{"id":2855,"date":"2018-04-24T08:15:51","date_gmt":"2018-04-24T06:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2855"},"modified":"2019-01-23T08:46:07","modified_gmt":"2019-01-23T07:46:07","slug":"wie-heiner-diekamp-mehr-als-100-senioren-abheben-laesst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2855","title":{"rendered":"Wie Heiner Diekamp mehr als 100 Senioren abheben l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2856\" aria-describedby=\"caption-attachment-2856\" style=\"width: 2000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2856\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1213\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1.jpg 2000w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1-300x182.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1-768x466.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1-1024x621.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Tanztee5b-1-1200x728.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2856\" class=\"wp-caption-text\">Kaum hat Heiner Diekamp die ersten Akkorde gespielt, f\u00fcllt sich die Tanzfl\u00e4che des Kuckucks-Nestes. Seit zw\u00f6lf Jahren animiert der Alleinunterhalter aus Westerkappeln seine G\u00e4ste zweimal in der Woche zu Walzer und Tango. Selten kommen weniger als hundert bewegungsfreudige Senioren an einem Nachmittag. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die G\u00e4ste stammen von weit her. Doch wie treue Zugv\u00f6gel kehren sie immer wieder zum Kuckucks-Nest zur\u00fcck. L\u00e4ngst ist das Bauerncaf\u00e9 mit seinem Tanztreff zu einer zweiten Heimat f\u00fcr viele von ihnen geworden. Mit meinem Mann unter den Fittichen, begebe ich mich auf Stippvisite.<\/strong><\/p>\n<p>Zweimal in der Woche, immer Mittwoch- und Donnerstagnachmittag, verwandelt sich die ger\u00e4umige Bauerndiele am Rande von Westerkappeln in ein kompaktes Raumschiff aus Eichenholz. Keyboard-Kapit\u00e4n Heiner Diekamp dr\u00fcckt den Startknopf an seinem Tasteninstrument \u2013 und mehr als hundert Senioren heben ab. Seit zw\u00f6lf Jahren bef\u00f6rdert der unersch\u00fctterliche Alleinunterhalter seine G\u00e4ste in ein Paralleluniversum leichtf\u00fc\u00dfiger Heiterkeit. Wo genau dieser paradiesische Zielort liegt, wei\u00df allein der Steuermann. Nur eines ist f\u00fcr alle Passagiere sicher: Er befindet sich weit, ganz weit weg vom Alltag.<\/p>\n<p><em>Walzer gegen die Einsamkeit<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte die Leute in eine andere Welt entf\u00fchren \u2013 wenigstens f\u00fcr ein paar Stunden\u201c, sagt Diekamp, \u201eviele \u00e4ltere Menschen sind ja erschreckend einsam in ihrem Leben.\u201c Kn\u00f6pfchen gedr\u00fcckt, Schalter umgelegt, Mikro eingeschaltet. Mal im wogenden Drei-, mal im schmissigen Viervierteltakt beschleunigt der Raumgleiter unter dem Kommando des hemds\u00e4rmeligen Conf\u00e9renciers musikalisch durch. Wo Diekamp f\u00fcr Stimmung sorgt, bleibt keiner einsam. H\u00f6chstens mein Mann, der \u2013 anders als scheinbar jeder andere hier \u2013 nicht wirklich gerne tanzt. Was daran liegen mag, dass er zwar mit erfreulich viel Takt-, daf\u00fcr aber mit erschreckend wenig Rhythmusgef\u00fchl gesegnet ist. Und der nun zunehmend angespannt der Dinge harrt, die er da unweigerlich auf sich zufliegen sieht.