{"id":263,"date":"2014-05-15T18:26:54","date_gmt":"2014-05-15T16:26:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=263"},"modified":"2017-06-24T17:45:20","modified_gmt":"2017-06-24T15:45:20","slug":"ein-ort-zum-schwaermen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=263","title":{"rendered":"Ein Ort zum Schw\u00e4rmen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_266\" aria-describedby=\"caption-attachment-266\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpImker.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-266\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpImker-1024x768.jpg\" alt=\"Ein Ort zum Schw\u00e4rmen? F\u00fcr Mehmet \u00d6zt\u00fcrk und seine Honigbienen ganz sicher, denn hier, am selbst gebauten Bienenhaus im eigenen Garten, darf jeder auf seine Weise ins Schw\u00e4rmen geraten: W\u00e4hrend die Insekten aufgeregt um ihre K\u00f6nigin herum wimmeln, um ein neues Volk zu gr\u00fcnden, verfolgt der Imker das turbulente Schauspiel seiner diensteifrigen Stacheltr\u00e4ger mit entwaffnender Gelassenheit. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"714\" height=\"536\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpImker.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpImker-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-266\" class=\"wp-caption-text\">Ein Ort zum Schw\u00e4rmen? F\u00fcr Mehmet \u00d6zt\u00fcrk und seine Honigbienen ganz sicher, denn hier, am selbst gebauten Bienenhaus im eigenen Garten, darf jeder auf seine Weise ins Schw\u00e4rmen geraten: W\u00e4hrend die Insekten aufgeregt um ihre K\u00f6nigin herum wimmeln, um ein neues Volk zu gr\u00fcnden, verfolgt der Imker das turbulente Schauspiel seiner diensteifrigen Stacheltr\u00e4ger mit entwaffnender Gelassenheit. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nein, das Ziel ist noch nicht erreicht. Aber bereits im Vorfeld ger\u00e4t derjenige, der sich auf den Weg zu Mehmet \u00d6zt\u00fcrks Lieblingsplatz begibt, schnell ins Schw\u00e4rmen: Der schmale, geteerte Pfad in Hamb\u00fcren f\u00fchrt durch ein sanftes Tal zu einem beschaulich gelegenen Eigenheim am Rande eines W\u00e4ldchens. Drum herum: \u00c4cker, Wiesen und Obstb\u00e4ume. Die Lage ist eindeutig vielversprechend. Das Wetter heute auch: Die Fr\u00fchlingssonne, die sich in diesem Jahr so lange rar gemacht hat, strahlt aus einem wolkenlosen Himmel auf das Idyll herab. \u201eKommen Sie n\u00e4her\u201c, l\u00e4dt der 53-j\u00e4hrige in der t\u00fcrkischen Provinzhauptstadt Denizli geborene Familienvater ein und weist auf seinen Garten. Ein paar Schritte um die Mauerecke \u2013 und dort steht es. \u00d6zt\u00fcrk l\u00e4chelt stolz: \u201eMein Lieblingsplatz: unser Bienenhaus \u2013 alles selbst gebaut!\u201c Das stattliche Geb\u00e4ude von den Ausma\u00dfen einer kleinen Garage ist beeindruckend stabil konstruiert. Sein Holz in einem satten Gelb gestrichen. Und: Es ist umgeben von einem sehr vitalen, sehr renitent summenden Ring aus purer Verteidigungsbereitschaft. Dieses schwelende faunistische Pulverfass soll ein Lieblingsort sein?