{"id":3785,"date":"2019-05-28T17:42:56","date_gmt":"2019-05-28T15:42:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=3785"},"modified":"2019-05-28T17:42:56","modified_gmt":"2019-05-28T15:42:56","slug":"ich-lese-mal-ein-stueckchen-vor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=3785","title":{"rendered":"\u201eIch lese mal ein St\u00fcckchen vor\u2026\u201c"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3798\" aria-describedby=\"caption-attachment-3798\" style=\"width: 5966px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3798\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b.jpg\" alt=\"\" width=\"5966\" height=\"3127\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b.jpg 5966w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b-300x157.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b-768x403.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b-1024x537.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Leseclub3b-1200x629.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 5966px) 100vw, 5966px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3798\" class=\"wp-caption-text\">K\u00f6nnen von guten Geschichten nicht genug bekommen: Elke (von links), Silke, Beate, Jutta, Beatrix und Kerstin betreiben schon seit Jahren gemeinsam einen Leseclub. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Siebenmal im Jahr treffen sich sieben Frauen aus dem Tecklenburger Land, um sich \u00fcber ihre Leseerfahrungen auszutauschen. Dieses Mal bin auch ich dabei, als es um dubiose Charaktere, grauenhafte Morde und die Frage \u201eIst Lesen \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4\u00df?\u201c geht.<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen einer entkorkten Flasche Rotwein und Sch\u00e4lchen voller Pralinen, Gummib\u00e4rchen und salzigem Knabberzeug wachsen bizarr geformte B\u00fcchert\u00fcrme aus der \u00fcppig bestellten Tischlandschaft empor. Dar\u00fcber oszilliert die Atmosph\u00e4re angeregter Vertrautheit. \u201eIch lese mal ein St\u00fcckchen vor\u2026\u201c, er\u00f6ffnet Beate den Abend und bl\u00e4ttert in ihrer \u2013 sauber durchgearbeiteten und hier und da mit bunten Klebezettelchen versehenden \u2013 Lekt\u00fcre. Wohlig seufzend lehne ich mich zur\u00fcck. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, Teil einer solch perfekten Symbiose aus Frauen, Geschichten, Kohlenhydraten und herbem Rebensaft zu sein?<\/p>\n<p><em>Neuerscheinungen und Wiederentdecktes<\/em><\/p>\n<p>Seit neun Jahren treffen sich Beate, Silke, Kerstin, Elke, Ute, Beatrix und Jutta, um zusammen \u00fcber Neuerscheinungen und Wiederentdecktes, \u00fcber Empfehlenswertes und Abzuratendes zu diskutieren. Verbindlichkeiten gibt es keine: \u201eJede von uns stellt die B\u00fccher vor, die sie gerade interessant oder wichtig findet\u201c, erkl\u00e4rt mir Elke. Lediglich einmal im Jahr verst\u00e4ndigen sich die Damen auf eine gemeinsame Lekt\u00fcre. \u201eDas ist in der Regel genau das eine Mal, an dem ich etwas anderes lese als einen Krimi\u201c, kommentiert Kerstin mit gespielter Leidensmine. Die Laggenbeckerin ist nach eigenen Worten als \u201eabsolute Nichtleserin\u201c unter die bekennenden B\u00fccherw\u00fcrmer geraten. \u201eIch dachte, ich h\u00f6re einfach nur zu\u201c, hatte sie den unwiderstehlichen Sog untersch\u00e4tzt, den eine Geschichte entwickeln kann \u2013 vor allem, wenn sie spannend ist und die Freundinnen einem das Ende nicht verraten wollen\u2026<\/p>\n<p><em>Es geht ein Schnitt durch den Zirkel<\/em><\/p>\n<p>Inzwischen verschlingt Kerstin Seite um Seite, Band um Band. Vorzugsweise Gedrucktes. Am liebsten so richtig sch\u00f6n grauslich. Ihre aktuellen Favoriten? \u201eAbgeschlagen\u201c von Michael Tsokos, der Nachfolger von \u201eAbgeschnitten\u201c. Man lerne beim Lesen sehr viel \u00fcber Forensik und den Entwicklungszyklus von Insekten. Ein diabolisches L\u00e4cheln legt sich auf ihr Gesicht, als sie den anderen das obligatorische Vorlese-Angebot unterbreitet. Dieses Mal h\u00e4lt sich die Begeisterung, gemeinsam in die Handlung einzutauchen, \u2013 zumindest bei einem Teil der Clique\u00a0\u2013 in Grenzen: Was das blutige Verbrechen angeht, wird mir klar, zieht sich ein Schnitt durch den Lesezirkel.