{"id":401,"date":"2015-10-03T12:54:58","date_gmt":"2015-10-03T10:54:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=401"},"modified":"2020-07-01T09:17:23","modified_gmt":"2020-07-01T07:17:23","slug":"wuenschelruten-irren-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=401","title":{"rendered":"W\u00fcnschelruten irren nicht"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_402\" aria-describedby=\"caption-attachment-402\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/W\u00fcnschel2bb.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-402\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/W\u00fcnschel2bb-1024x815.jpg\" alt=\"In Wasser aufbewahrt, l\u00e4sst sich der Eichenzweig rund vier Wochen lang als W\u00fcnschelrute benutzen. Danach schneidet sich Heinrich H\u00f6velbernd einfach einen neuen.\" width=\"714\" height=\"568\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/W\u00fcnschel2bb-1024x815.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/W\u00fcnschel2bb-300x239.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/W\u00fcnschel2bb-1200x955.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/W\u00fcnschel2bb.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-402\" class=\"wp-caption-text\">In Wasser aufbewahrt, l\u00e4sst sich der Eichenzweig rund vier Wochen lang als W\u00fcnschelrute benutzen. Danach schneidet sich Heinrich H\u00f6velbernd einfach einen neuen. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise f\u00fcr ihr Tun gibt, werden Rutengeher doch h\u00e4ufig mit zu Rate gezogen, wenn es um das Auffinden von Wasseradern und das Anlegen von Brunnen geht. Was ist dran, am \u201eW\u00fcnscheln\u201c? Um das herauszufinden, statten wir dem Westerkappelner Rutengeher Heinrich H\u00f6velbernd einen Besuch ab.<\/p>\n<p>Nein, die stattlichen Rotbuchen, unter deren ausladenden Kronen wir durchs Laub stapfen, bilden nicht die Kulisse des \u201eVerbotenen Waldes\u201c der magischen Welt von Harry Potter. Aber das kleine Geb\u00fcsch in Seeste k\u00f6nnte dennoch ein Zauberwald sein &#8211; zumindest mit etwas Phantasie. Und der \u00e4ltere Herr, der da in kerzengerader Haltung und mit hochkonzentriertem Blick vor mir her stiefelt, ist auch nicht Albus Dumbledore. K\u00f6nnte er aber &#8211; mit etwas mehr Phantasie: denn er tr\u00e4gt keinen Bart &#8211; durchaus sein. Auch das d\u00fcrre kleine Eichenzweiglein, das Heinrich H\u00f6velbernd, denn um ihn und seine besonderen F\u00e4higkeiten geht es hier, and\u00e4chtig vor sich her balanciert, scheint nicht unserer \u00fcblichen Realit\u00e4t zu entstammen: Ist diese zierliche W\u00fcnschelrute vielleicht doch ein Zauberstab? Und \u00fcberhaupt: Wie viel \u00dcbersinnliches ist mit am Werke, wenn ein St\u00fcckchen Holz in der Hand eines besonderen Menschen mehr als zehn Meter tief verlaufende Wasseradern anzuzeigen im Stande sein soll? Alles Humbug? Psychologische Selbstt\u00e4uschung? Oder sind hier wom\u00f6glich Kr\u00e4fte im Spiel, die sich dem wissenschaftlichen Zugriff schlichtweg entziehen? Denn Beweise f\u00fcr die Echtheit von dem, was mir der 67-j\u00e4hrige ehemalige Landwirt hier gerade vorf\u00fchrt, gibt es offiziell keine. Doch allen fehlenden Belegen zum Trotz, neigt sich das St\u00f6ckchen in H\u00f6velbernds H\u00e4nden zielsicher dem Erdboden entgegen.<\/p>\n<p><em>&#8222;Aus Jux und Dollerei&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\u201eDass ich das kann\u201c, \u00fcberlegt Heinrich H\u00f6velbernd und h\u00e4lt kurz inne, \u201edas habe ich so vor drei\u00dfig, vierzig Jahren entdeckt.\u201c Er betrachtet versonnen den Eichenstab in seiner Hand und l\u00e4chelt stolz. \u201eEigentlich habe ich das damals blo\u00df aus Jux und Dollerei mal ausprobieren wollen.\u201c Sein Schwiegervater Heinrich Mennewisch sei ein Ruteng\u00e4nger gewesen. Und auch dessen Vater beherrschte das geheimnisumwitterte Handwerk. Inspiriert von den Erfolgen seiner Verwandtschaft habe er zum St\u00f6ckchen gegriffen &#8211; \u201eUnd bei mir schlug die Rute noch viel heftiger aus als bei ihnen.