{"id":3837,"date":"2019-06-20T23:04:25","date_gmt":"2019-06-20T21:04:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=3837"},"modified":"2019-07-05T17:31:41","modified_gmt":"2019-07-05T15:31:41","slug":"der-fischotter-in-lotte-einem-phantom-auf-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=3837","title":{"rendered":"Der Fischotter in Lotte? Einem Phantom auf der Spur"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3838\" aria-describedby=\"caption-attachment-3838\" style=\"width: 3000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3838\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b.jpg\" alt=\"\" width=\"3000\" height=\"1732\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b.jpg 3000w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b-300x173.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b-768x443.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b-1024x591.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter1b-1200x693.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 3000px) 100vw, 3000px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3838\" class=\"wp-caption-text\">Regem\u00e4\u00dfig kontrolliert Diplom-Biologin Anja Roy, ob sie am Ufer der Hase Hinweise &#8211; Pfotenabdr\u00fccke oder Kot &#8211; auf die Anwesenheit eines Fischotters findet. Fotos (2): Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Manchmal hat man keine Wahl. Auch als Fischotter nicht. Dann muss es halt die D\u00fcte sein. Oder die Hase. \u201eObwohl beide Gew\u00e4sser an etlichen Stellen in einem Zustand sind, der sie als Lebensraum f\u00fcr den Fischotter nicht gerade geeignet macht&#8220;, urteilt Diplom-Biologin Anja Roy. Wenn sie nicht als langfristige Bleibe taugen, warum tauchen dennoch an beiden Fl\u00fcssen hin und wieder Fischotter auf?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ahnungslose Laie das Pl\u00e4tschern der heimischen Fl\u00fcsse genie\u00dft, unbeschwert die Uferwege entlang stiefelt und die d\u00f6rfliche Wasserwelt \u2013 vielleicht nicht in bester, aber doch in hinreichender Ordnung w\u00e4hnt, nehmen Biologen und Fischotter die Landschaft ganz anders wahr: Naturfern gestaltete B\u00f6schungen. Schmale, artenarme und landwirtschaftlich oft \u00fcbernutzte Uferrandstreifen. K\u00fcnstliche Hindernisse aus viel Stahl und noch mehr Beton \u2013 wie das Wehr bei Bramsche, wo <a href=\"http:\/\/www.haseauenverein.de\">die Hase<\/a> in einem D\u00fcker verschwindet und unter dem Mittellandkanal hindurch geleitet wird.<\/p>\n<p><em>Selten, scheu und \u00fcberwiegend nachtaktiv<\/em><\/p>\n<p>\u201e\u00d6kologisch betrachtet sind die Randbereiche und die Uferzonen der Hase und der D\u00fcte, da wo sie intensiv bewirtschaftet werden, eine Katastrophe\u201c, beschreibt Roy den Zustand der Natur. Viermal im Jahr inspiziert die selbstst\u00e4ndige Freilandbiologin im Rahmen eines Monitorings (<a href=\"https:\/\/www.lwl.org\/wmfn-download\/pdf\/IN_Fischotter(C)JanOleKriegs,LWL.pdf\">Bestandsaufnahme<\/a>) nahezu s\u00e4mtliche markante Orte im Kreis Steinfurt, an denen sich der Fischotter trotz allem \u00f6kologischen \u00dcbel halbwegs wohlf\u00fchlen \u2013 oder n\u00fcchterner formuliert: an denen er einigerma\u00dfen zurechtkommen \u2013 k\u00f6nnte. \u201eDazu geh\u00f6ren auch die Hase und die D\u00fcte\u201c, sagt Roy. Au\u00dferdem steht die D\u00fcsterdieker Niederung mit ihrem verzweigten Gew\u00e4ssersystem unter der Beobachtung der Fachfrau. Die Lienenerin, die an der Universit\u00e4t in Osnabr\u00fcck studiert hat, ist Mitglied der <a href=\"https:\/\/www.iucnredlist.org\/species\/12419\/21935287\">\u201eOtter Spezialist Group\u201c<\/a> der \u201eInternational Union for Conservation of Nature IUCN\u201c \u2013 zu Deutsch: