{"id":229,"date":"2015-05-05T08:40:57","date_gmt":"2015-05-05T06:40:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=229"},"modified":"2018-06-26T21:37:18","modified_gmt":"2018-06-26T19:37:18","slug":"ein-messgeraet-auf-vier-pfoten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=229","title":{"rendered":"Ein Messger\u00e4t auf vier Pfoten"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_232\" aria-describedby=\"caption-attachment-232\" style=\"width: 718px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpElmo11.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-232\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpElmo11.jpg\" alt=\"Ein eingespieltes Team: Der f\u00fcnfj\u00e4hrige Labradorr\u00fcde Elmo begleitet sein Frauchen Karina Horstmann rund um die Uhr. \u201eEr ist mein Schatten\u201c, sagt sie \u2013 und vertraut dem Diabetikerwarnhund die \u00dcberwachung ihrer Gesundheit an. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"718\" height=\"780\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpElmo11.jpg 718w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/wpElmo11-276x300.jpg 276w\" sizes=\"(max-width: 718px) 100vw, 718px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-232\" class=\"wp-caption-text\">Ein eingespieltes Team: Der f\u00fcnfj\u00e4hrige Labradorr\u00fcde Elmo begleitet sein Frauchen Karina Horstmann rund um die Uhr. \u201eEr ist mein Schatten\u201c, sagt sie \u2013 und vertraut dem Diabetikerwarnhund die \u00dcberwachung ihrer Gesundheit an. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sein massiger K\u00f6rper liegt ausgestreckt vor dem Sofa. Zuverl\u00e4ssig muss er sein. Nur ab und zu bewegt sich eine seiner Pfoten, als ob er tr\u00e4umend \u00fcber ein Feld galoppiert. Absolut stressfest. Hoch motiviert und stets bei der Sache. Sein Ohr zuckt, er hebt kaum merklich den Kopf, h\u00e4lt kurz inne \u2013 und gleitet gleich darauf genussvoll seufzend in die Entspannung zur\u00fcck. Ein Diabetikerwarnhund ist ein potenzieller Lebensretter. Nicht nur dank seines besonders feinen N\u00e4schens, sondern vor allem wegen seiner ausgepr\u00e4gten Charakterfestigkeit: An der Zusammensetzung von Schwei\u00df und Atem seines Menschen erschn\u00fcffelt der Begleithund, wann sich dessen Blutzuckerspiegel in den kritischen Bereich verschiebt. Dann gibt er solange keine Ruhe, bis Herrchen oder Frauchen zur Insulinspritze oder zum Kontrollger\u00e4t greift. Eine gro\u00dfe Verantwortung, die der Vierbeiner da tr\u00e4gt. Ob Elmo ahnt, was bei seinem Job auf dem Spiel steht?<\/p>\n<p><em>\u00a0&#8222;Elmo ist ein Gl\u00fccksgriff, ein absoluter Volltreffer&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Karina Horstmann beugt sich zu ihrem f\u00fcnfj\u00e4hrigen Labradorr\u00fcden herunter und t\u00e4tschelt ihm den Kopf. Die 25-j\u00e4hrige Diabetikerin aus Westerkappeln hegt keinerlei Zweifel an der Antwort auf diese Frage. \u201eElmo war ein absoluter Gl\u00fccksgriff\u201c, sagt sie: \u201eEin Volltreffer.\u201c Unter dem Couchtisch beginnt eine schokobraune Labradorrute ungest\u00fcm auf den Teppich einzuklopfen. So viel Lob l\u00e4sst auch den gelassensten Diabetikerwarnhund nicht kalt. Dabei ist Elmos Werdegang vom tapsigen Welpen bis zum souver\u00e4nen Begleiter kein typischer \u2013 und alles andere als geradeaus verlaufen.