{"id":3588,"date":"2013-09-12T10:22:05","date_gmt":"2013-09-12T08:22:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=3588"},"modified":"2019-02-24T10:28:17","modified_gmt":"2019-02-24T09:28:17","slug":"3588","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=3588","title":{"rendered":"Warum Verwaltung einen Riesenspa\u00df machen kann"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3589\" aria-describedby=\"caption-attachment-3589\" style=\"width: 741px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/aaq-interviewproehlprivat_full.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3589\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/aaq-interviewproehlprivat_full.jpg\" alt=\"\" width=\"741\" height=\"417\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/aaq-interviewproehlprivat_full.jpg 741w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/aaq-interviewproehlprivat_full-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 741px) 100vw, 741px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3589\" class=\"wp-caption-text\">Marga Pr\u00f6hl leitet das Europ\u00e4ische Institut f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung (EIPA) in Maastricht. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"teaser\"><strong>Hoch kompliziert und viel zu abstrakt? F\u00fcr manche gleicht die \u00f6ffentliche Verwaltung einem Labyrinth, in dem der B\u00fcrger sich m\u00fchsam seinen Weg suchen muss. Die Vorstellung von langen, in kaltes Neonlicht getauchten Fluren, Gummib\u00e4umen und nach Auskunft suchenden B\u00fcrgern. \u201eVerwaltung\u201c, entgegnet Marga Pr\u00f6hl, \u201eist hochspannend und st\u00e4ndig in Bewegung, genauso wie die Gesellschaft selbst. Und manchmal\u201c, f\u00e4hrt sie fort und l\u00e4chelt charmant, \u201emacht die Arbeit mit und f\u00fcr Verwaltungen sogar einen Riesenspa\u00df.\u201c<\/strong><\/p>\n<p class=\"teaser\">Marga Pr\u00f6hl stammt von einem Bauernhof in Gehrde. Heute leitet die 58-J\u00e4hrige das Europ\u00e4ische Institut f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung (EIPA) in Maastricht, Niederlande. Wenn jemand wei\u00df, wie, warum und ob Verwaltung funktioniert, dann sie. Am 20. September spricht die Fachfrau f\u00fcr Administration in der Artland Akademie in Quakenbr\u00fcck \u00fcber ihre Arbeit.<\/p>\n<div id=\"content-jump-to\" class=\"content\">\n<p><b>Frau Professor Pr\u00f6hl, welcher Weg f\u00fchrte Sie aus Gehrde zu Fragen der europ\u00e4ischen Verwaltungswelt?<\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr gesellschaftspolitische Fragen sowie f\u00fcr Management und Organisation habe ich mich schon w\u00e4hrend meiner Zeit am Artland Gymnasium in Quakenbr\u00fcck interessiert.<\/p>\n<p><b>Da war es also nur logisch, dass Sie ein Studium f\u00fcr Sozial- und Wirtschaftswissenschaften aufnahmen?<\/b><\/p>\n<p>Ja, das war schon irgendwie ganz klar f\u00fcr mich. W\u00e4hrend meines Studiums an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck habe ich dann viel mit Gewerkschaften zusammengearbeitet und dort die Auswirkungen von F\u00fchrung und Management studiert. Mich hat interessiert, wie sich Menschen in komplexen Strukturen erfolgreich und zugleich sinnvoll organisieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>Aber neben dem Interesse an Management und Organisation hatten Sie eine weitere Leidenschaft: das Reisen. Hat das Ihren Werdegang beeinflusst?<\/b><\/p>\n<p>Auf jeden Fall. Einer meiner W\u00fcnsche war es, unbedingt einmal Indien kennen zu lernen und ausf\u00fchrlich zu bereisen. Nach meinem Diplom schlug mir mein Professor vor, das Angenehme mit dem N\u00fctzlichen zu verbinden und mich um ein Auslands-Stipendium zu bewerben. \u201eWenn du in Indien arbeitest und forscht, lernst du viel mehr \u00fcber das Land und die Leute, als wenn du als Tourist dorthin f\u00e4hrst\u201c, hat er gesagt. Und er hatte recht.<\/p>\n<p><b>Womit haben Sie sich in Indien besch\u00e4ftigt?<\/b><\/p>\n<p>Vor allem habe ich dort Studenten, Professoren und F\u00fchrungskr\u00e4fte im Bereich Wirtschaft und Management befragt. Diese Untersuchungen waren dann die Grundlage f\u00fcr meine Dissertation. Und als die fertig war &#8211; da wollte ich wieder ins Ausland.