{"id":55,"date":"2014-11-28T11:23:48","date_gmt":"2014-11-28T10:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=55"},"modified":"2020-06-13T21:23:50","modified_gmt":"2020-06-13T19:23:50","slug":"mit-den-jaegern-unterwegs-im-revier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=55","title":{"rendered":"Mit den J\u00e4gern unterwegs im Revier"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_69\" aria-describedby=\"caption-attachment-69\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wp_J\u00e4ger.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-69\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wp_J\u00e4ger-1024x770.jpg\" alt=\"Waidmannsheil: Viermal in der Saison von Ende Oktober bis Ende Dezember durchstreifen die B\u00fcrener J\u00e4ger mit ihren Hunden das Revier. An diesem Tag haben sie zwei Hasen, zwei Kaninchen, zwei Stockenten und einen Fasanenhahn erlegt. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"537\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wp_J\u00e4ger.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wp_J\u00e4ger-300x226.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/wp_J\u00e4ger-730x550.jpg 730w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-69\" class=\"wp-caption-text\">Waidmannsheil: Viermal in der Saison von Ende Oktober bis Ende Dezember durchstreifen die B\u00fcrener J\u00e4ger mit ihren Hunden das Revier. An diesem Tag haben sie zwei Hasen, zwei Kaninchen, zwei Stockenten und einen Fasanenhahn erlegt. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ja, ich esse Fleisch. Nicht oft. Nicht viel. Gerne regional produziert und am liebsten vom hiesigen Metzger fachgerecht verarbeitet. Das T\u00f6ten \u00fcberlasse ich \u2013 feige? \u2013 den Anderen und stelle mir die vermutlich eher h\u00e4sslichen Details auch nur ungern vor: Zu blutig und zu qualvoll \u2013 in meiner Fantasie. Noch nie habe ich einem k\u00fcnftigen Braten kurz vor oder gar unmittelbar bei seinem Ableben zugesehen. Das wird sich in den n\u00e4chsten Stunden wohl \u00e4ndern, denn ich begleite die J\u00e4gerschaft aus Lotte-B\u00fcren bei ihrer Jagd auf Hasen, Kaninchen und Co..<\/p>\n<p><em>Jenseits aller verkl\u00e4rten Waidmannsromantik<\/em><\/p>\n<p>Nein, Axel Schoppmeier und Frank Westermann, Stefan Gr\u00fcndel, Horst Wessel und Franz Heidemann wirken nicht eben wie kaltbl\u00fctige Killer oder prunks\u00fcchtige Troph\u00e4ensammler. Sie stilisieren sich auch nicht als \u00f6kologisch beseelte Natursch\u00fctzer. Die F\u00fcnf sehen entspannt aus, wie sie da auf dem etwas abgelegenen Parkplatz hantieren, die Hunde aus den Kofferr\u00e4umen ihrer Fahrzeuge locken \u2013 ern\u00fcchtert und jenseits aller verkl\u00e4rten Waidmannsromantik. Ihr Handwerk, das Erlegen von Wildtieren, steht zunehmend unter \u00f6ffentlichem Beschuss. \u201eTierschutzwidrig und \u00f6kologisch unvertr\u00e4glich\u201c seien die aktuellen Jagdpraktiken, werfen Tier- und Naturschutzverb\u00e4nde den Gr\u00fcnr\u00f6cken vor und verweisen unter anderem auf das Aufstellen von Totschlagfallen, das Erlegen wildernder Hunde und streunender Katzen sowie die Hundeausbildung an lebenden Beutetieren. Voraussichtlich im kommenden Jahr soll in Nordrhein-Westfalen die derzeit heftig diskutierte Novellierung des Landesjagdgesetzes in Kraft treten. \u00c4rgerlich? Frank Westermann zuckt mit den Schultern. \u201eDann d\u00fcrften wir zum Beispiel statt derzeit rund hundert Arten nur noch 27 bejagen.