<\/p>\n<p><em>Zu alt? Zu verspielt?<\/em><\/p>\n<p>Als das Team vom Assistenzhunde-Zentrum Osterode, das sich um die Zucht, Ausbildung und Pr\u00fcfung von Blindenf\u00fchr- und Diabetikerwarnhunden k\u00fcmmert, den knapp drei Jahre zuvor von ihm vermittelten R\u00fcden neuerlich begutachtete, um dar\u00fcber zu entscheiden, ob der \u2013 eigentlich f\u00fcr eine solche Ausbildung inzwischen schon viel zu alte \u2013 Vierbeiner noch immer das Zeug zum Assistenzhund habe, fiel das Urteil mehr als verhalten aus: \u201eDas wird ganz schwer\u201c, wiegelten die Fachleute ab. Karina Horstmann sch\u00fcttelt am\u00fcsiert den Kopf, wenn sie sich daran erinnert, wie ausgelassen ihr Hund um das skeptische Gremium herum getanzt sei. \u201eEr war sehr fasziniert von der ganzen Situation\u201c, erz\u00e4hlt sie: \u201eSo ein richtig liebenswerter, braver und total verr\u00fcckter Labrador.\u201c Elmo richtet sich zu voller Gr\u00f6\u00dfe auf, l\u00e4sst seine schlabbrige rosa Zunge zum L\u00fcften heraus klappen \u2013 und scheint selbstbewusst zu l\u00e4cheln. Als wisse er mindestens so genau wie sein Frauchen, was f\u00fcr Qualit\u00e4ten in ihm stecken.<\/p>\n<p><em>Elmo zeigt es den Richtern<\/em><\/p>\n<p>\u201eWir versuchen es trotzdem\u201c, hat Karina Horstmann den Trainern aus Osterode geantwortet. Und dank der engen Zusammenarbeit mit dem Assistenzhunde-Zentrum, dank einer Menge Flei\u00df \u2013 und vielleicht vor allem dank der Tatsache, dass Elmo und sein Frauchen schon damals so ein eingespieltes Team waren, hat der schokobraune Labrador ein halbes Jahr sp\u00e4ter die Pr\u00fcfung zum Diabetikerwarnhund abgelegt. \u201eMit dem drittbesten Ergebnis, das die Osteroder Wertungsrichter bis dahin bei einem Assistenzhund getestet hatten\u201c, f\u00fcgt Karina Horstmann nicht ohne Stolz hinzu.<\/p>\n<p><em>Fr\u00fcher: Messen im Zwei-Stunden-Takt<\/em><\/p>\n<p>Im Alter von 15 Jahren erfuhr Karina Horstmann, dass sie an einer Typ-1-Diabetis erkrankt war: jener Form der Stoffwechselst\u00f6rung, die zur Folge hat, dass der K\u00f6rper kein eigenes Insulin mehr produzieren und somit den Gehalt des Zuckers im Blut nicht mehr selber steuern kann. Wird dieser Mangel nicht durch Hormongaben von au\u00dfen ausgeglichen, besteht die Gefahr, dass der Patient kollabiert oder schlimmstenfalls sogar in ein lebensgef\u00e4hrliches Koma f\u00e4llt. \u201eBei mir kam dann auch noch eine Hypo-Wahrnehmungsst\u00f6rung dazu\u201c, erg\u00e4nzt die Mettenerin. Soll hei\u00dfen: In der Regel sp\u00fcrt ein Diabetiker durch Zittern, Schwei\u00dfausbr\u00fcche oder Konzentrationsst\u00f6rungen, wenn sein Blutzuckerspiegel in den gef\u00e4hrlichen Bereich steigt oder absinkt. \u201eMein K\u00f6rper zeigt aber keines dieser Symptome\u201c, sagt die junge Frau. Die Konsequenz: Alle ein bis zwei Stunden muss sie mit dem Glukose-Messger\u00e4t kontrollieren, wie es um die Zusammensetzung ihres Blutes bestellt ist. Auch in der Nacht.