{"id":2069,"date":"2013-05-04T16:12:36","date_gmt":"2013-05-04T14:12:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2069"},"modified":"2019-04-10T20:15:48","modified_gmt":"2019-04-10T18:15:48","slug":"beten-singen-schweigen-eine-pilgererfahrung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=2069","title":{"rendered":"Beten, singen, schweigen \u2013 eine Pilgererfahrung"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2086\" aria-describedby=\"caption-attachment-2086\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2086\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"841\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb.jpg 1500w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb-300x168.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb-768x431.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb-1024x574.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Pilgernb-1200x673.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2086\" class=\"wp-caption-text\">Rund 300 Frauen und M\u00e4nner haben sich auf den Weg nach Rulle gemacht: Betend und singend, erz\u00e4hlend oder schweigend wandern sie \u00fcber Land. Insgesamt f\u00fcnf Tage sind sie unterwegs. Fotos (3): Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Eine Sucht soll es sein. Behaupten die einen. Urlaub f\u00fcr die Seele. Sagen die anderen. Eine Herausforderung. Ein Geschenk. Etwas Unvergessliches. Jeder, der die rund 150 Kilometer von Meppen \u00fcber Schwagstorf bis Rulle und wieder zur\u00fcck nach Meppen pilgert, d\u00fcrfte recht genau wissen, warum er sich und seinen F\u00fc\u00dfen das antut. Ohne Grund geht hier keiner mit. Gleichg\u00fcltigkeit tr\u00e4gt einfach nicht so weit.<\/strong><\/p>\n<p>Den Trecker hat Bauer Georg Rolfes einfach rausgefahren. Die ganze Scheune pikobello sauber gefegt. Und dann nat\u00fcrlich reichlich B\u00e4nke reingestellt. Die Erfrischungsgetr\u00e4nke in Position gebracht, ein paar kleine St\u00e4rkungen dazu \u2013 fertig. Traditionell legen die Pilger aus Meppen und Bawinkel, aus Hasel\u00fcnne, Schwagstorf und Merzen ihre letzte Rast vor der ersten \u00dcbernachtung in Schwagstorf auf dem Geh\u00f6ft des Bedinghausener Landwirts ein. \u201eDas war schon immer so\u201c, erinnert sich Wallfahrer Heinrich St\u00fcwe aus Bawinkel und l\u00e4sst sich auf die h\u00f6lzerne Sitzgelegenheit fallen. \u201eWei\u00dft Du noch, fr\u00fcher?\u201c, wendet er sich an Rolfes. \u201eDa hat Eure Mutter Pfannekuchen f\u00fcr uns gebacken. Bergeweise!\u201c<\/p>\n<p><em>Sch\u00f6ne Erinnerungen und diplomatische Einsichten<\/em><\/p>\n<p>St\u00fcwe grinst vergn\u00fcgt: \u201eAuf den letzten Kilometern vor dem Hof sind wir dann immer flotter gegangen, um auch ja noch die Frischesten abzubekommen.\u201c Landwirt Rolfes nickt und schmunzelt nachdenklich. Seine Mutter, erkl\u00e4rt er, die sei 1984 gestorben. Aber vorher habe sie die Wallfahrer viele Jahre lang regelm\u00e4\u00dfig bek\u00f6stigt. \u201eSeit wann hat sie das eigentlich gemacht?\u201c, wirft Willy Kessens in die Runde und st\u00fctzt sich auf seinen h\u00f6lzernen Wanderstab. Der 75-j\u00e4hrige Schwagstorfer geht die Strecke inzwischen zum 54. Mal und wirkt trotz einer leichten Schwei\u00dfschicht auf den ger\u00f6teten Wangen noch erstaunlich fit. Die drei M\u00e4nner \u00fcberlegen. Schlie\u00dflich einigen sie sich auf eine diplomatische Antwort: \u201eEigentlich wohl schon immer.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_2083\" aria-describedby=\"caption-attachment-2083\" style=\"width: 425px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2083\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b-300x245.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"348\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b-300x245.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b-768x628.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b-1024x838.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b-1200x981.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt5b.jpg 1318w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2083\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr Viele ist das Pilgern ein Urlaub f\u00fcr die Seele.