<\/p>\n<p><em>Von Thriller bis Poesie<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich Silke (Lesetipp: \u201e17 Erkenntnisse \u00fcber Leander Blum\u201c von Irmgard Kramer) mit unverhohlener Vorfreude den Titel der Schauergeschichte in ihrem Lesetagebuch vormerkt und auch Beatrix (Lesetipp: \u201e1793\u201c von Niklas Natt och Dag) reges Interesse an einem sp\u00e4teren Ausleihen des Thrillers signalisiert, streicht Jutta gedankenverloren \u00fcber den dicken W\u00e4lzer, der auf ihrem Scho\u00df ruht. Die 48-J\u00e4hrige bevorzugt poetisch Erz\u00e4hltes \u2013 und da sei \u201eNichts weniger als ein Wunder\u201c von Markus Zusak genau das Richtige. Zum Beweis liest sie uns einen Ausschnitt \u00fcber das Miteinander der f\u00fcnf von ihrem Vater verlassenen Br\u00fcder vor. Versonnen auf einem Weingummikrokodil kauend, lasse ich mich von der Qualit\u00e4t des Romans \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p><em>Inspirationen direkt von der Buchmesse<\/em><\/p>\n<p>Au\u00dfer aus den eigenen Reihen holen sich die sieben B\u00fccherfreundinnen ihre Lese-Inspirationen allj\u00e4hrlich und direkt vor Ort auf der Leipziger Buchmesse. \u201eDort finden w\u00e4hrend der Messe \u00fcber die ganze Stadt verteilt Lesungen statt\u201c, berichtet Elke (Lesetipp: \u201eDer Typ ist da\u201c von Hanns-Josef Ortheil), \u201eund man erlebt viele Autoren ganz unmittelbar.\u201c Auch Literaturverfilmungen lassen sich die Club-Mitglieder nur ungern entgehen. Zuletzt haben sie bei einer gemeinsamen Pyjamaparty \u2013 die einen bis tief in die Nacht, die anderen bis zum fr\u00fchen Morgen \u2013 ihrer Leidenschaft gefr\u00f6nt. \u201eLesen kann man immer und \u00fcberall\u201c, sagt Beate, \u201eund wenn es nur f\u00fcnf Minuten am Tag sind.\u201c \u2013 Und wer lese, pflichtet Kerstin ihr bei, der lerne fast immer etwas Interessantes dazu. Lesen sei nicht blo\u00df unterhaltsam, erg\u00e4nzen die anderen, sondern rege zudem sowohl zu eigenen Gedanken wie auch zu manch abendf\u00fcllendem Gespr\u00e4ch an.<\/p>\n<p><em>Zur Lekt\u00fcre geh\u00f6rt immer auch ein Heftchen Klebestreifen<\/em><\/p>\n<p>Um diesen Tatbestand auf am\u00fcsante Weise zu untermauern, h\u00e4lt uns Beate zum Abschluss noch ein d\u00fcnnes, rot eingebundenes Druckwerk entgegen: \u201eDie souver\u00e4ne Leserin\u201c von Alan Bennett erz\u00e4hlt davon, wie die britische Queen dank eines unerzogenen Corgis die Welt der B\u00fccher f\u00fcr sich entdeckt. Schmunzelnd durchst\u00f6bert Beate die Seiten, bis sie zu der Stelle gelangt, die sie mit einem neonfarbenden Klebestreifen markiert hat: \u201eIch lese mal ein St\u00fcckchen vor\u2026\u201c, hebt sie den Vorhang in das noch unbekannte Abenteuer \u2013 und w\u00e4hrend ich mich ein letztes Mal behaglich in meinen Sessel kuschel, ahne ich bereits, wie sehr ich k\u00fcnftig diese Worte \u2013 und mehr noch: die auf sie folgenden (Wohl-)Taten \u2013 vermissen werde.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 22.05.2019)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siebenmal im Jahr treffen sich sieben Frauen aus dem Tecklenburger Land, um sich \u00fcber ihre Leseerfahrungen auszutauschen. 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