beteiligten voneinander lernen und mehr austauschen als nur botanisches Fachwissen. \u201eZuerst waren wir unsicher, ob das mit der Verst\u00e4ndigung klappen w\u00fcrde\u201c, sagt Tom D\u00fcsing. Aber w\u00e4hrend der zweiw\u00f6chigen Probezeit h\u00e4tten sich bereits s\u00e4mtliche Zweifel zerstreut. \u201eWir waren einfach begeistert: Michael hat meistens schon vorher gewusst, was als n\u00e4chstes dran ist\u201c, erinnert sich D\u00fcsing und schmunzelt: \u201eWeil er so aufmerksam und gewissenhaft ist, ist er uns auch jetzt bei der Arbeit oft schon einen Schritt voraus.\u201c \u201eBesonders motivierend f\u00fcr uns alle sind wohl die Freude und der Spa\u00df, mit denen Michael seine Aufgaben erledigt\u201c, erg\u00e4nzt Piotr Ziemba.<\/p>\n<p><em>\u201eDie herk\u00f6mmlichen Standards hinterfragen&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Einmal in der Woche, wenn Georg Fels die Berichtshefte mit seinen Azubis durchgeht, unterst\u00fctzt ihn eine vom Arbeitsamt bewilligte Geb\u00e4rdendolmetscherin bei der Vermittlung der Fachbegriffe und der Theorie. Seine Berufsschule absolviert Michael Richter im Blockunterricht an einer Geh\u00f6rloseneinrichtung f\u00fcr Gartenfachbau in Essen. Wenn alles klappt, ist er nach drei Jahren ausgebildeter Baumschulgeselle. \u201eMichael schafft das\u201c, ist sich Christiane Fels sicher: \u201eDenn er ist voll bei der Sache und gibt richtig Gas.\u201c Auch Georg Fels ist rundum zufrieden: \u201eGerade in der heutigen Lehrlingssituation sollten Ausbildungsbetriebe ihre herk\u00f6mmlichen Standards hinterfragen\u201c, gibt er zu bedenken. \u201eIch bin mir sicher, dass Mitarbeiter wie Michael genau die Leute sind, die nach ihrer Ausbildung auch weiter im Unternehmen bleiben wollen.\u201c<\/p>\n<p><em>Daumen hoch? Daumen hoch!<\/em><\/p>\n<p>Und Michael Richter? Der signalisiert seinem Kollegen Piotr Ziemba mit einem dezenten Fingerzeig auf die Armbanduhr, dass es an der Zeit sei, weiterzumachen. Ziemba f\u00fcgt sich in sein Schicksal und greift nach der Motors\u00e4ge. Der tatendurstige Azubi deutet mit hoch motivierter Mimik auf die struppig gewachsenen Hortensienb\u00fcsche und malt mit der Hand eine flache Kuppel in die Luft. Deutet fragend zuerst auf die Heckenschere, dann auf sich selbst. Vorarbeiter Ziemba nickt und l\u00e4chelt zustimmend. Daumen hoch? Daumen hoch!<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 02.03.2016; Westf\u00e4lische Nachrichten, 02.03.2016)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Personen mit Beeintr\u00e4chtigung ganz selbstverst\u00e4ndlich am Alltag teilhaben, ist ein Menschenrecht. Seit die Baumschule Fels einen geh\u00f6rlosen Auszubildenden besch\u00e4ftigt, ist Inklusion f\u00fcr die Mitarbeiter kein Thema mehr &#8211; sondern v\u00f6llig normal. 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