{"id":543,"date":"2015-12-14T22:22:09","date_gmt":"2015-12-14T21:22:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=543"},"modified":"2016-01-13T17:21:47","modified_gmt":"2016-01-13T16:21:47","slug":"einfach-mal-aufeinander-zugehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=543","title":{"rendered":"&#8222;Einfach mal aufeinander zugehen&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_545\" aria-describedby=\"caption-attachment-545\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Weihnachtsmarkt1b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-545\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Weihnachtsmarkt1b-1024x668.jpg\" alt=\"Genossen den weihnachtlichen Trubel: Gerhard B\u00f6hmer (Vierter von links) besuchte mit einer Gruppe Westerkappelner Asylbewerber den Weihnachtsmarkt in Osnabr\u00fcck. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"466\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Weihnachtsmarkt1b-1024x668.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Weihnachtsmarkt1b-300x196.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Weihnachtsmarkt1b-1200x783.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Weihnachtsmarkt1b.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-545\" class=\"wp-caption-text\">Genossen den weihnachtlichen Trubel: Gerhard B\u00f6hmer (Vierter von links) besuchte mit einer Gruppe Westerkappelner Asylbewerber den Weihnachtsmarkt in Osnabr\u00fcck. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Fl\u00fcchtlingswelle? Fl\u00fcchtlingskrise? Fl\u00fcchtlingsrekord? Anstatt sich von Schlagw\u00f6rtern, die eher mulmige Gef\u00fchle als sachliche Erkenntnisse vermitteln, verunsichern zu lassen, hat Gerhard B\u00f6hmer sein Bed\u00fcrfnis nach zuverl\u00e4ssigen Informationen \u00fcber die Situation der Asylbewerber in die eigenen H\u00e4nde genommen und eine nahe liegende L\u00f6sung gew\u00e4hlt: \u201eIch bin einfach mal zur Unterkunft Postmeyer gegangen, um mir anzusehen, wie die Fl\u00fcchtlinge dort untergebracht sind und wie es ihnen geht\u201c, berichtet der 65-j\u00e4hrige Westerkappelner, der mit seiner Frau im Ortfeld zuhause ist. Mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen und seinem angestaubten Schulenglisch habe er sich dann mit einigen der Bewohner unterhalten. \u201eViele von ihnen sprechen zwar kein Deutsch und kaum oder gar kein Englisch\u201c, sagt B\u00f6hmer, \u201eaber irgendwie klappt das mit der Verst\u00e4ndigung meistens trotzdem.\u201c Der eine verstehe dieses, der andere das, ein Dritter fungiere als Dolmetscher.<\/p>\n<p><em>Die &#8222;Krise&#8220; hat viele Gesichter<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend seines Besuchs im Haus Postmeyer bekam die gern zitierte \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c f\u00fcr den Ruhest\u00e4ndler mit einem Mal ein Gesicht. Oder besser gesagt: ziemlich viele Gesichter. Und die meisten davon l\u00e4chelten ihn fragend an. Der Anfang war gemacht. \u201eIch habe dort sehr herzliche und offene Menschen kennengelernt\u201c, sagt B\u00f6hmer. Die &#8211; neben all ihren anderen Sorgen &#8211; enorm darunter litten, dass sie die l\u00e4ngste Zeit des Tages zum Nichtstun verdammt seien. Und vielleicht, weil Gerhard B\u00f6hmer als ehemaliger Elektromeister daran gew\u00f6hnt ist, die Dinge pragmatisch anzugehen, l\u00e4sst er sich seitdem immer wieder etwas einfallen, um den Fl\u00fcchtlingen ihr Leben zu erleichtern. \u201eHilfe zur Selbsthilfe\u201c, lautet dabei sein Credo. Als ich von B\u00f6hmers Plan erfahre, mit einigen der M\u00e4nner per Linienbus nach Osnabr\u00fcck zu fahren, um ihnen das Busfahren zu erkl\u00e4ren und die Innenstadt zu zeigen, schlie\u00dfe ich mich an.<\/p>\n<p><em>Soll ich reingehen?