{"id":4041,"date":"2019-10-22T13:22:01","date_gmt":"2019-10-22T11:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=4041"},"modified":"2019-10-22T13:22:01","modified_gmt":"2019-10-22T11:22:01","slug":"meditieren-im-museum-oder-die-kunst-des-yoga","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=4041","title":{"rendered":"Meditieren im Museum oder: Die Kunst des Yoga"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4042\" aria-describedby=\"caption-attachment-4042\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4042\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"1000\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b.jpg 1500w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga01b-1200x800.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4042\" class=\"wp-caption-text\">Atmen, schauen, nicht bewerten: Das neue Angebot von LWL-Mitarbeiterin Annette Leyendecker (hinten rechts), Kunstwerke yogisch zu betrachten, fand bei der Premiere \u2013 unter anderem vor dem Gem\u00e4lde \u201eDocumenta III\u201c von Emil Schumacher \u2013 gro\u00dfen Anklang. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Einfach mal die Augen schlie\u00dfen im M\u00fcnsteraner LWL-Museum f\u00fcr Kunst und Kultur. Sich auf den Boden niederlassen und im Yogasitz zur Ruhe kommen. Nach innen blicken. Atmen. Als Teilnehmerin des Workshops \u201eWie beeinflusst unsere k\u00f6rperliche Haltung die Wahrnehmung von Kunst?\u201c tue ich Dinge, die ich bis dahin f\u00fcr verboten hielt, und lote Perspektiven aus, die mir zuvor verwehrt blieben.<\/strong><\/p>\n<p>Selten habe ich so viel Spa\u00df bei einem Museumsbesuch gehabt. Und vielleicht noch nie bin ich den Kunstwerken so nahe gekommen, habe sie so unvoreingenommen betrachtet und so bereitwillig an mich herangelassen. Ob das tats\u00e4chlich an der yogischen Wahrnehmungsweise, am sp\u00fcrenden Schauen liegt? Oder spielt auch das befreiende Moment eine Rolle, festgefahrene b\u00fcrgerliche Vorstellungen, wie eine gesittete Kunstbeschau abzulaufen habe, zu durchbrechen? Letzteres m\u00f6chte ich \u2013 zumindest f\u00fcr mich \u2013 nicht ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><em>Eine friedliche kleine Kulturrevolte?<\/em><\/p>\n<p>Aber eigentlich ist Annette Leyendecker Schuld an allem. Obwohl man es der zierlichen Kunstvermittlerin mit der sanftm\u00fctigen Ausstrahlung, die erst vor kurzem ihre Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert hat, gar nicht ansieht, dass sie nicht nur bereit, sondern dank ihrer Yogi-Kr\u00e4fte auch durchaus dazu in der Lage ist, eine friedliche kleine \u2013 aber in ihren Folgen gar nicht abzusehende \u2013 Kulturrevolte anzuzetteln.<\/p>\n<p><em>Wissenschaftstheoretischer Sprengstoff<\/em><\/p>\n<p>Nach ein paar Aufw\u00e4rm\u00fcbungen in der Sky-Lounge des Museums dirigiert sie die mental in sich ruhende Horde der Kursteilnehmer mit milder Stimme durch die Ausstellung. Die Botschaft, die die Museumsp\u00e4dagogin uns in einer ersten Lektion mit auf den Weg gibt, birgt bereits eine nicht unerhebliche Portion an wissenschaftstheoretischem Sprengstoff: \u201eBetrachtet die Bilder, als w\u00fcrden sie wie eine Landschaft durch ein Zugfenster an euch vorbeiziehen\u201c, animiert sie uns zu unkritischer Neutralit\u00e4t, \u201eist das Kunst oder nicht? Keine Ahnung, v\u00f6llig egal \u2013 schaut hin, nehmt wahr was ihr seht, aber bewertet es nicht.\u201c<\/p>\n<p><em>Jedem Knochen in den F\u00fc\u00dfen nachsp\u00fcren<\/em><\/p>\n<p>Durch meine auf Halbmast herunter gelassenen Lider schieben sich das leuchtende Blau von Yves Klein und die satt-schwarzen Strukturen von Pierre Soulages, w\u00e4hrend ich beim gem\u00e4chlichen Gehen jedem einzelnen Knochen in meinen F\u00fc\u00dfen nachsp\u00fcre, mir der Sicherheit des Bodens unter mir bewusst werde und der Leichtigkeit der Luft, die mich umgibt. Ich atme. Ich schaue. Hin und wieder kreuzt ein verwunderter Passant mein Sichtfeld \u2013 und der Museumsw\u00e4rter hinten in der Ecke irrt, wenn er glaubt, ich h\u00e4tte sein am\u00fcsiertes Kopfsch\u00fctteln nicht bemerkt. Freundlich l\u00e4chle ich zu ihm hin\u00fcber.