<\/p>\n<p><em>Auf Hochglanz polierte Holzbohlen<\/em><\/p>\n<p>Kaum vibrieren die erste Akkorde aus den beachtlichen Lautsprecherboxen von Diekamps Soundstation, die auf alles andere als auf schr\u00f6mmelige Provinzma\u00dfe zugeschnitten ist, dr\u00e4ngen sich die Paare auch schon auf der Tanzfl\u00e4che: Mona Lisa. Wei\u00dfes Boot. Das Kufstein Lied. Die rustikalen Holzbohlen sind von den ungez\u00e4hlten Schritten, die an ungez\u00e4hlten Nachmittagen im Walzer-, Tango- und Discofox-Rhythmus \u00fcber sie hinweg geglitten sind, so sauber abgeschliffen als w\u00e4ren sie frisch poliert.<\/p>\n<p><em>\u201eDie sind ja richtig gut\u201c<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Diekamp die Helene Fischer gibt, und zwischen Keyboard und Kuchenbuffet verz\u00fcckte Paare beschwingt umeinander wogen, mal in der klassischen Dame\/Herr-, mal in der funktionalen Dame\/Dame-Kombination, haben mein Mann und ich an einer der adrett eingedeckten Tischreihen Position bezogen und sondieren erst einmal das Terrain. \u201eDie sind ja richtig gut\u201c, raunt meine Eheh\u00e4lfte ehrf\u00fcrchtig und schluckt nerv\u00f6s. Der Gute wei\u00df, was ihn gleich erwartet \u2013 lautet unser seit Wochen hart verhandelter Deal doch: Ich spendiere ihm das St\u00fcckchen Torte, er mir im Gegenzug einen Tanz. Und seinen Teller, stelle ich mit diebischem Wohlwollen fest \u2013 hat mein pers\u00f6nlicher Gigolo soeben kr\u00fcmelrein geleert.<\/p>\n<p><em>Ein fliegendes Kuckucks-Nest<\/em><\/p>\n<p>Das fliegende Kuckucks-Nest ist mittlerweile sicher in den Orbit gediegener Geselligkeit eingeschwenkt. Die Gem\u00fcter der T\u00e4nzer haben jenen l\u00e4ssigen, nur in sich, der Musik und dem Anblick des Gegen\u00fcbers ruhenden Schwebezustand erreicht, den keine irdisch verhaftete Sorge so schnell aus der Balance zu bringen vermag. \u201eIm Winterhalbjahr bleiben die meisten so bis gegen 18 Uhr\u201c, sagt Diekamp. Etliche h\u00e4tten ja auch noch recht weite Heimwege vor sich \u2013 bis ins M\u00fcnster- und ins Ems-, manche sogar bis ins Weserbergland zur\u00fcck. \u201eIm Sommer wird es dann allerdings auch schon mal sp\u00e4ter.\u201c F\u00fcr ihn selbst, versichert Diekamp \u2013 und wer ihm dabei zusieht, wie seine Finger \u00fcber die Tasten fegen, wie er ins Mikrofon haucht und s\u00e4uselt und mit dem rechten Fu\u00df unaufh\u00f6rlich den Takt angibt, der nimmt ihm seine Begeisterung vorbehaltlos ab \u2013 f\u00fcr ihn selbst sei das keine Arbeit, sondern pures Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Passender Rhythmus, saubere Schrittfolge<\/em><\/p>\n<p>Just in dem Moment, als ich zu f\u00fcrchten beginne, dass ich den Tanztreff wohl als tatenlose Nesthockerin beschlie\u00dfen werde, \u00fcbernimmt mein gutbesohlter Gatte die F\u00fchrung und walzt entschlossen drauflos: Grundschritt mit Vierteldrehung. Passender Rhythmus, saubere Schrittfolge \u2013 ich bin perplex: \u201eWoher kannst du denn das mit einem Mal?\u201c, fl\u00fcstere ich ihm zu. Triumphierend hebt er seine Augenbrauen und deutet in Richtung Dielenboden: \u201eMan muss nur lange genug den kompetent wirkenden Paaren auf die F\u00fc\u00dfe gucken.\u201c Und von denen, nickt er anerkennend, gebe es hier im Kuckucksnest ja schlie\u00dflich reichlich.<\/p>\n<p>Immer mittwochs und donnerstags l\u00e4dt Kuckucks-Nest-Betreiberin Monique Diekamp ab 14 Uhr zum Tanztreff in ihr Bauerncaf\u00e9 an der Mettinger Stra\u00dfe 60 in Westerkappeln ein. Der Eintritt ist frei, eine Verzehrpflicht besteht nicht. F\u00fcr Livemusik sorgt Heiner Diekamp an seinem Keyboard.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 18.04.2018)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die G\u00e4ste stammen von weit her. Doch wie treue Zugv\u00f6gel kehren sie immer wieder zum Kuckucks-Nest zur\u00fcck. 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