<\/p>\n<p><em>Silbermedaille f\u00fcr ausgezeichnete Qualit\u00e4t<\/em><\/p>\n<p>Als leidenschaftlicher und \u00fcberaus versierter Imker kann Mehmet \u00d6zt\u00fcrk das Vorurteil, sie seien aggressive kleine Plagegeister, nat\u00fcrlich nicht auf seinen Bienen sitzen lassen und tritt umgehend den Gegenbeweis an. Schnurstracks stiefelt er auf die sauber nach S\u00fcdosten ausgerichteten Einflugschneisen f\u00fcr seine Gartengenossen zu, an denen reger Betrieb herrscht. Bei diesem Wetter gehen die Tiere emsig ihren Gesch\u00e4ften nach und sammeln Nektar und Pollen vom nicht weit entfernt gelegenen Rapsfeld, das in voller, leuchtend gelber Bl\u00fcte steht. In guten Jahren produzieren die rund 50.000 bis 60.000 Individuen eines Bienenvolkes bis zu 20 Kilo Honig. \u00d6zt\u00fcrk h\u00e4lt derzeit sieben V\u00f6lker. Im vergangenen Jahr hat er bei der Honigbewertung des Landesverbands der Imker Westfalens die Silbermedaille f\u00fcr die hohe Qualit\u00e4t seines \u201egemischten Sommerhonigs\u201c bekommen.<\/p>\n<p><em>Faulbrut erfolgreich bek\u00e4mpft<\/em><\/p>\n<p>Das war, kurz bevor die Amerikanische Faulbrut seinen Bienenbestand befallen hat. \u00d6zt\u00fcrk sch\u00fcttelt den Kopf: \u201eDas schlimmste, was einem Imker passieren kann.\u201c Die komplette Brut musste er verbrennen. Beim Gedanken daran, auch noch s\u00e4mtliche erwachsene Tiere zu t\u00f6ten, haben ihm die Tr\u00e4nen in den Augen gestanden. Die Amtstier\u00e4rztin verordnete zum Gl\u00fcck eine Alternative: Die adulten Tiere wurden in desinfizierte K\u00e4sten umgesiedelt und mussten drei Tage hungern. Dadurch war die Chance gegeben, dass sie alle krankheitserregenden Bakterien, die sie mit dem Nektar zusammen aufgenommen hatten, wieder ausscheiden und die Seuche nicht weiter verbreiten w\u00fcrden. Eine erneute Beprobung best\u00e4tigte den Erfolg des Verfahrens: Keine Keime mehr vorhanden. Den Sperrbezirk hat das Kreisveterin\u00e4ramt zwar vorsorglich noch immer nicht wieder aufgehoben, aber auch der j\u00fcngste, erst wenige Wochen alte Test durch das zust\u00e4ndige Bieneninstitut Rheinland-Pfalz ist zu \u00d6zt\u00fcrks Erleichterung negativ ausgefallen. Seine Bienen sind gesund. Munter ja ohnehin.<\/p>\n<p><em>&#8222;T\u00fcrkische Bienen sind stechfreudiger&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der Imker bewegt sich unbeirrt weiter durch das Gewirr aus Insektenleibern. Hin und wieder wischt er sich mit einer behutsamen Geste die eine oder andere neugierige Biene aus dem Gesicht, aber alles in allem teilt sich das brumselnde Meer der fliegenden Winzlinge mit der Bereitwilligkeit von gut dressierten Zirkusl\u00f6wen vor ihm und l\u00e4sst Mehmet \u00d6zt\u00fcrk gew\u00e4hren. Keine Hektik \u2013 keine Stiche. \u00d6zt\u00fcrk verharrt mitten in der Wolke der Gefl\u00fcgelten und l\u00e4chelt zufrieden: \u201eKein Vergleich zu den t\u00fcrkischen Bienen in meiner Heimat\u201c, sagt er und streicht sich ein vorwitziges Exemplar von der Wange. \u201eDie t\u00fcrkischen Bienen, die waren wirklich stechfreudig.\u201c Die 18 St\u00f6cke seines Gro\u00dfvaters h\u00e4tten darum auch nicht etwa im Garten, sondern in sicherem Abstand zum Wohnhaus gestanden. \u201eIn Deutschland werden die Bienen ja schon seit Jahrzehnten auf Sanftmut hin gez\u00fcchtet.\u201c Na dann.