{"id":2290,"date":"2017-12-05T21:15:50","date_gmt":"2017-12-05T20:15:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2290"},"modified":"2017-12-05T21:15:50","modified_gmt":"2017-12-05T20:15:50","slug":"wenn-der-himmel-voller-geigen-haengt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2290","title":{"rendered":"Wenn der Himmel voller Geigen h\u00e4ngt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2291\" aria-describedby=\"caption-attachment-2291\" style=\"width: 1800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2291\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb.jpg\" alt=\"\" width=\"1800\" height=\"1394\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb.jpg 1800w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb-300x232.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb-768x595.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb-1024x793.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Geige1bb-1200x929.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1800px) 100vw, 1800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2291\" class=\"wp-caption-text\">Erst seit ein paar Wochen besucht die siebenj\u00e4rige Finja den Geigenunterricht von Theresa He\u00dfberg &#8211; und kann schon das erste Weihnachtslied spielen. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vielleicht bin ich sentimental. Habe etwas dicht am Wasser gebaut. Diese Geige auf jeden Fall schafft mich. Greift nach meiner Seele. Kaum zu fassen, dass ich selbst es bin \u2013 unmusikalisch und kompetenzfrei \u2013 die dem Instrument diese jauchzenden und schmeichelnden T\u00f6ne entlockt.<\/strong><\/p>\n<p>Mit \u00fcber Jahrzehnte angeh\u00e4uftem Respekt be\u00e4uge ich die schmucke Violine, wie sie da \u2013 glatt und formvollendet und auf Hochglanz poliert \u2013 im aufgeklappten Instrumentenkoffer funkelt. Holz gewordene Harmonie. Schellack \u00fcberzogene Herausforderung. Mein Puls beginnt zu rasen, wenn ich eine Geige sehe. Und wenn ich sie dann h\u00f6re, ihre warme, eindringliche Stimme, zu der ich beim besten Willen keine sachliche Distanz aufzubauen in der Lage bin, schie\u00dfen mir regelm\u00e4\u00dfig die Tr\u00e4nen in die Augen. Ob im Kino, im Konzertsaal oder vorm K\u00fcchenradio \u2013 ich habe ganze W\u00e4lder von Papiertaschent\u00fcchern emotional auf dem Gewissen. Der Klang einer Violine wirkt auf mich wie ein Buttermesser, das weich und grausam und unerbittlich durch mein ohnehin bereits dahin schmelzendes Innerstes schneidet.<\/p>\n<p><em>Ber\u00fchrungs\u00e4ngste? Nur nicht einsch\u00fcchtern lassen!<\/em><\/p>\n<p>Auf einer Violine gespielt habe ich allerdings noch nie. Dazu hat das edle Instrument mich bisher viel zu sehr eingesch\u00fcchtert. Dass ich nun \u2013 eine Frau in den besten Jahren \u2013 der allerersten Geigenstunde meines Lebens entgegenfiebere, verdanke ich einer unscheinbaren, kleinen Zeitungsmeldung: \u201eSchnupperstunde: Entdecke die Geige\u201c, l\u00e4dt Theresa He\u00dfberg von der Westerkappelner Musikschule Forum Musaik zum unverbindlichen Einzelunterricht ein. Wann, wenn nicht jetzt? Beherzt ergreife ich die Gelegenheit, mir einen meiner sehns\u00fcchtigsten Kindheitsw\u00fcnsche zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p><em>Akute Gefahr f\u00fcr sentimentale Gem\u00fcter<\/em><\/p>\n<p>\u201eAchte auf deine Bogenhand \u2013 die Finger sch\u00f6n rund, nicht verkrampft\u201c, erinnert Theresa He\u00dfberg ihre Sch\u00fclerin an die richtige Haltung. Konzentriert streicht Finja die in den Geigenbogen eingespannten Pferdehaare \u00fcber die Saiten \u2013 G, D, A, E: <strong>G<\/strong>eh <strong>d<\/strong>u <strong>a<\/strong>lter <strong>E<\/strong>sel. Hoch und wieder runter. Aufstrich. Abstrich. Mit gleichm\u00e4\u00dfigen Schw\u00fcngen. Saite f\u00fcr Saite. Klar, hell, messerscharf. Ich atme tief ein und noch etwas tiefer aus und schaue betreten auf meine F\u00fc\u00dfe. Wie peinlich\u2026 Die schmachtenden Frequenzen, auf denen die Siebenj\u00e4hrige ihr Instrument bet\u00f6rend kraftvoll zum Vibrieren bringt, haben mein Gem\u00fct schon wieder erbarmungslos im Griff. Jetzt blo\u00df nicht weinen.