<\/p>\n<p><em>&#8222;Besonders menschenbezogen und extrem sensibel&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ihre Mutter habe schlie\u00dflich davon erfahren, berichtet Karina Horstmann, dass in den USA speziell ausgebildete Diabetikerwarnhunde eingesetzt w\u00fcrden, um den Betroffenen ihren Alltag zu erleichtern. Die Horstmanns recherchierten \u2013 und hatten kurze Zeit sp\u00e4ter den Kontakt zum Assistenzhunde-Zentrum Osterode hergestellt. Bald darauf betrat Elmo die B\u00fchne. Nun ja \u2013 eigentlich robbte der niedliche Welpe eher ins Zentrum der Aufmerksamkeit, denn die \u201ePhase eins\u201c des langen Wegs zum Assistenzhund beginnt bereits ein paar Stunden nach dessen Geburt: Ob ein Tier \u00fcber die n\u00f6tigen Qualit\u00e4ten f\u00fcr seine sp\u00e4tere Aufgabe verf\u00fcgt, k\u00f6nnen die Fachleute bereits jetzt erkennen. Patricia Merle vom Assistenzhunde-Zentrum Osterode erl\u00e4utert: \u201eDer Welpe muss aggressionslos, aufgeschlossen und absolut wesensfest sein.\u201c Die wenigen Tiere, die f\u00fcr eine Ausbildung zum Diabetikerwarnhund in Frage k\u00e4men, betont die Trainerin, geh\u00f6rten allesamt \u201eeinem ganz speziellen Hundetypus an \u2013 besonders menschenbezogen und extrem sensibel.\u201c<\/p>\n<p><em>Einer von Tausend ist geeignet<\/em><\/p>\n<p>Der kleine Elmo, das zeigten die ersten Tests, hatte ohne jede Frage Talent. Vier bis sieben Wochen nach der Geburt des Tieres z\u00fcndet dann die eigentliche Eignungsfeststellung zum Diabetikerwarnhund: 45 unterschiedliche Untersuchungen f\u00fchrt das Assistenzhunde-Zentrum in dieser Zeit durch. Ist der Welpe dann ein halbes Jahr alt, werden weitere 60 Kriterien unter die Lupe genommen: Neben der erneuten Analyse des Charakters steht vor allem die Geruchssensibilit\u00e4t auf dem Pr\u00fcfstand. \u201eDiabetikerwarnhunde besitzen die angeborene F\u00e4higkeit, Unter- und \u00dcberzuckerungen zu erkennen\u201c, erkl\u00e4rt Patricia Merle. \u201eNur drei Prozent aller Hunde verf\u00fcgen \u00fcber diese Begabung\u201c, berichtet sie, \u201eund nur einer von tausend Welpen weist tats\u00e4chlich alle erforderlichen Eigenschaften auf.\u201c<\/p>\n<p><em>&#8222;Aufregende Orte&#8220; trainieren<\/em><\/p>\n<p>Auch hier schnitt der kleine Elmo \u00e4u\u00dferst zufriedenstellend ab \u2013 einer Karriere als Assistenzhund schien somit nichts im Wege zu stehen. F\u00fcr Karina Horstmann stand von vornherein fest, dass sie die weitere Ausbildung ihres Vierbeiners selbst in die Hand nehmen w\u00fcrde \u2013 in enger Abstimmung mit den Fachleuten aus der Stadt im Harz. Nachdem der Welpe sich in Westerkappeln eingew\u00f6hnt hatte, ging es einmal in der Woche nach Osterode: Elmos Entwicklungsfortschritte wurden \u00fcberpr\u00fcft und Frauchen und Hund erhielten jedes Mal einen dezidierten Wochenplan, welche Aufgaben es zuhause zu erledigen galt. \u201eIn den ersten Monaten mussten wir dreimal t\u00e4glich an besonders aufregende Orte gehen\u201c, berichtet Karina Horstmann. \u201eDenn es ist sehr wichtig, dass ein Assistenzhund sich durch nichts aus der Ruhe bringen l\u00e4sst. Er muss seine Aufmerksamkeit \u2013 ganz egal wo er ist, und ganz egal, was gerade um ihn herum passiert \u2013 zu hundert Prozent auf seinen Menschen richten.