{"id":4093,"date":"2019-10-18T17:46:28","date_gmt":"2019-10-18T15:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=4093"},"modified":"2020-06-21T08:40:43","modified_gmt":"2020-06-21T06:40:43","slug":"im-teutoburger-wald-die-terpene-auf-sich-regnen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=4093","title":{"rendered":"Im Teutoburger Wald die Terpene auf sich regnen lassen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4098\" aria-describedby=\"caption-attachment-4098\" style=\"width: 2000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4098\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1333\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b.jpg 2000w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald01b-1200x800.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4098\" class=\"wp-caption-text\">Ganz nebenbei lassen Waldspazierg\u00e4nger die gesundheitsf\u00f6rdernden Terpene, die von den B\u00e4umen produziert werden, auf sich regnen. Diese pflanzlichen Wirkstoffe regen das Immunsystem des Menschen an. Fotos (5): Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Genie\u00dfen, entschleunigen \u2013 und dabei die Terpene auf sich regnen lassen. Dieses flaumfedrige Gef\u00fchl, das sich einstellt, wenn man so herrlich absichtslos durch den Wald spaziert! Ein Besuch bei Eiche, Fichte und Co. ist aber nicht nur erhol- und unter medizinischen Gesichtspunkten sogar heilsam, sondern wird mit etwas Anleitung und \u00dcbung auch zu einer spannenden Entdeckungsreise f\u00fcr alle Sinne.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDass hier Hallimasch wachsen, ist mir noch nie aufgefallen\u201c, sch\u00fcttelt Dietmar Seidel nachdenklich den Kopf, als er die unscheinbaren Pilze betrachtet, die sich zwischen den sattgr\u00fcnen Moospolstern und dem welken Laub des Vorjahres auf einem Totholzstumpf angesiedelt haben. Auch wie sich die Zweige der Rotbuchen in beinahe parallelen Ebenen \u00fcbereinander schichten, h\u00e4tte der Wegepate wom\u00f6glich \u00fcbersehen, wenn ihn Andreas Rotthoff, Dozent an der Volkshochschule Lengerich, nicht darauf aufmerksam gemacht h\u00e4tte. Dabei ist Seidel ein Naturfreund und regelm\u00e4\u00dfig in dem Gebiet unterwegs. Aber ganz ehrlich: Auch wir anderen Teilnehmern des VHS-Kurses \u201eAchtsamkeit im Wald\u201c h\u00e4tten die braunen Winzlinge nicht bemwerkt.<\/p>\n<p><em>\u201eIn dem Moment, in dem wir in den Wald gehen, tun wir uns etwas Gutes\u201c<\/em><\/p>\n<p>Um bewusstes Wahrnehmen soll es bei der Wanderung von Andreas Rotthoff gehen, der uns \u00fcber die Teutoschleife durch das Landschafts- und Naturschutzgebiet Am Kleeberg in Lengerich f\u00fchrt. Darum, uns der kleinen Dinge und der gro\u00dfe Zusammenh\u00e4nge um uns herum gewahr zu werden, die uns in der Hektik des Alltags so oft entgehen. \u201eEtwa 80 Prozent unserer Umgebung nehmen wir mit den Augen wahr\u201c, erkl\u00e4rt uns der diplomierte Sozialwissenschaftler. Ihm sei es wichtig, diese ausgetretenen Sinnespfade hin und wieder zu verlassen und den Reichtum des Waldes auch auf andere Weise zu erfahren. \u201eGeh\u00f6rt das zum Waldbaden dazu?\u201c, will eine Teilnehmerin wissen. Waldbaden? Dieses Wort vermeidet Rotthoff geflissentlich. \u201eIn dem Moment, in dem wir in den Wald gehen, tun wir uns etwas Gutes\u201c, erteilt er dem aus seiner Sicht dem Zeitgeist geschuldeten Begriff eine klare Abfuhr, \u201eob wir das nun Spazierengehen, Waldbaden oder Pilze suchen nennen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_4097\" aria-describedby=\"caption-attachment-4097\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4097\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b-300x196.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"363\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b-300x196.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b-768x502.