\u201c Seitdem rufen die Nachbarn ihn an, wenn es darum geht, einen neuen Hausbrunnen anzulegen. Oder, wenn jemand nicht gut schl\u00e4ft und eine Wasserader unter seiner Bettstelle vermutet. Nicht nur in Seeste. \u201eIn Westerkappeln suche ich regelm\u00e4\u00dfig nach Wasser, in der Gemeinde Lotte, in Tecklenburg, in Georgsmarienh\u00fctte\u201c, z\u00e4hlt der ehemalige Landwirt auf. \u201eSogar f\u00fcr die Fachhochschule in Osnabr\u00fcck Haste war ich schon t\u00e4tig.\u201c F\u00fcr die der Ruteng\u00e4ngerei doch eher skeptisch gegen\u00fcberstehenden Akademiker sollte er den optimalen Standort f\u00fcr eine Bew\u00e4sserungsanlage herausfinden. Und &#8211; hatte er Erfolg? \u201eJa, nat\u00fcrlich\u201c, sagt H\u00f6velbernd, scheinbar irritiert \u00fcber die Frage. \u201eDie W\u00fcnschelrute zeigt das Wasser ja zuverl\u00e4ssig an &#8211; da kann ich gar nichts dran \u00e4ndern.\u201c Und, so seine feste \u00dcberzeugung: W\u00fcnschelruten irren nicht. \u201eBisher habe ich noch jedes Mal Wasser gefunden.\u201c<\/p>\n<p><em>Die Spur des Wassers<\/em><\/p>\n<p>Er nimmt die Rute wieder auf, atmet durch, sammelt sich &#8211; und lenkt seine Schritte weiter durch den Wald. Meter um Meter um Meter &#8211; da! Schlagartig senkt sich die Spitze des Zweiges. Von der Gegenseite aus gelaufen, bestimmt H\u00f6velbernd nun die Breite des unterirdischen Quells. Immer wieder kreuzt er mit seinem Holz den Verlauf der Wasserader, und immer wieder antwortet das St\u00f6ckchen mit einer deutlichen Bewegung. Wir folgen beharrlich der Spur &#8211; und treffen unvermittelt auf eine knorrige, alte Eiche: der L\u00e4nge nach aufgespalten ragt sie wie ein Monument der Zerst\u00f6rung direkt vor uns aus dem Boden. Das gestern noch saftig gr\u00fcne Laub beinahe verwelkt. Voldemort! &#8211; schie\u00dft es mir durch den Kopf. \u201eGanz klar\u201c, zeigt sich der Ruteng\u00e4nger sachlicher als seine staunende Beobachterin, \u201eder Baum wurzelt mitten auf der Wasserader &#8211; da schl\u00e4gt ein Gewitterblitz nat\u00fcrlich am liebsten ein.\u201c<\/p>\n<p><em>Nichts \u00dcbernat\u00fcrliches<\/em><\/p>\n<p>Als einen mit besonderen, gar mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4ften ausgestatteten Menschen sieht der Seester sich trotz seines unerkl\u00e4rbaren Talents nicht. \u201eBei dem einen funktioniert das &#8211; bei dem anderen nicht\u201c, beschreibt er das r\u00e4tselhafte Ph\u00e4nomen: \u201eViele k\u00f6nnten das wahrscheinlich auch, blo\u00df sie wissen es gar nicht.\u201c Das klingt ja beinahe wie eine Einladung, denke ich. Ob am Ende etwa auch ich \u2026? H\u00f6velbernd legt mir die kleine Zweiggabel in die H\u00e4nde &#8211; Ellenbogen fest gegen die Nieren pressen, Handfl\u00e4chen nach oben, Daumen nach au\u00dfen, das St\u00f6ckchen fest gegen die Daumenkuppen dr\u00fccken, eine leichte Spannung aufbauen. Dann marschiere ich los. Mit einem erwartungsvollen Kribbeln im Bauch kreuze ich die Stelle, wo der Meister die Wasserader bestimmt hat &#8211; keine Reaktion. Nochmal &#8211; wieder nichts. H\u00f6velbernd zuckt bedauernd mit den Schultern: \u201eKlappt eben nicht bei jedem\u201c, sagt er schlicht. Vielleicht, \u00fcberlege ich, ist es auch nur die falsche W\u00fcnschelrute f\u00fcr mich. Denn, wer seinen Harry Potter gelesen hat, wei\u00df schlie\u00dflich: Es ist der Zauberstab, der sich seinen Besitzer aussucht &#8211; und nicht die Journalistin.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 30.09. 2015; Westf\u00e4lische Nachrichten, 30.09.2015)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise f\u00fcr ihr Tun gibt, werden Rutengeher doch h\u00e4ufig mit zu Rate gezogen, wenn es um das Auffinden von Wasseradern und das Anlegen von Brunnen geht. Was ist dran, am \u201eW\u00fcnscheln\u201c? 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