{"id":2775,"date":"2013-04-07T13:38:17","date_gmt":"2013-04-07T11:38:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2775"},"modified":"2018-04-08T13:39:13","modified_gmt":"2018-04-08T11:39:13","slug":"plaedoyer-fuer-mehr-maenner-in-den-kindergaerten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2775","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr M\u00e4nner in den Kinderg\u00e4rten"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2779\" aria-describedby=\"caption-attachment-2779\" style=\"width: 960px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/child-3194977_960_720.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2779\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/child-3194977_960_720.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"640\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/child-3194977_960_720.jpg 960w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/child-3194977_960_720-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/child-3194977_960_720-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2779\" class=\"wp-caption-text\">M\u00e4dchenfarbe, Jungenfarbe? Wer Rollenklischees \u00fcberwindet, kann aus dem Vollen sch\u00f6pfen! Foto: Pixabay<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wer einen Kindergarten besucht, wem Kitas oder Grundschulen nicht g\u00e4nzlich fremd sind, kommt nicht umhin zu bemerken, dass sich die fr\u00fchkindliche Erziehung in einer bedenklichen p\u00e4dagogischen Schieflage verheddert hat und in eingeschr\u00e4nkter Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit weit unter ihren M\u00f6glichkeiten dahind\u00fcmpelt: 97 Prozent des Fachpersonals in Kinderg\u00e4rten und Kitas sind Frauen.<\/strong><\/p>\n<div id=\"content-jump-to\" class=\"content\">\n<p>Nicht, dass die weiblichen Erziehungsexpertinnen keine gute Arbeit leisteten \u2013 das tun sie ohne Frage. Aber: Wo, bitte sch\u00f6n, bleiben die M\u00e4nner und deren mitpr\u00e4gender Einfluss auf die n\u00e4chste Generation? Wie sollen die J\u00fcngsten geschlechterspezifische Ausgewogenheit, Vielfalt und Gleichberechtigung erfahren, wenn diese Ideale de facto am Lernort gar nicht vorhanden sind und somit auch nicht entsprechend vorgelebt werden k\u00f6nnen? Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, zeigt der Bersenbr\u00fccker Astrid-Lindgren-Kindergarten in der n\u00e4chsten Woche die Wanderausstellung der bundesweiten Initiative \u201eMehr M\u00e4nner in die Kitas\u201c.<\/p>\n<p><em>Noch immer der alte Kampf Blau gegen Rosa!?<\/em><\/p>\n<p>Entschlossen greift der f\u00fcnfj\u00e4hrige Daniel zum gr\u00fcnen Pinsel. Die Lieblingsfarbe seines Kiga-Kumpels Oliver dagegen ist Blau. \u201eWir nehmen dann mal die M\u00e4dchenfarben\u201c, sagt Nicole und tunkt fr\u00f6hlich die Quaste ins Rot, w\u00e4hrend Veronika mit leuchtenden Augen beginnt, ihren linken Fu\u00df knallrosa anzumalen. M\u00e4dchenfarben? Jungenfarben? Ist die junge Generation etwa noch immer von l\u00e4ngst \u00fcberwunden gehofften Rollenklischees umzingelt?<\/p>\n<p><em>\u201eDer Kai ist immer hier\u201c<\/em><\/p>\n<p>Kai Ferati, Heilerziehungspfleger im katholischen Kindergarten Arche Noah in Bersenbr\u00fcck, reicht seinen vier Sch\u00fctzlingen schmunzelnd die Mal-Utensilien an. Er bindet vier Matsch-Kittel zu, krempelt acht \u00c4rmel hoch und assistiert dann geduldig mit Wischlappen und Handtuch. Kai Ferati? Ein Mann im Kindergarten? Geh\u00f6rt das so? Oliver, Veronika, Daniel und Nicole blicken einander irritiert an \u2013 die vier wissen nicht so recht, was sie von dieser Frage halten sollen. \u201eDer Kai ist immer hier\u201c, erkl\u00e4rt Nicole schlie\u00dflich mit Nachdruck: \u201eDer ist doch unser Erzieher.