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b-1024x670.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b-1200x785.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald03b.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4097\" class=\"wp-caption-text\">Dietmar Seidel erfreut sich am Duft eines Blattes<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie riecht der Wald?<\/strong> Neben dem typisch Aroma, zu dem sich die Ausd\u00fcnstungen der B\u00e4ume, der Str\u00e4ucher, der Erde und der Pilze je nach Jahreszeit mal frisch, mal herb vermischen, verstr\u00f6men auch die unterschiedlichen Kr\u00e4uter ihre ganz eigenen D\u00fcfte. Unsere geschlossenen Augen spornen unsere Nasen zu H\u00f6chstleistungen an, als Rotthoff ein glattes, etwas ledriges Blatt reihum gehen l\u00e4sst: \u201eEindeutig Knoblauch!\u201c, sind wir uns sicher. Die Pflanze, die den markanten Geruch in sich tr\u00e4gt, entpuppt sich als in der Region weit verbreitete Knoblauchsrauke. Auch dem Waldziest zupfen wir behutsam ein Bl\u00e4ttchen ab, um dessen pilzigen Duft kennenzulernen. Beide Arten lie\u00dfen sich auch sehr gut in der K\u00fcche verwenden, erkl\u00e4rt VHS-Dozent Rotthoff, der ebenfalls als zertifizierter Kr\u00e4uterkundiger t\u00e4tig ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4096\" aria-describedby=\"caption-attachment-4096\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4096\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b-300x206.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"381\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b-300x206.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b-768x527.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b-1024x702.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b-1200x823.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald05b.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4096\" class=\"wp-caption-text\">Andreas Rotthoff mag den Geschmack von frischen Hagebutten.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie schmeckt der Wald?<\/strong> \u201eHmmmm\u2026! Sehr lecker und \u00fcberraschend fruchtig!\u201c, schw\u00e4rmt eine Waldwanderin, als sie in die runde, reife, rote Hagebutte bei\u00dft, die sie weit genug vom Boden entfernt oberhalb jeglicher potenzieller Gassi-Strecke gepfl\u00fcckt hat. Rotthoffs Empfehlung: Eine Handvoll frisch geernteter Fr\u00fcchte der wilden Rose, kombiniert mit ein paar Brombeerbl\u00e4ttern, zu einem Tee aufgie\u00dfen. \u201eDas ist nicht nur k\u00f6stlich, sondern auch eine Portion Vitamine extra.\u201c P\u00fcriert l\u00e4sst sich die Hagebutte ohne Kerne \u00fcberdies als schmackhaftes Mus zubereiten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4095\" aria-describedby=\"caption-attachment-4095\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4095\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b-300x195.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"362\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b-300x195.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b-768x500.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b-1024x667.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b-1200x782.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald02b.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4095\" class=\"wp-caption-text\">Heike Seidel h\u00f6rt erstaunliche Dinge hinter der Borke<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie h\u00f6rt sich der Wald an?