{"id":64,"date":"2014-10-25T11:45:52","date_gmt":"2014-10-25T09:45:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=64"},"modified":"2016-04-13T12:26:40","modified_gmt":"2016-04-13T10:26:40","slug":"wo-aus-nuechternen-sinuskurven-berauschende-musik-entsteht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=64","title":{"rendered":"Wo aus n\u00fcchternen Sinuskurven berauschende Musik entsteht"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_75\" aria-describedby=\"caption-attachment-75\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpKlavier.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-75\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpKlavier-1024x758.jpg\" alt=\"Klarschiff machen f\u00fcr die Reise ins Land der wohltemperierten musikalischen Stimmung: Das alte Ibach-Klavier, Baujahr 1909, beim Klavierbauer. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"529\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpKlavier.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wpKlavier-300x222.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-75\" class=\"wp-caption-text\">Klarschiff machen f\u00fcr die Reise ins Land der wohltemperierten musikalischen Stimmung: Das alte Ibach-Klavier, Baujahr 1909, beim Klavierbauer. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer den Lieblingsplatz von Daniel Hoffst\u00e4dt besucht, darf gerne die Augen schlie\u00dfen \u2013 so l\u00e4sst sich der Detailreichtum der Landschaft noch besser erkennen. Klingende Farben formen sich zu einer vibrierenden Topografie: Bilden wolkenhohe R\u00e4ume aus grenzenloser Transparenz. Verwandeln sich in ruhig schwingende Ebenen. T\u00fcrmen sich auf zu einer Brandung aus leuchtenden Wellen. Wo sich schwebende Frequenzen zu harmonischen Kl\u00e4ngen b\u00fcndeln, wo aus n\u00fcchternen Sinuskurven berauschende Musik entsteht \u2013 da beginnen f\u00fcr den 28-j\u00e4hrigen Westerkappelner die wohltemperierten Gefilde des musikalischen Genusses.<\/p>\n<p><em>Ein breiter Weg ins Land der Harmonien<\/em><\/p>\n<p>Die Mutter Musikschulleiterin. Der Vater Kirchenmusiker. Im Hause Hoffst\u00e4dt waren die Wege ins verwunschene Land der Harmonien schon von je her breit angelegt und gut ausgebaut. Wie andere Jungen und M\u00e4dchen mit dem Dreirad \u00fcber den Hof, sauste der vierj\u00e4hrige Daniel auf den selbsterzeugten Melodien von Glockenspiel und Blockfl\u00f6te bereits in fr\u00fchester Kindheit oft, gerne und vor allem: mit spielerischer Leichtigkeit zu seinem Lieblingsplatz. \u201eMit sechs Jahren habe ich dann Einzelunterricht am Klavier bekommen\u201c, erinnert er sich. \u201eChopin, Schumann \u2013 die Werke der gro\u00dfen Komponisten waren ja st\u00e4ndig bei uns im Wohnzimmer pr\u00e4sent. Und irgendwann\u201c, sagt Hoffst\u00e4dt, \u201ewollte ich das alles auch spielen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p><em>&#8222;Eine Ausbildung zum Cembalo- und Klavierbauer \u2013 das ist es&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Als er einige Jahre sp\u00e4ter als Sch\u00fcler ein Praktikum bei einem Osnabr\u00fccker Musikhaus absolvierte, habe er sofort gewusst: Eine Ausbildung zum Cembalo- und Klavierbauer \u2013 das ist es. \u201eVon meinen Eltern habe ich wohl ein recht gutes Geh\u00f6r abgestaubt\u201c, schmunzelt der musikalische Weltenbummler: \u201eEs f\u00e4llt mir leicht, in die Musik einzutauchen und in die T\u00f6ne hinein zu gehen.