<\/p>\n<p><em>Weihnachtslieder \u2013 zum Heulen sch\u00f6n\u2026<\/em><\/p>\n<p>Bevor ich selbst auf Haut- zu Holzkontakt mit der Violine gehe, darf ich zun\u00e4chst Finja aus Velpe und anschlie\u00dfend Daria aus Wersen \u00fcber die Schulter schauen. Die beiden Sch\u00fclerinnen haben nach den Sommerferien mit dem Geigenunterricht bei Theresa He\u00dfberg begonnen \u2013 und \u00fcben bereits sehr gekonnt die ersten anspruchsvollen Lieder ein: Weihnachtslieder \u2013 zum Heulen sch\u00f6n! Ihre 24-j\u00e4hrige Geigenlehrerin, die derzeit unter anderem Instrumentalp\u00e4dagogik am Institut f\u00fcr Musik der Fachhochschule Osnabr\u00fcck studiert, ist denn auch schwer begeistert: \u201eDas klingt wirklich schon unglaublich gut bei den beiden!\u201c Dennoch gibt es immer etwas zu verbessern \u2013 beim Lehrer wie beim Sch\u00fcler, verr\u00e4t Theresa He\u00dfberg: \u201eVor allem an der Grundhaltung der Bogenhand muss st\u00e4ndig gearbeitet werden.\u201c<\/p>\n<p><em>Alles eine Sache des inneren Ohrs<\/em><\/p>\n<p>Aus w\u00e4ssrigen Augen bewundere ich, wie Daria den Bogen mit filigraner Handhaltung elegant \u00fcber die Saiten zieht: G, D, A, E. \u201eDer Saitenwechsel erfolgt aus dem Schultergelenk\u201c, erkl\u00e4rt Theresa He\u00dfberg und weist auf den richtigen Winkel zwischen Bogen und Saite hin, w\u00e4hrend der Anstrich der Saiten mit langem Arm aus dem Ellenbogen heraus gef\u00fchrt wird. Die Finger der linken Hand dr\u00fccken die einzelnen Saiten herunter und erweitern so das Klangspektrum. An welcher Stelle der richtige Ton \u2013 zum Beispiel ein H, das durch das Herunterdr\u00fccken der A-Saite entsteht \u2013 zu finden ist, verr\u00e4t die Geige dem Anf\u00e4nger allerdings nicht: keine Tasten, keine L\u00f6cher, keine Markierungen. Kurzum: Den richtigen Ton zu treffen ist eine Sache der Erfahrung und des inneren Geh\u00f6rs.<\/p>\n<p><em>Irgendwie ein kuscheliges Gef\u00fchl<\/em><\/p>\n<p>Schnell das Taschentuch in die Hosentasche gesteckt \u2013 denn nun ist der gro\u00dfe Moment gekommen: \u201eAm besten nicht den Corpus ber\u00fchren\u201c, deutet Theresa He\u00dfberg auf die empfindliche Oberfl\u00e4che des Instruments und erkl\u00e4rt mir, dass die Violine keinesfalls mit den H\u00e4nden festgehalten, sondern zwischen Wange und Schulter geklemmt werde. Das f\u00fchlt sich gar nicht so unbequem an, wie ich bef\u00fcrchtet hatte. Irgendwie kuschelig\u2026 Die Sache mit der Bogenhand ist da schon deutlich verzwickter. Meine Lehrerin hilft mir, die Finger einigerma\u00dfen korrekt aufzulegen und dreht mein Handgelenk in die richtige Position. \u201eUnd jetzt versuchen Sie\u2019s mal \u2013 Aufstrich und Abstrich!\u201c<\/p>\n<p><em>Auf Du und Du mit dem Instrument<\/em><\/p>\n<p>Noch nie war ich einer Geige so nah. Und selten war ich so ber\u00fchrt von einem Instrument. Ich streiche den Bogen mit langem Arm \u2013 auf und ab und auf und ab, hebe und senke das Schultergelenk: G, D, A, E und grinse mir verstohlen die Tr\u00e4nen aus den Augen. Blo\u00df das mit dem H will nicht klappen, daf\u00fcr sind die Finger meiner linken Hand einfach zu ungelenk und \u2013 man muss das Kind beim Namen nennen: zu wurstig. \u201eDann spielen Sie einfach die leeren Saiten \u2013 den Arm immer sch\u00f6n lang\u201c, sagt Theresa He\u00dfberg und l\u00e4chelt mir aufmunternd zu.<\/p>\n<p><em>Das Fazit einer magischen Erfahrung<\/em><\/p>\n<p>Das Fazit einer magischen Schnupperstunde: Ich bin geboren, um Geige zu spielen! Geahnt hatte ich das ja schon immer. Jetzt hei\u00dft es nur noch, auf die passenden, mir auf den Leib komponierten, St\u00fccke zu warten: Feurige Phantasien f\u00fcr Violine in W-Dur: f\u00fcr <strong>W<\/strong>urstfinger mit <strong>Dur<\/strong>chhalteverm\u00f6gen. Bis die geschrieben sind, \u00fcbe ich vorsichtshalber schon mal auf der Luftgeige \u2013 wild und verwegen!<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 29.11.2017)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht bin ich sentimental. Habe etwas dicht am Wasser gebaut. Diese Geige auf jeden Fall schafft mich. Greift nach meiner Seele. 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