<\/strong> Auch die Rufe und der Gesang der V\u00f6gel klingen bei geschlossenen Augen noch intensiver. W\u00e4hrend der Ornithologe Blaumeise, Buchfink und Rotkehlchen allein an ihrer Melodie benennen kann, ist die verwirrende Vielfalt der Stimmen f\u00fcr den Laien nicht weniger faszinierend: Wor\u00fcber mag der eine Vogel da so laut schimpfen? Und wie viele unterschiedliche Individuen lassen sich auseinander halten? Dass jedoch sogar B\u00e4ume mehr an Ger\u00e4uschkulisse zu bieten haben als das Rauschen ihrer Bl\u00e4tter und das Knarzen ihrer \u00c4ste, war mir bisher noch nicht bewusst: Mit einem an die Borke gehaltenen Stethoskop k\u00f6nnen wir sogar dem leisen Flie\u00dfen des Wassers durch die feinen Leitungsbahnen lauschen. \u201eDas klappt im Fr\u00fchling bei Birken sogar ohne Hilfsmittel, wenn man einfach nur sein Ohr gegen den Stamm dr\u00fcckt\u201c, merkt Rotthoff an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4094\" aria-describedby=\"caption-attachment-4094\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4094\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b-300x191.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"354\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b-300x191.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b-768x490.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b-1024x653.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b-1200x766.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Wald04b.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4094\" class=\"wp-caption-text\">Im Wald lassen sich faszinierende Strukturen ertasten.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie f\u00fchlt sich der Wald an?<\/strong> Am Beispiel unterschiedlicher Borken tasten wir uns durch die vermeintlich so vertraute Vegetation. Ihre glatte, wellige Oberfl\u00e4che kennzeichnet etwa die Hainbuche, derweil die Rotbuche eine ebene, nur hin und wieder leicht rissige \u00e4u\u00dfere Rinde aufweist. An einigen B\u00e4umen ist der sch\u00fctzende Mantel stellenweise abgebl\u00e4ttert \u2013 wom\u00f6glich nicht mehr zu rettende Opfer der Trockenheit des vergangenen Sommers? \u201eDer Wald befindet sich in einem st\u00e4ndigen Prozess\u201c, nennt Andreas Rotthoff einen weiteren Aspekt, den der aufmerksame Spazierg\u00e4nger von Woche zu Woche beobachten k\u00f6nne. Pilze, die sich langsam aus der Erde schieben. Bl\u00e4tter, die sich an den \u00c4sten verf\u00e4rben. Das Licht der Wintersonne, das demn\u00e4chst durch die kahlen Gerippe der Baumkronen fallen wird. Dietmar Seidel schaut sich noch ein letztes Mal an diesen Tag staunend um. Er l\u00e4chelt. Welche bislang noch ungehobenen Sch\u00e4tze der Wald birgt, hat sich der Wegepate \u2013 wie zugegeben, auch ich selbst \u2013 nicht tr\u00e4umen lassen.<\/p>\n<p><strong>Was man im Wald alles entdecken kann:<\/strong><\/p>\n<div>Andreas Rotthoff regt an, beim n\u00e4chsten Waldspaziergang folgende Dinge zu suchen:<\/div>\n<div>1. eine Feder<\/div>\n<div>2. einen Samen, der vom Wind getragen wird<\/div>\n<div>3. genau 100 Exemplare einer Sache<\/div>\n<div>4. ein Ahornblatt<\/div>\n<div>5. einen Dorn<\/div>\n<div>6. drei verschiedene Samen<\/div>\n<div>7. etwas Rundes<\/div>\n<div>8. ein St\u00fcck Eierschale<\/div>\n<div>9. etwas Flauschiges<\/div>\n<div>10. etwas Scharfes<\/div>\n<div>11. etwas vollkommen Gerades<\/div>\n<div>12. etwas Sch\u00f6nes<\/div>\n<div>13. etwas Nat\u00fcrliches, das nutzlos ist<\/div>\n<div>14. ein angeknabbertes Blatt<\/div>\n<div>15. Etwas, das ein Ger\u00e4usch macht<\/div>\n<div>16. etwas Wei\u00dfes<\/div>\n<div>17. Etwas, das f\u00fcr die Natur wichtig ist<\/div>\n<div>18. Etwas, das dich an dich selbst erinnert<\/div>\n<div>19. etwas Weiches<\/div>\n<div>20. einen nat\u00fcrlichen W\u00e4rmespeicher<\/div>\n<div>21. ein gl\u00fcckliches L\u00e4cheln<\/div>\n<div><\/div>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 09. Oktober 2019)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Genie\u00dfen, entschleunigen \u2013 und dabei die Terpene auf sich regnen lassen. Dieses flaumfedrige Gef\u00fchl, das sich einstellt, wenn man so herrlich absichtslos durch den Wald spaziert! 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