<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Das Pilgern in die Wiege gelegt bekommen<\/em><\/p>\n<p>Die Stimmung unter den Wallfahrern, die sei sehr besonders, beschreibt Bettina Schulten. Ein bisschen feierlich, ja, vielleicht. Dankbar. Voller Bescheidenheit. So in diese Richtung, gehe das eher. F\u00fcr die Vorsitzende des Ruller Wallfahrtvereins Bawinkel ist es das 19. Mal, dass sie sich in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten auf den Weg nach Rulle macht. \u201eDas Pilgern hat mein Vater mir in die Wiege gelegt\u201c, erz\u00e4hlt sie und wirkt sehr zufrieden mit dieser Art von heiter-bewegtem Geschenk. Der sei, seit sie denken k\u00f6nne, ein begeisterter Pilger: \u201eEigentlich wohl schon immer\u201c, sagt sie und verweist auf ein gut gelauntes Gr\u00fcppchen betagter Herren am anderen Ende der Scheune, das sich plaudernd um Bauer Rolfes schart: \u201eMein Vater\u201c, erkl\u00e4rt sie und winkt Heinrich St\u00fcwe zu. Alles klar.<\/p>\n<p><em>Mit einem tapferen L\u00e4cheln geht es weiter<\/em><\/p>\n<p>Doch irgendwann ist auch diese Rast vorbei. \u00c4chzend und seufzend, eine Hand ins Kreuz gestemmt \u2013 aber meist mit einem tapferen L\u00e4cheln dem Nachbarn zugewandt, der schlie\u00dflich nicht weniger abgek\u00e4mpft ist \u2013 erheben sich die Wallfahrer. Ein letzter Dank an Bauer Rolfes \u2013 und weiter geht die Reise. Vielleicht ist es genau diese kollektive Ersch\u00f6pfung, die mit daf\u00fcr sorgt, dass nicht blo\u00df die Stimmung, sondern auch die Gespr\u00e4che unter den Pilgern so anders sind. Anders als im Alltag. Anders als unter Arbeitskollegen. Anders, als ein Plausch im Supermarkt.<\/p>\n<p><em> \u201eDie Gemeinschaft tr\u00e4gt einen\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eViele Gesichter sieht man ja von Jahr zu Jahr wieder\u201c, sagt Leni aus Rhede. \u201eVon manchen wei\u00df man auch den Vornamen. Aber beim Nachnamen oder beim Beruf \u2013 da h\u00f6rt es dann meistens auf.\u201c Das alles ist auf Pilgerreisen nicht wirklich wichtig. Man singt gemeinsam. Man betet gemeinsam. Und ab einer gewissen Kilometerzahl leidet man eben auch gemeinsam. \u201eDie Gemeinschaft tr\u00e4gt einen\u201c, sagt Leni. Schw\u00e4che zu zeigen, ist hier keine Schande. Weder, was die Kondition angeht, noch sonstwie. Eine \u00fcberwundene Krankheit. Ein zu verarbeitender Todesfall. Eine berufliche Durststrecke. Das eigene Schicksal, das Los der anderen \u2013 vieles relativiert sich auf dem gemeinsamen Weg. Wiegt nicht mehr ganz so schwer.<\/p>\n<p><em>\u201eDas geht schnell mal auf den Kreislauf\u201c<\/em><\/p>\n<p>Inzwischen ist es sp\u00e4ter Nachmittag \u2013 und hinter den sanft gew\u00f6lbten \u00c4ckern tauchen die D\u00e4cher von Schwagstorf auf. Nur noch ein knapper Kilometer, dann haben die Pilger ihr Etappenziel erreicht und k\u00f6nnen sich in die Quartiere begeben, die Johannes Hauke, Rita Artmer und Dieter Suhr f\u00fcr sie organisiert haben. Herrmann Fehnker, Vorsitzender des Ruller Wallfahrtsvereins Meppen nickt beruhigt: die Gruppe ist wohlbehalten angekommen. \u201eDie Strecke ist nicht zu untersch\u00e4tzen\u201c, betont er. \u201eDas geht schnell mal auf den Kreislauf.\u201c<\/p>\n<p><em>Die Pilgereltern warten schon<\/em><\/p>\n<p>Vor der Schwagstorfer Bartholom\u00e4us Kirche warten bereits viele Quartierseltern und suchen nach l\u00e4ngst bekannten Gesichtern. \u201eWo ist Klaus?\u201c, fragt eine Kinderstimme. Der dazu geh\u00f6rige Junge wuselt aufgeregt in dem Stangenwald aus Erwachsenenbeinen umher, bevor er auf einen H\u00fcnen von Meppener trifft: \u201eDa bist du ja!\u201c Der 46-j\u00e4hrige Klaus l\u00e4chelt ersch\u00f6pft, aber gl\u00fccklich. Seit sieben Jahren kehrt er bei der Familie von Nicole und Andreas Niemeyer ein \u2013 deren sechsj\u00e4hriger Sohn Lars wei\u00df gar nicht, wie ein Jahr ohne den hauseigenen Pilgergast auss\u00e4he. Am n\u00e4chsten Morgen wird sich auch Vater Andreas Niemeyer der Gruppe anschlie\u00dfen, um singend und betend gen Rulle zu ziehen. Und wer wei\u00df, ob in 20 oder 30 Jahren die Pilgerreise nicht auch f\u00fcr Lars eine ganz eigene Bedeutung bekommen wird: Ein Urlaub f\u00fcr die Seele? Eine Herausforderung? Ein Wiegengeschenk?<\/p>\n<figure id=\"attachment_2081\" aria-describedby=\"caption-attachment-2081\" style=\"width: 525px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2081\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"525\" height=\"394\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b-1200x900.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Wallfahrt4b.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2081\" class=\"wp-caption-text\">Der Klaus ist da! F\u00fcr den sechsj\u00e4hrigen Lars und seine Familie w\u00e4re ein Jahr ohne den stattlichen Pilgergast wohl gar nicht mehr denkbar.<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>(Erschienen in: Bersenbr\u00fccker Kreisblatt, 04.05.2013)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Sucht soll es sein. Behaupten die einen. Urlaub f\u00fcr die Seele. Sagen die anderen. Eine Herausforderung. Ein Geschenk. Etwas Unvergessliches. 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