<\/p>\n<p><b>Und wieder hatten Sie die Chance, das Angenehme mit dem N\u00fctzlichen zu verbinden?<\/b><\/p>\n<p>Ja, allerdings. Diesmal ging es im Auftrag der Vereinten Nationen f\u00fcr f\u00fcnf Jahre in die \u00e4thiopische Hauptstadt Addis Abeba. Von dort aus habe ich verschiedene Projekte in ganz Afrika betreut: Dazu geh\u00f6rte der Aufbau von Managementinstituten wie auch die Organisation der Ausbildung von Verwaltungsbeamten: Ich war verantwortlich f\u00fcr die Konzeption, die Finanzierung und die Kontrolle der Projekte, musste der UNO in New York Bericht erstatten und dann wieder mit den Regierungen vor Ort verhandeln. Das war eine echte Herausforderung!<\/p>\n<p><b>Indien, Afrika &#8211; ein ziemlich beachtliches Abenteuer. Was hat ihre Familie dazu gesagt?<\/b><\/p>\n<p>Wir haben regelm\u00e4\u00dfig miteinander telefoniert und Briefe geschrieben. Das Internet war in den 80er Jahren ja noch nicht soweit. Mein Mann hat mich nach Indien und Afrika begleitet. Und schlie\u00dflich haben wir unsere Tochter Sarah in \u00c4thiopien adoptiert. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde unser Sohn Julian geboren.<\/p>\n<p><b>Und mit einem Mal mussten Sie dann ihr berufliches Interesse an komplexen Organisationsmustern mit einer eigenen, dynamischen Familienstruktur unter einen Hut bringen\u2026<\/b><\/p>\n<p>Das war eine anstrengende Zeit! Die Kombination von Familie und Beruf kann nur funktionieren, wenn man ein zuverl\u00e4ssiges Netzwerk um sich hat: Ohne meinen Mann und meine Mutter w\u00e4re es nicht gegangen. Dazu kam, dass die Bertelsmann Stiftung mit Sitz in G\u00fctersloh gerade eine Stelle ausgeschrieben hatte, die zu diesem Zeitpunkt perfekt f\u00fcr mich war.<\/p>\n<p><b>F\u00fcnf Jahre waren Sie in einer Leitungsfunktion bei der Bertelsmann Stiftung in G\u00fctersloh t\u00e4tig. Was genau war daran das Perfekte f\u00fcr Sie?<\/b><\/p>\n<p>Dort konnte ich endlich mein Wissen \u00fcber Organisation und Management von komplexen Strukturen, das ich \u00fcber all die Jahre gesammelt hatte, in Projekten mit der \u00f6ffentlichen Verwaltung nutzen und etwas bewirken &#8211; Anst\u00f6\u00dfe geben.<\/p>\n<p><b>Es wurde also konkret?<\/b><\/p>\n<p>Ja, genau: Die \u00f6ffentliche Verwaltung war Anfang der 90er Jahre in einem tiefgreifenden Reformprozess. B\u00fcrgerorientierung, Effizienz und Kostenbewusstsein waren die wichtigsten Themen. Die Bertelsmann Stiftung hat versucht, Standards zu entwickeln, \u00fcber die Verwaltungen &#8211; zum Beispiel die Kommunen &#8211; sich miteinander vergleichen und in einem Quasi-Wettbewerb voneinander lernen konnten. Das gab es ja damals noch gar nicht. Wir haben dann beispielsweise den \u201eBertelsmann Preis f\u00fcr die beste Kommune der Welt\u201c ausgelobt.<\/p>\n<p><b>Und wie haben die \u00f6ffentlichen Verwaltungen darauf reagiert?<\/b><\/p>\n<p>Unterschiedlich. Die, die im Bundes- oder im internationalen Vergleich vorne lagen, waren nat\u00fcrlich stolz und haben das dann auch f\u00fcr ihre \u00f6ffentliche Selbstdarstellung nutzen k\u00f6nnen. Und von denen, die weiter vorne lagen, konnten sich die anderen etwas abschauen. Damals gingen die Preise \u00fcbrigens an die heute vom Erdbeben verw\u00fcstete Stadt Christchurch in Neuseeland und an Phoenix, Arizona, USA. Der Stadtrat von Christchurch hatte zum Beispiel ein vorbildliches Planungsinstrument entwickelt, das die Verwaltungsziele der Stadt f\u00fcr die B\u00fcrger \u00e4u\u00dferst transparent darstellte und \u00fcberpr\u00fcfbar machte.<\/p>\n<p><b>Der Blick \u00fcber den nationalen Tellerrand war also auch von G\u00fctersloh aus m\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>Nationale, regionale und internationale Vergleiche bildeten h\u00e4ufig die Grundlage meiner Arbeit. Es w\u00e4re doch verr\u00fcckt, das Rad jedes Mal neu erfinden zu wollen! Die Bertelsmann Stiftung hat gemeinsam mit Experten Kriterien zu einem bestimmten Thema &#8211; zum Beispiel Schule, Bildung oder Integration &#8211; erarbeitet, die einen m\u00f6glichst objektiven Vergleich der unterschiedlichen L\u00f6sungsans\u00e4tze zulie\u00dfen.