\u201c Elmo und seine Besitzerin flanierten \u00fcber Flugh\u00e4fen und Bahnh\u00f6fe, erklommen Wendel- und Rolltreppen oder besuchten gemeinsam Jahrm\u00e4rkte und Shoppingzentren. Alles entwickelte sich nach Plan.<\/p>\n<p><em>Doch &#8222;blo\u00df&#8220; ein Familienhund?<\/em><\/p>\n<p>Doch dann erkrankte Karina Horstmanns Mutter schwer \u2013 und die Familie musste ihre Priorit\u00e4ten neu sortieren. \u201eEs blieb einfach nicht genug Zeit, um Elmos Ausbildung ernsthaft weiter betreiben zu k\u00f6nnen\u201c, sagt Karina Horstmann. Und so w\u00e4re der vielversprechende Labrador um ein Haar ein gutm\u00fctiger Familienhund geblieben. Aber eben nur um ein Haar. \u201eAls meine Mutter verstarb, war Elmo knapp drei Jahre alt.\u201c Und Karina Horstmann hatte sich schon beinahe damit abgefunden, sich bis auf weiteres alle ein bis zwei Stunden von ihrem Wecker daran erinnern zu lassen, ihren Blutzuckerspiegel zu messen. Aber eben nur beinahe.<\/p>\n<p><em>Ein Neuanfang f\u00fcr das routinierte Paar<\/em><\/p>\n<p>Kurzentschlossen nahm die junge Gro\u00df- und Einzelhandelskauffrau sowohl den Kontakt zu den Osterodern wie auch das Training mit Elmo wieder auf. Sie hauchte ihren Atem in Reagenzgl\u00e4ser und konservierte dessen Geruch im K\u00fchlschrank. Elmo lernte, die kritischen Konzentrationen zu erkennen und sein Frauchen mittels Anstupsen oder Bellen zu warnen. \u201eKeine zwei Wochen sp\u00e4ter zeigte Elmo mir jede Unter- oder \u00dcberzuckerung zuverl\u00e4ssig an\u201c, berichtet Karina Horstmann. \u201eDeutlich fr\u00fcher \u00fcbrigens, als mein Messger\u00e4t.\u201c Die abschlie\u00dfende Pr\u00fcfung war eine reine Formalit\u00e4t f\u00fcr das routinierte Paar.<\/p>\n<p><em>Eine Lektion in gelassener Pflichterf\u00fcllung<\/em><\/p>\n<p>Elmo spitzt die Ohren, richtet seine bernsteinfarbenen Augen auf Karina Horstmann als ahnte er, dass sein Frauchen die spannende Geschichte \u00fcber den \u00e4u\u00dferst gewissenhaften Diabetikerwarnhund, der er ist, nun zu Ende erz\u00e4hlt hat. Mit einem zutiefst befriedigten Brummen verschwindet er unter dem Couchtisch. Stets bereit, jeden, der gelassene Pflichterf\u00fcllung mit phlegmatischer Bequemlichkeit verwechselt, eines Besseren zu belehren.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 2014; Westf\u00e4lische Nachrichten, 2014)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein massiger K\u00f6rper liegt ausgestreckt vor dem Sofa. Zuverl\u00e4ssig muss er sein. Nur ab und zu bewegt sich eine seiner Pfoten, als ob er tr\u00e4umend \u00fcber ein Feld galoppiert. Absolut stressfest. Hoch motiviert und stets [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":232,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"image","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[6,80],"tags":[118,122,121,117,123,119],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/229"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=229"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/229\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":233,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/229\/revisions\/233"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/232"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.havermeyer.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}