<\/em><\/p>\n<p>Da stehe ich also vor dem m\u00e4chtigen roten Backsteingem\u00e4uer an der Osnabr\u00fccker Stra\u00dfe. Aus den gekippten Fenstern str\u00f6mt der w\u00fcrzige Duft von Mittagessen. Gerhard B\u00f6hmer ist noch nicht da &#8211; ich kenne mich nicht aus und schlurfe unsicher \u00fcber den Hof. Soll ich reingehen? Gibt es einen Klingelknopf? Und welche der T\u00fcren ist \u00fcberhaupt der offizielle Eingang? W\u00e4hrend mir noch durch den Kopf schie\u00dft, wie weit abgelegen vom Geschehen sich die Unterkunft Postmeyer doch befindet, und dass man hier ohne Pkw ganz sch\u00f6n aufgeschmissen ist, tritt ein schwarzhaariger Mann aus dem Hausflur. Z\u00f6gernd blickt er zu mir her\u00fcber &#8211; er scheint nicht so recht zu wissen, wie er die Fremde dort auf dem Hof seines vor\u00fcbergehenden Zuhauses einsch\u00e4tzen soll. Auch ich warte erst einmal ab. Aber &#8211; wie hat es Gerhard B\u00f6hmer doch so befreiend unkompliziert formuliert: Einfach mal aufeinander zugehen. Ich gebe mir also einen Ruck &#8211; und kaum bin ich losgestiefelt, da streckt mir Mehssen Hadikheder auch schon die Hand entgegen und l\u00e4chelt mich freundlich an. Wir stellen uns vor. Mehssen beginnt, sehr interessiert auf mich einzureden. Allein &#8211; ich verstehe kein Wort. Allerdings entgeht mir nicht, wie sehr mein Gespr\u00e4chspartner in spe nach einem gemeinsamen Vokabular ringt: \u201eGerhard B\u00f6hmer? Osnabr\u00fcck?\u201c, fragt er schlie\u00dflich. Wir nicken einander begeistert zu. \u201eJa, genau &#8211; fahren Sie auch mit dem Bus?\u201c Die Anspannung l\u00f6st sich. Beide mobilisieren wir s\u00e4mtliche unserer Fremdsprachenkenntnisse und schippern lachend und gestikulierend &#8211; und immer wieder hoch erfreut \u00fcber jedes noch so kleine Gelingen &#8211; durch die Unterhaltung.<\/p>\n<p><em>&#8222;Das soll kein Almosen sein&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Kurz darauf st\u00f6\u00dft auch Ahmed Talb dazu. Sobald wir uns bekannt gemacht haben, bietet mir der geb\u00fcrtige Iraker erstmal mit einladender Geste ein Schokoladenbonbon an. Die Gruppe der Osnabr\u00fcck-Reisenden w\u00e4chst. Alle sind sehr gespannt &#8211; soweit ich den Gespr\u00e4chen folgen kann, war bisher noch niemand von ihnen in der Hasestadt. Als Gerhard B\u00f6hmer eintrifft, sind wir schlie\u00dflich zu neunt. \u201eDas hier soll kein Almosen sein\u201c, erkl\u00e4rt mir der Rentner und sammelt das Geld von allen ein &#8211; ein Gruppenticket (Hin- und R\u00fcckfahrt) f\u00fcr f\u00fcnf Personen kostet vier Euro pro Nase. Die Stimmung auf der Linie R 30 ist locker: Ein paar Fahrg\u00e4ste erkundigen sich interessiert nach unserem Ziel und geben Tipps, welche St\u00e4nde und Gesch\u00e4fte wir unbedingt besuchen sollten. Als eine \u00e4ltere Dame pl\u00f6tzlich einen Hustenanfall bekommt, eilt Ahmed Talb besorgt zu ihr &#8211; und legt ihr mit zuversichtlichem Nicken zwei Schokobonbons in die Hand.<\/p>\n<p><em>Hinterm Schafberg gehts weiter<\/em><\/p>\n<p>\u201eEine sehr gro\u00dfe Stadt\u201c, raunt Mehssen Hadikheder anerkennend, als wir schlie\u00dflich die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone erreichen. \u201eAber sehr exklusiv\u201c, merkt er beim Betrachten der Auslagen an. Wir schlendern durch die Kaufh\u00e4user. Ahmed Talb ist ein wenig besorgt, ob er mit seinem Vollbart wohl unangenehm auffalle. Wir beruhigen ihn &#8211; zwischen all den dekorierten Weihnachtsm\u00e4nnern scheine er doch bestens aufgehoben, scherzen seine Mitbewohner. Doch so ganz sind Talbs Zweifel wohl nicht ausger\u00e4umt. Auf dem Weihnachtsmarkt steuern wir die Kebap-Bude an. Mehssen Hadikheder lehnt staunend am Tresen und l\u00e4sst seinen Blick \u00fcber die bunt leuchtende Szenerie am Fu\u00dfe des Doms schweifen: \u201eSo viele Menschen, so fr\u00f6hliche Musik &#8211; das ist sehr sch\u00f6n hier\u201c, freut er sich. Und auch Gerhard B\u00f6hmer wirkt zufrieden: Er hat den Asylbewerbern aus Westerkappeln gezeigt, dass es mit ihrer potenziellen neuen Heimat auch hinterm Schafberg noch weiter geht.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 9.12.2015; Westf\u00e4lische Nachrichten, 9.12.2015)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fl\u00fcchtlingswelle? Fl\u00fcchtlingskrise? 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