&#8220;<\/p>\n<p><em>Wann ist ein Mann ein Mann&#8230;?<\/em><\/p>\n<p>Vielleicht sind Rollenklischees wie schlechte Angewohnheiten: Man kann sie nicht aus dem Fenster werfen, sondern muss sie Stufe f\u00fcr Stufe die Treppe herunter schleppen. Blau hin und Rosa her \u2013 Daniel, Nicole, Oliver und Veronika stehen mit ihrer entspannten Haltung zu den vermeintlich geschlechterspezifischen Verhaltensmustern ihrer erwachsenen Bezugspersonen zwar vorbildlich, aber doch recht alleine da. Die vorgefasste Meinung, dass das weite Feld der fr\u00fchkindlichen Erziehung f\u00fcr einen richtigen Mann eigentlich kein ernst zu nehmendes, geschweige denn ein angemessenes Bet\u00e4tigungsfeld sei, befindet sich noch ziemlich oben auf der Stufenleiter der gesellschaftlichen Fehlurteile.<\/p>\n<p><em>Bundesweite Initiative: Mehr M\u00e4nner in die Kitas<\/em><\/p>\n<p>Mit der bundesweiten Initiative \u201eMehr M\u00e4nner in die Kitas\u201c will das Ministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend diesen Trend \u00e4ndern. Unter anderem mit Mitteln aus dem Europ\u00e4ischen Sozialfonds werden Modellprojekte und Kampagnen angesto\u00dfen, um jungen M\u00e4nnern den Einstieg in die wunderbare Welt der institutionellen Kinder- und Jugendarbeit schmackhaft zu machen. Auch der Altkreis Bersenbr\u00fcck ist in Bewegung.<\/p>\n<p><em>\u201eDas Team f\u00fchlt sich kompletter an&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\u201eM\u00e4nnliche Erzieher bringen andere Qualit\u00e4ten in die Einrichtung hinein\u201c, sagt Marianne Peukert, Leiterin des katholischen Kindergartens Arche Noah. Damit meine sie nicht blo\u00df, dass endlich mal jemand da sei, der auch die etwas schwereren Dinge m\u00fchelos hin- und her tragen, ein paar N\u00e4gel f\u00fcr die Bilder in die Wand hauen und mit den Kindern in den Werkraum gehen k\u00f6nne, gesteht sie halb am\u00fcsiert, halb seufzend. Klischees sind wie schlechte Angewohnheiten&#8230; Nein, nat\u00fcrlich meine sie vor allem die p\u00e4dagogischen Impulse. \u201eDas Team als Ganzes f\u00fchlt sich einfach kompletter an, wenn beide Geschlechter vertreten sind\u201c, sagt sie. \u201eAuch in Elterngespr\u00e4chen ist ein Mann als Ansprechpartner besonders f\u00fcr die V\u00e4ter oft sehr hilfreich.\u201c<\/p>\n<p><em>Schlechte Bezahlung, geringe Aufstiegsm\u00f6glichkeiten<\/em><\/p>\n<p>Kai Ferati ist unter den 14 fest angestellten Fachkr\u00e4ften der Einrichtung an der Goethestra\u00dfe derzeit der einzige Mann. Woran das liegt? Marianne Peukert zieht vielsagend die Augenbrauen hoch. \u201eAn der schlechten Bezahlung von Erziehern besonders in Teilzeitstellen und an den geringen Aufstiegsm\u00f6glichkeiten.\u201c Frauen h\u00e4tten nat\u00fcrlich mit den gleichen beruflichen Nachteilen zu k\u00e4mpfen, \u201eaber die scheinen sich, warum auch immer, eher damit zu arrangieren\u201c, hat Peukert beobachtet.<\/p>\n<p><em>Sprungbrett in den sozialen Bereich<\/em><\/p>\n<p>Und Kai Ferati? Warum ist der 36-j\u00e4hrige zweifache Familienvater nicht bei seinem ersten Lehrberuf geblieben und hat stattdessen nach seiner Tischlerlehre eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger gemacht? Der geb\u00fcrtige Kettenkamper wiegt bed\u00e4chtig den Kopf hin und her. \u201eDer Zivildienst in den Bersenbr\u00fccker Werkst\u00e4tten war quasi mein Sprungbrett in den sozialen Bereich\u201c, erinnert er sich. Die Arbeit mit Menschen habe ihn vom ersten Moment an fasziniert. W\u00e4hrend der dreij\u00e4hrigen Ausbildung an der Quakenbr\u00fccker Fachschule f\u00fcr Heilerziehungspflege, berichtet Ferati, habe er ein f\u00fcr ihn pr\u00e4gendes Blockpraktikum an der Kardinal-von-Galen-Schule f\u00fcr K\u00f6rperbehinderte in Dinklage absolviert.