<\/p>\n<p><b>K\u00f6nnen Sie ein paar Beispiele nennen?<\/b><\/p>\n<p>Von Kanada haben wir wichtige Impulse erhalten, was die Aus- und Weiterbildung von Lehrern angeht. In D\u00e4nemark gibt es interessante Wege in der allgemeinen beruflichen Ausbildung. Und von den Niederl\u00e4ndern haben wir uns in Deutschland eine Menge abschauen k\u00f6nnen, was die Verschlankung von B\u00fcrokratie betrifft. Internationale Vergleiche sind eine Quelle der Inspiration f\u00fcr hiesige Einrichtungen.<\/p>\n<p><b>2004 hat der damalige Innenminister Otto Schily Sie dann ins Bundesinnenministerium nach Berlin geholt.<\/b><\/p>\n<p>Ja, dort habe ich an der Modernisierung der \u00f6ffentlichen Verwaltung auf Bundesebene mitgewirkt. Mein Team und ich haben unter anderem das Thema B\u00fcrokratieabbau bearbeitet. Wir haben Merkmale zusammengestellt, nach denen sich B\u00fcrokratie bemessen l\u00e4sst: Was kostet beispielsweise bei bestimmten Gesetzen die Berichtspflicht von Unternehmen? Wie teuer sind die Folgen f\u00fcr die Kommunen, die Unternehmen, die B\u00fcrger? Das alles kann man mit Standardmodellen berechnen &#8211; und dann muss man auf politischer Ebene entscheiden: Ist es uns das wert? Oder kann ein Weniger an Folgekosten erreicht werden?<\/p>\n<p><b>2007 wurden Sie w\u00e4hrend der deutschen EU-Ratspr\u00e4sidentschaft mit dem Vorsitz einer Arbeitsgruppe zur Verwaltungsmodernisierung auf europ\u00e4ischer Ebene beauftragt. Diese Pflicht haben Sie offenbar so \u00fcberzeugend erf\u00fcllt, dass die deutsche Regierung Sie als Kandidatin f\u00fcr das Amt der Direktorin des EIPA ins Rennen schickte. Sie gewannen die Wahl und befinden sich mittlerweile bereits in ihrer zweiten Amtsperiode. Womit besch\u00e4ftigt sich das EIPA, und was reizt Sie an dieser Aufgabe?<\/b><\/p>\n<p>Das EIPA k\u00fcmmert sich mit seinen rund 100 Mitarbeitern um die N\u00f6te der Verwaltungen in Europa. In unserer Zentrale in Maastricht sowie in unseren B\u00fcros in Barcelona und Luxemburg f\u00fchren wir Fortbildungen f\u00fcr die Verwaltungsbeamten unserer Mitgliedsstaaten durch: auf europ\u00e4ischer Ebene, aber auch auf Bundes- und L\u00e4nderebene bis in die kommunalen Strukturen hinein. Wir informieren \u00fcber den aktuellen Stand der europ\u00e4ischen Verwaltungsrichtlinien, Gesetze und Verordnungen und geben Hilfestellungen f\u00fcr die Praxis. Wir forschen, wir beraten und wir vermitteln das Know-How, wie die Beschl\u00fcsse der Europ\u00e4ischen Union praxisorientiert umzusetzen sind.<\/p>\n<p><b>Noch ein Wort zur Artland Akademie?<\/b><\/p>\n<p>Ich halte es f\u00fcr eine tolle Idee, Leute miteinander ins Gespr\u00e4ch zu bringen, um das Wissen aus der Region zu b\u00fcndeln. So k\u00f6nnen neue Initiativen und Netzwerke entstehen, die wiederum der regionalen Entwicklung zu Gute kommen. Ich hoffe sehr, in Quakenbr\u00fcck einige der fr\u00fcheren Schulkameraden sowie Freunde und Bekannte wieder zu sehen. Es ist sicher auch eine Gelegenheit, interessante neue Bekanntschaften zu machen.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Bersenbr\u00fccker Kreisblatt, 12.09.2013)<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hoch kompliziert und viel zu abstrakt? F\u00fcr manche gleicht die \u00f6ffentliche Verwaltung einem Labyrinth, in dem der B\u00fcrger sich m\u00fchsam seinen Weg suchen muss. Die Vorstellung von langen, in kaltes Neonlicht getauchten Fluren, Gummib\u00e4umen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3589,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"image","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[6,80],"tags":[703,970,968,969],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3588"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3588"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3588\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3591,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3588\/revisions\/3591"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3589"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}