Internationale Union zur Bewahrung der Natur \u2013 auch \u201eWeltnaturschutzunion\u201c genannt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3876\" aria-describedby=\"caption-attachment-3876\" style=\"width: 416px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Spur-Fischotter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3876\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Spur-Fischotter-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"416\" height=\"555\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Spur-Fischotter-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Spur-Fischotter-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Spur-Fischotter.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 416px) 100vw, 416px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3876\" class=\"wp-caption-text\">Hier ist er entlang gelaufen, der Fischotter! Foto: Anja Roy<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vorsichtig, jeden ihrer gummibestiefelten Schritte mit Bedacht setzend, balanciert sie die B\u00f6schung der Hase kurz oberhalb der D\u00fcte-Einm\u00fcndung in Halen hinab zur Wasserlinie. Weil der Otter ein scheuer Geselle und \u00fcberwiegend nachtaktiv ist, bekommt auch die Wissenschaftlerin ihn selten wenn \u00fcberhaupt einmal zu Gesicht \u2013 und ist auf indirekte Spuren und Indizien angewiesen, wenn sie sein Vorkommen in einem bestimmten Gebiet nachweisen will. \u201eWer Trittsiegel oder Kot vom Fischotter sucht, wird am ehesten unter Br\u00fccken f\u00fcndig\u201c, erkl\u00e4rt Roy. Denn hier im st\u00e4ndigen Schatten w\u00e4chst die Vegetation h\u00e4ufig weniger \u00fcppig, sodass der sandige Boden die Pfotenabdr\u00fccke des bis zu zw\u00f6lf Kilogramm schweren Wassermarders aufnimmt und eine Zeitlang bewahrt.<\/p>\n<p><em>Was an D\u00fcte oder Hase k\u00f6nnte Lutra lutra gefallen?<\/em><\/p>\n<p>\u201eNein, nichts\u2026\u201c, stellt die Biologin nicht im Mindesten \u00fcberrascht fest und l\u00e4sst den Blick \u00fcber die Uferbereiche schweifen. Ihr Gesichtsausdruck verr\u00e4t, dass sie alles andere als begeistert ist von dem, was sie vor Ort an nat\u00fcrlich gewachsenen Strukturen noch vorfindet \u2013 von Vielfalt keine Spur. An was hier k\u00f6nnte der Fischotter Gefallen finden? \u201eDie B\u00f6schungen sind \u00fcberwiegend kanalisiert und mit Steinen befestigt, eine Beschattung durch B\u00e4ume fehlt h\u00e4ufig komplett.\u201c Mit anderen Worten: Das Hase-D\u00fcte-System bildet \u00fcber weite Strecken eine typische, vom Menschen beeinflusste und naturfern gestaltete Gew\u00e4sserkulisse. Wo beispielsweise k\u00f6nnte Lutra lutra, so der wissenschaftliche Name des Fischotters, im Verlauf der beiden Fl\u00fcsse durch die Gemeinde Lotte einen brauchbaren Unterschlupf f\u00fcr sich, geschweige denn f\u00fcr seinen Nachwuchs, anlegen?<\/p>\n<p>\u201eViele Menschen wissen gar nicht, dass der Fischotter in einer Nacht bis zu 20 Kilometer und mehr zur\u00fccklegt\u201c, beschreibt Roy die beachtliche Umtriebigkeit des possierlichen Marders. Entsprechend gro\u00df \u2013 und entsprechend weitl\u00e4ufig \u00f6kologisch intakt \u2013 m\u00fcssen seine Reviere sein. Und weil er sowohl im Wasser wie auch an Land gleicherma\u00dfen flink unterwegs sei, habe es der versierte St\u00f6berj\u00e4ger in der modernen Industrielandschaft besonders schwer. \u201eSo schwierig es ist, den Fischotter anhand von Trittsiegeln oder Kot nachzuweisen\u201c, seufzt Roy und zuckt die Achseln, \u201eumso leichter und leider auch h\u00e4ufiger findet man \u00fcberfahrene Tiere \u2013 oft in der N\u00e4he von Br\u00fccken, Wehren oder Schleusen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_3844\" aria-describedby=\"caption-attachment-3844\" style=\"width: 555px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter2b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3844\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter2b-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"555\" height=\"370\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter2b-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter2b-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter2b-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fischotter2b-1200x800.