<\/p>\n<p><em>Im stabilen Meditationssitz<\/em><\/p>\n<p>Die n\u00e4chste \u00dcbung lanciert uns noch dichter in die N\u00e4he eines vermeintlichen Publikums-Aufstandes heran. Im stabilen Meditationssitz verwurzeln wir uns im h\u00f6lzernen Parkett des Saals vor Emil Schumachers opulentem Werk \u201eDocumenta III\u201c, versperren durch diese, zugegeben raumgreifende yogische Ausrichtung allerdings den anderen G\u00e4sten ihren herk\u00f6mmlichen Zugang zur Malerei. Einige bleiben interessiert stehen und scheinen die Gruppe selbst f\u00fcr eine Performance zu halten: die aufsehenerregende Kunst des Yoga.<\/p>\n<p><em>Entspannter Weg zur Erkenntnis<\/em><\/p>\n<p>Wir aber lassen stoisch unsere Blicke in kleinen Kreisen \u00fcber die Leinwand vor uns schweifen und ruhen in unserer inneren Mitte. \u201eLasst euch ein auf die Stelle, die ihr gerade betrachtet\u201c, fordert uns unsere Mentorin auf, \u201ealles ist schon da, ihr m\u00fcsst es nur erkennen.\u201c Und wenn jemand nichts erkennt? \u201eMacht nichts\u201c, l\u00e4sst Annette Leyendecker erst gar keinen Erfolgsdruck aufkommen, \u201eeinfach ruhig weiteratmen. Seid gro\u00dfz\u00fcgig, liebevoll und achtsam zu dem, was ihr wahrnehmt \u2013 und auch zu euch selbst.\u201c<\/p>\n<p><em>Geduldete menschliche Installation<\/em><\/p>\n<p>Etwa zehn Minuten meditieren wir als geduldete menschliche Installation vor den abstrakten Pinsel- und Spachtelspuren Schumachers.\u00a0 Das Ergebnis ist verbl\u00fcffend: \u201eTotal sch\u00f6n und spannend\u201c, freut sich eine Teilnehmerin, \u201eich habe Schmetterlinge am unteren Bildrand entdeckt.\u201c Auch einen Pinguin und die Silhouette Afrikas gibt die Textur des Bildes f\u00fcr manchen Betrachter her. Jemand anderes weist auf ungew\u00f6hnliche Reflexionen der Beleuchtung hin, die \u00fcblicherweise f\u00fcr eine stehende Standardrezeption auf Augenh\u00f6he \u00a0ausgelegt ist.<\/p>\n<p><em>Gr\u00fcnes Licht f\u00fcr neue Perspektiven<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_4043\" aria-describedby=\"caption-attachment-4043\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-4043\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b-300x177.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"327\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b-300x177.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b-768x452.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b-1024x603.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b-1200x706.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/MuseumYoga04b.jpg 1750w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4043\" class=\"wp-caption-text\">Auch die Gem\u00e4lde von Sean Scully laden den Betrachter zu einer Reise in die Spiritualit\u00e4t ein. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eDarf man so etwas auch in anderen Museen machen?\u201c, hofft eine begeisterte Yogini auf die Erlaubnis, ihre neuen Erfahrungen k\u00fcnftig weiter ausdehnen zu d\u00fcrfen. Annette Leyendecker \u00fcberlegt kurz, nickt dann entschlossen und gibt \u2013 ein unergr\u00fcndliches, wertneutrales L\u00e4cheln auf ihren Lippen \u2013 gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die alternative Kunstbetrachtung, jederzeit und allerorten: \u201eIch w\u00fcsste nicht, was dagegen spricht.&#8220; Nach einem neuerlichen Moment der Stille schr\u00e4nkt sie dann allerdings doch ein: \u201eEure Yogamatten solltet ihr aber besser drau\u00dfen lassen.&#8220;<\/p>\n<p><em>Termine f\u00fcr angeleitete F\u00fchrungen<\/em><\/p>\n<p>Wer Lust auf eine angeleitete yogische F\u00fchrung durch die Ausstellung des LWL-Museums in M\u00fcnster hat, kann sich auf dessen <a href=\"http:\/\/www.lwl.org\/LWL\/Kultur\/museumkunstkultur\">Internetseite<\/a> \u00fcber die aktuellen Angebote informieren. Da der erste Workshop von Annette Leyendecker gleich mehrfach \u00fcberbucht war, sollen in K\u00fcrze weitere Termine folgen.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 16. Oktober 2019)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einfach mal die Augen schlie\u00dfen im M\u00fcnsteraner LWL-Museum f\u00fcr Kunst und Kultur. Sich auf den Boden niederlassen und im Yogasitz zur Ruhe kommen. Nach innen blicken. Atmen. 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