<\/p>\n<p><em>Bienenhosen in allen Farben<\/em><\/p>\n<p>Der gelernte Elektriker kniet sich noch etwas dichter vor die Einflugl\u00f6cher: \u201eNat\u00fcrlich ist es sch\u00f6n, seinen eigenen Honig zu haben\u201c, sagt er. \u201eAber deshalb bin ich kein Imker geworden.\u201c Er betrachtet den Schwarm mit aufmerksamem Blick. L\u00e4chelt. Und schweigt eine Weile. \u201eIch k\u00f6nnte stundenlang hier sitzen und zusehen, wie die Bienen zur\u00fcckkommen.\u201c Mehmet \u00d6zt\u00fcrk zuckt die Achseln und lacht etwas verlegen: \u201eJa, so ist das nun mal \u2013 wenn die Bienen mit den Pollen in den Stock zur\u00fcckkehren, das finde ich am allersch\u00f6nsten an der ganzen Imkerei.\u201c Um den Bl\u00fctenstaub zu transportieren, haben die Tiere winzige sogenannte K\u00f6rbchen an ihrem hinteren, stark behaarten Beinp\u00e4rchen. In die hinein stopfen sie die Pollen zu bauschigen \u201eHosen\u201c. Die Pollen sind je nach Pflanzenart unterschiedlich gef\u00e4rbt: Die der Schneegl\u00f6ckchen sehen orange aus, die des Klatschmohns tief violett. Die aktuelle Modefarbe der Bienenhosen tendiert eher zu einem zarten wei\u00df-gelb: Raps.<\/p>\n<p><em>Die T\u00fccken es Neuanfangs<\/em><\/p>\n<p>Als Mehmet \u00d6zt\u00fcrk 1979 mit seiner Frau nach Deutschland kam, musste er seine Leidenschaft f\u00fcr die Honigbienen erst einmal begraben. Arbeit. Familie. Hausbau. Das ging vor. \u201eAm schwierigsten war es f\u00fcr mich, mit dieser fremden Sprache Deutsch zurecht zu kommen\u201c, beschreibt er die T\u00fccken des Neuanfangs. In Westerkappeln, betont er, gefalle es ihm aber mittlerweile richtig gut. Er und seine Familie h\u00e4tten dort schlie\u00dflich ein ruhiges Pl\u00e4tzchen f\u00fcr sich gefunden. Bis 2009 hat er gewartet, bevor er sich dann doch sein erstes Bienenvolk in der neuen Heimat zugelegt und sein einstiges Hobby wiederbelebt hat.<\/p>\n<p><em>\u201eDie Luft in der T\u00fcrkei riecht einfach anders\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eOb wir im Alter in die T\u00fcrkei zur\u00fcckgehen oder in Deutschland bleiben?\u201c \u00d6zt\u00fcrk wiegt den Kopf unschl\u00fcssig hin und her. \u201eEine sehr schwere Frage. Wir wissen es noch nicht\u201c, sagt er. Seine inzwischen erwachsenen Kinder, ein Sohn und eine Tochter, sind hier geboren und verwurzelt. Und auch er und seine Frau haben viele ihrer Kontakte in der n\u00e4heren Region. Wenn Mehmet \u00d6zt\u00fcrk nicht gerade in Sachen Bienen im \u00f6rtlichen Imkerverein t\u00e4tig ist, engagiert er sich im Vorstand der T\u00fcrkisch-Islamischen Gemeinde in Ibbenb\u00fcren. Was vermisst er in Deutschland? Da braucht er nicht lange zu \u00fcberlegen: \u201eDas warme Klima meiner Heimat.\u201c Er schlie\u00dft die Augen und seufzt: \u201eDie Luft in der T\u00fcrkei riecht einfach anders.\u201c Und was w\u00fcrde er in der T\u00fcrkei vermissen? \u201eDie Ordnung \u2013 hier in Deutschland ist alles so sch\u00f6n \u00fcbersichtlich\u201c, nickt er zufrieden \u2013 und verschwindet neuerlich mit einem herzhaftem Lachen im Wirbel seiner ungest\u00fcm umher schw\u00e4rmenden Honigbienen.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Westf\u00e4lische Nachrichten, 24.06.2013)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, das Ziel ist noch nicht erreicht. 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