\u201c Aber wie sieht die Welt aus, die sich ihm hinter den Kl\u00e4ngen in Dur und Moll, hinter den Terzen und Quarten er\u00f6ffnet? Der 28-J\u00e4hrige l\u00e4chelt und deutet auf das wuchtige Ibach Piano von Hobbymusikerin Christel Barkau. Die Reise hinter die Noten zu beschreiben, erfordere einige Vorkenntnisse, sagt er und \u00f6ffnet die Klappe des betagten Instruments: Baujahr 1909, ein echter Oldtimer f\u00fcr die Fahrt zum Lieblingsplatz des selbst\u00e4ndigen Klavierstimmers.<\/p>\n<p><em>Ein exzellentes Geh\u00f6r und umfangreiches Fachwissen<\/em><\/p>\n<p>Er holt seine Stimmgabel aus dem Koffer \u2013 Kammerton A1, 440 Hertz, den Stimmhammer, die D\u00e4mpfungskeile aus weichem Gummi \u2013 und beugt sich \u00fcber die Eingeweide des Ibach: rund 240 Saiten, die meisten von ihnen zu dritt zu einem Chor geb\u00fcndelt, der dann von einem der insgesamt 85 Hammerk\u00f6pfchen angeschlagen wird \u2013 also einen Ton repr\u00e4sentiert. \u201eWobei ein Ton genau genommen ein Klang ist, der aus einem Grundton und mehreren Obert\u00f6nen besteht \u2013 die man auch tats\u00e4chlich heraush\u00f6ren kann\u201c, erkl\u00e4rt Hoffst\u00e4dt und schiebt behutsam den Gummikeil zwischen die Saiten. \u201eJeder Chor muss ineinander und alle Ch\u00f6re zueinander stimmen.\u201c Die alles entscheidende Frage: Wie h\u00f6rt sich eigentlich eine richtige, eine gute Stimmung an? Um das zu erkennen, verf\u00fcgt Daniel Hoffst\u00e4dt neben einem exzellenten Geh\u00f6r auch \u00fcber umfangreiches Fachwissen: Er wei\u00df um die verschiedenen historischen Stimmsysteme, die die Instrumente vergangener Jahrhunderte ganz anders erklingen lie\u00dfen als heute. Er wei\u00df um das pythagoreische Komma und um die Hypothesen von Johann Sebastian Bach zur wohltemperierten Stimmung. \u201eEigentlich verstimme ich das Klavier, wenn ich es stimme\u201c, beschreibt er augenzwinkernd seine Profession, w\u00e4hrend er den Stimmhammer auf einen der Wirbel setzt und behutsam eine st\u00e4hlerne Saite spannt: \u201eAber ich verstimme es genau richtig \u2013 das ist das Geheimnis.\u201c<\/p>\n<p><em>Je stimmiger die Harmonien, desto pr\u00e4chtiger das Bild<\/em><\/p>\n<p>Nach einer guten Stunde ist der h\u00f6lzerne Ibach-Oldtimer bereit f\u00fcr einen Ausflug ins Land der reinen Oktaven: Daniel Hoffst\u00e4dt setzt sich auf den Klavierhocker, greift in die Tasten \u2013 der Vorhang der Frequenzen \u00f6ffnet sich, die Sinnesreise beginnt. \u201eWer wei\u00df, was alles n\u00f6tig ist, um wohltemperierte, komplexe Stimmungen zu erzeugen, der nimmt die Musik dann m\u00f6glicherweise auch anders wahr\u201c, vermutet er. \u201eAls Klavierbauer erkenne ich feinste Nuancen und sp\u00fcre, wie sich die Schwebungen zueinander bewegen.\u201c Und je stimmiger die Harmonien, desto sch\u00e4rfer, pr\u00e4chtiger und intensiver das Bild, das der Musiker mit seinen Melodien malt. \u201eGanz egal ob Klassik oder Jazz, elektronisch oder rockig \u2013 wenn Musik gut gemacht ist\u201c, sagt Daniel Hoffst\u00e4dt, \u201edann kann man sich vollst\u00e4ndig in sie zur\u00fcck ziehen \u2013 und gelangt durch sie an wunderbare akustische Orte.\u201c<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 22.10.2014; Westf\u00e4lische Nachrichten, 22.10.2014)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den Lieblingsplatz von Daniel Hoffst\u00e4dt besucht, darf gerne die Augen schlie\u00dfen \u2013 so l\u00e4sst sich der Detailreichtum der Landschaft noch besser erkennen. 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