\u201c<\/p>\n<p><em>Die Nase immer knapp \u00fcber der Ackerkrume<\/em><\/p>\n<p>Axel Schoppmeier l\u00e4sst seine zehnj\u00e4hrige Deutsch-Drahthaar-Dame Mary von der Leine. Gemeinsam mit ihren vierbeinigen Kollegen Atze, Aska und Timo macht sich die H\u00fcndin daran, das vor uns liegende Feld zu durchst\u00f6bern. Die Nase immer knapp \u00fcber der Ackerkrume, fliegt sie \u00fcber das aufgekeimte Getreide. Schoppmeier l\u00e4sst seinen Blick \u00fcber das Gel\u00e4nde schweifen \u2013 die Trasse der Autobahn teilt gro\u00dfe, intensiv bewirtschaftete, rechtwinkelige \u00c4cker in mittelgro\u00dfe, intensiv bewirtschaftete, rechtwinklige \u00c4cker. Hauptstra\u00dfen. Nebenstra\u00dfen. Entw\u00e4sserungsgr\u00e4ben. Wohnbebauung. Naherholung. Gewerbe. Mit Wildblumen und Kr\u00e4utern bestandene Randstreifen? Zwischen den Parzellen m\u00e4andernde, artenreiche Hecken? Ein St\u00fcck Natur, sich selbst \u00fcberlassen? Fehlanzeige. Die Landschaft scheint nahezu bis auf den letzten Quadratmeter durchgeplant. \u201eWild\u201c, orakelt Schoppmeier, \u201egibt es vor allem da, wo es noch einigerma\u00dfen wild ist.\u201c Wenn das so weitergehe, sterbe die Niederwildjagd ohnehin aus. Ob also k\u00fcnftig statt hundert Arten nur noch 27 dem Jagdrecht unterl\u00e4gen, sei angesichts dieser Entwicklung fast schon egal.<\/p>\n<p><em>\u201eHund steht vor!\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eHund steht vor!\u201c Wie eingefroren ist Mary mitten in einem ausgedehnten Brombeergeb\u00fcsch erstarrt, das vor uns in einem Kiefernw\u00e4ldchen liegt. \u201eWahrscheinlich Kaninchen\u201c, fl\u00fcstert Schoppmeier mir zu. An seine Fersen geheftet, pirsche ich durchs Unterholz. Stolpere \u00fcber leere Bierflaschen. Getr\u00e4nkedosen. Einen einsamen Skater-Stiefel. \u00dcber Stapel mit omin\u00f6sem Inhalt gef\u00fcllter gelber S\u00e4cke. \u00dcber einen viele Meter langen Wall aus illegal hierher gebrachter Gartenabf\u00e4lle. Schoppmeier bemerkt meine Verwirrung. \u201eEs gibt auch heute noch Menschen, die den Wald als M\u00fcllhalde betrachten\u201c, sagt er mit un\u00fcberh\u00f6rbar verbittertem Unterton. Aus den Augenwinkeln registriere ich eine blitzschnelle Bewegung. Dann bebt die Erde \u2013 und meine Wahrnehmung setzt f\u00fcr ein paar Sekunden aus. \u201eWaidmannsheil!\u201c, ruft Stefan Gr\u00fcndel vom Waldrand her\u00fcber. \u201eWaidmannsdank\u201c, antwortet Schoppmeier, senkt die Flinte und atmet erleichtert auf: ein sauberer Schuss. \u201eApport, Mary \u2013 bring\u2018 s her!\u201c So schnell kann man sich also als Kaninchen in Richtung Tiefk\u00fchltruhe bewegen, denke ich. Oder besser: bewegt werden.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Schie\u00dfen ist ja gar nicht das Wichtigste\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Gruppe streicht weiter durchs Revier. Wir stapfen durch Pf\u00fctzen. Steigen \u00fcber Stacheldrahtz\u00e4une. Springen beherzt \u00fcber Entw\u00e4sserungsgr\u00e4ben. K\u00e4mpfen uns durch Brombeer- und Brennnesselgestr\u00fcpp, das uns bis zu den Achselh\u00f6hlen reicht und rutschen \u00fcber lehmig-feuchte \u00c4cker. \u201eDas Schie\u00dfen ist ja gar nicht das Wichtigste\u201c, sagt Schoppmeier. \u201eDrau\u00dfen sein. Sich bewegen. Mal an nichts anderes denken. Abschalten.\u201c Mary schmiegt sich an sein Bein und sieht ihn aus treuen Hundeaugen an. Treffender, scheint ihr Blick zu sagen, h\u00e4tte sie die gemeinsame Leidenschaft von sich und ihrem Herrchen auch nicht formulieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 26.11.20115; Westf\u00e4lische Nachrichten, 26.11.2015)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, ich esse Fleisch. Nicht oft. Nicht viel. Gerne regional produziert und am liebsten vom hiesigen Metzger fachgerecht verarbeitet. 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