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 555px) 100vw, 555px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3844\" class=\"wp-caption-text\">Wer sich den Fischotter genauer anschauen m\u00f6chte, greift am besten zum Buch. Anja Roy ist dem possierlichen Wassermarder aber auch schon in der Natur begegnet.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Noch bis in die 1940er Jahre war der Fischotter auch im Kreis Steinfurt heimisch. Doch mit der Begradigung der Fl\u00fcsse und dem Ausbau der Gew\u00e4sser verschwand er mehr und mehr aus der Region, bis seine Best\u00e4nde schlie\u00dflich so drastisch zur\u00fcckgingen, dass das Bundesnaturschutzgesetz ihn heute als \u201estreng gesch\u00fctzte Art\u201c f\u00fchrt und er auf der Roten Liste der gef\u00e4hrdeten Arten in NRW als \u201evom Aussterben bedroht\u201c beschrieben wird.<\/p>\n<p>\u201eDabei ist der Fischotter eigentlich sehr anpassungsf\u00e4hig\u201c, erkl\u00e4rt Roy. Die Anforderungen, die er an seinen Lebensraum stellt \u2013 dicht bewachsene Ufer, ausreichend Fisch als Nahrung sowie chemisch unbelastete, am besten eher flache Gew\u00e4sser mit potenziellen \u00dcberschwemmungszonen \u2013 erf\u00fcllt das Hase-D\u00fcte-System derzeit allerdings nur punktuell; der Einfluss der Agrarwirtschaft auf die Uferbereiche ist an vielen Stellen einfach zu gro\u00df. Dennoch h\u00e4lt Anja Roy es nicht f\u00fcr ausgeschlossen, dass der robuste Wassermarder sich langfristig wieder an der Hase niederl\u00e4sst. Denn irgendwo m\u00fcsse er ja schlie\u00dflich bleiben&#8230;<\/p>\n<p><em>\u00a0Eine Transitstrecke f\u00fcr umtriebige Wassermarder?<\/em><\/p>\n<p>Doch noch ist es nicht soweit. Der von einer aufmerksamen Beobachterin im vergangenen Februar an der D\u00fcte in Wersen fotografierte Otter d\u00fcrfte inzwischen wohl l\u00e4ngst in die Ems in Richtung Meppen abgewandert sein, wo eine Population ans\u00e4ssig ist, mutma\u00dft die Biologin, oder sich in Richtung Holland abgesetzt haben, wo Lutra lutra vor einigen Jahren erfolgreich wieder angesiedelt wurde. \u201eDie D\u00fcte und die Hase wie auch die benachbarten Gr\u00e4ben und B\u00e4che dienen dem Fischotter zurzeit wohl nur als Wasserstra\u00dfe, als eine Art Transitstrecke, die die f\u00fcr ihn attraktiveren Gebiete im Westen und im Osten miteinander verbindet\u201c, zieht die Biologin das Fazit aus ihren Beobachtungen.<\/p>\n<p>Was das <a href=\"https:\/\/www.lwl-naturkundemuseum-muenster.de\/de\/naturkundemuseum\/forschung_und_sammlungen\/fischotter\/\">Vorkommen des Fischotters<\/a> in der Gemeinde Lotte betrifft, also immerhin: ein Anfang. Nicht nur f\u00fcr den putzigen Wassermarder \u00fcbrigens, denn als \u201eNahrungskettenendglied\u201c ist er \u201eein guter Indikator daf\u00fcr, ob sein Lebensraum einigerma\u00dfen stabil ist\u201c, erl\u00e4utert Anja Roy. Mit anderen Worten: Dort, wo es der Fischotter langfristig aush\u00e4lt, d\u00fcrfte auch eine Vielzahl anderer Arten zuhause sein.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 17.06.2019)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal hat man keine Wahl. Auch als Fischotter nicht. Dann muss es halt die D\u00fcte sein. 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