<\/p>\n<p><em>Hemmschwellen \u00fcberwinden<\/em><\/p>\n<p>Als Zusatzqualifikation schloss er zudem eine einj\u00e4hrige Motop\u00e4dieausbildung in Dortmund ab. \u201eUnsere Klasse bestand damals aus 24 Frauen, Erzieherinnen, Sozialp\u00e4dagoginnen, Lehrerinnen \u2013 und ich als einziger Mann dazwischen.\u201c Ja, blickt er im Nachhinein etwas ungl\u00e4ubig drein, irgendwie habe er da schon gemerkt, dass er die Ausnahme gewesen sei. \u201eAber, wenn man Hemmschwellen \u00fcberwinden und klassische Rollenmuster durchbrechen will \u2026?\u201c Er l\u00e4sst den Satz offen und l\u00e4chelt. Schlie\u00dflich hat er durchgehalten \u2013 der einzige Mann.<\/p>\n<p><em>Spannende Aufgabe voller Verantwortung<\/em><\/p>\n<p>Siebeneinhalb Jahre war er anschlie\u00dfend im Bereich der Fr\u00fchf\u00f6rderung t\u00e4tig. Seit 2010 arbeitet er im Arche-Noah-Kindergarten. \u201eAls Mann habe ich hier durchaus eine tragende Rolle und kann Einfluss auf die Erziehung und die Entwicklung der Kinder nehmen\u201c, sagt er. \u201eEine wirklich sch\u00f6ne Aufgabe \u2013 sehr spannend und voller Verantwortung.\u201c Wer Freude an der Arbeit mit Kindern habe, dem r\u00e4t Ferati den Schritt in die Erzieherlaufbahn zu wagen: \u201eAls Mann hat man in diesem Bereich ohnehin viele gute Karten in der Hand und wird meistens mit Kusshand genommen.\u201c<\/p>\n<p><em>Rollenklischees durchbrechen<\/em><\/p>\n<p>Kai Ferati schaut aufmerksam zu, wie Veronika, Daniel, Nicole und Oliver mit akribischer Genauigkeit blaue F\u00fc\u00dfe und rosa Handfl\u00e4chen aufs Papier stempeln. \u201eIhr k\u00f6nnt ruhig auch mal tauschen\u201c, schl\u00e4gt er mit diplomatischer Miene und aufmunterndem Tonfall vor. Die vier Kinder \u00fcberlegen nicht lange: \u201eKann ich dein Blau?\u201c Schon ist Nicoles Fu\u00df dunkel eingef\u00e4rbt. Und Daniel zieht bed\u00e4chtig einen pinken Finger \u00fcbers Papier. Kai Ferati l\u00e4chelt zufrieden.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Bersenbr\u00fccker Kreisblatt, 07.04.2013)<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer einen Kindergarten besucht, wem Kitas oder Grundschulen nicht g\u00e4nzlich fremd sind, kommt nicht umhin zu bemerken, dass sich die fr\u00fchkindliche Erziehung in einer bedenklichen p\u00e4dagogischen Schieflage verheddert hat und in eingeschr\u00e4nkter Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit weit unter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":2780,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"image","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[6,80],"tags":[801,510,800,357,728,678,799],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2775"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2775"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2775\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2782,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2775\/revisions\/2782"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2780"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2775"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2775"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2775"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}