{"id":1698,"date":"2017-06-13T12:29:09","date_gmt":"2017-06-13T10:29:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=1698"},"modified":"2017-12-27T08:21:06","modified_gmt":"2017-12-27T07:21:06","slug":"zeigt-mir-eure-flotten-finger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=1698","title":{"rendered":"&#8222;Zeigt mir eure flotten Finger!&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1699\" aria-describedby=\"caption-attachment-1699\" style=\"width: 2000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1699\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1158\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b.jpg 2000w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b-300x174.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b-768x445.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b-1024x593.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Posaune1b-1200x695.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1699\" class=\"wp-caption-text\">T\u00e4gliches \u00dcben geh\u00f6rt f\u00fcr Heinz Determann an der Tuba und seine Mitstreiter vom Posaunenchor Wersen zum Handwerk. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Der Evangelische Posaunenchor der Kirchengemeinde Wersen feiert in wenigen Wochen sein 80-j\u00e4hriges Bestehen. Grund genug, den Freunden der Trompete und des Tenorhorns, der Tuba und der Posaune bei ihren Proben einmal \u00fcber die Schulter zu schauen.<\/strong><\/p>\n<p>Mara \u00fcbt. Erhaben und klar schweben die T\u00f6ne durch den Saal der Evangelischen Kirchengemeinde Wersen. Jedenfalls die meisten. Hier und da schnarrt es noch ein bisschen. Anfang des Jahres habe sich ihre Tochter daf\u00fcr entschieden, Trompete spielen zu lernen, erz\u00e4hlt Hilke Specht. Seitdem erh\u00e4lt die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Nachwuchsbl\u00e4serin \u2013 in Ermangelung weiterer Sch\u00fcler \u2013 Einzelunterricht bei Chorleiterin Silke Nagel. Aber bald kann sie, wenn sie es m\u00f6chte, in den traditionsreichen Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde einsteigen \u2013 und ihre gestandenen Musikerkollegen bei Gottesdiensten, Festen und Konzerten begleiten. Warum ausgerechnet Trompete? \u201eDie klingt einfach anders\u201c, \u00fcberlegt Mara und betrachtet nachdenklich das gl\u00e4nzende Instrument in ihren H\u00e4nden, \u201eirgendwie besonders.\u201c<\/p>\n<p><em> Harmonischer Klangteppich<\/em><\/p>\n<p>Als ich in Maras Alter war, habe ich in genau diesem Saal gemeinsam mit wohl drei Dutzend anderen Kindern und Jugendlichen f\u00fcr die Auftritte unseres damaligen Fl\u00f6tenchors geprobt: Das akustische Allerlei von Sopran- und Alt-, Tenor-, Bass- und Querfl\u00f6ten wusste Chorleiterin Barbara Ruthenschr\u00f6r mit Disziplin, Nachsicht und Geduld zu einem harmonischen Klangteppich zu verkn\u00fcpfen. Jedenfalls meistens. Ich erinnere mich noch genau daran, wie gut es sich angef\u00fchlt hat, Teil eines derart aufeinander abgestimmten Ensembles zu sein.<\/p>\n<p><em> Famili\u00e4re Atmosph\u00e4re<\/em><\/p>\n<p>Einige der Gesichter aus Fl\u00f6tenchorzeiten erkenne ich wieder, als jetzt nach und nach die Mitglieder des Posaunenchores den Saal entern. Die Atmosph\u00e4re ist herzlich. Famili\u00e4r. \u201eSeit vierundvierzig Jahren bin ich schon dabei\u201c, erz\u00e4hlt Ingrid Schulze aus Halen. Mit den Worten ,Das passt wohl zu dir\u2018 habe ihr damaliger Schullehrer ihr ein Tenorhorn in die Hand gedr\u00fcckt \u2013 und dabei sei es dann geblieben. \u201eWenn es mir nicht so viel Spa\u00df machen w\u00fcrde, h\u00e4tte ich das ja gar nicht die ganze Zeit durchgehalten\u201c, sagt sie. Denn schlie\u00dflich, mischen sich nun auch ihre Kollegen in das Gespr\u00e4ch, m\u00fcsse der Ansatz f\u00fcr das jeweilige Blasinstrument auch zuhause ge\u00fcbt werden, t\u00e4glich mindestens eine Viertelstunde, gerne auch l\u00e4nger. Je leichter ein Handwerk aussieht, umso mehr Training steckt oft dahinter.<\/p>\n<p><em>Wenn es aus dem Trichter r\u00f6hrt<\/em><\/p>\n<p>Mit aufmunterndem Blick reicht mir die Halenerin ihr Tenorhorn &#8211; Probieren geht \u00fcber Studieren. Meinen rechten Daumen friemelt sie in eine metallene Halte-\u00d6se, Zeige-, Mittel- und Ringfinger geh\u00f6ren auf die drei Ventile. Die Oberlippe soll ich wie ein Vordach \u00fcber die Unterlippe legen. \u201eNicht so verkrampft\u201c, schmunzelt Silke Nagel. Statt dicker Backen braucht es eher ein zartes Hauchen \u2013 und, na wer sagt\u2019s denn \u2013 da r\u00f6hrt es auch schon aus dem Trichter heraus. In einer Frequenz von 440 Hertz vibrieren meine Lippen, wenn ich das eingestrichene a\u2018 spiele, erkl\u00e4rt mir die Chorleiterin. Auf diese Weise werde die stehende Lufts\u00e4ule im Instrument in Schwingungen versetzt. \u201eLeisten Sie Mara gerne Gesellschaft und \u00fcben Sie n\u00e4chstes Mal mit\u201c, l\u00e4dt Silke Nagel mich augenzwinkernd ein.<\/p>\n<p><em>\u201eImmaterielles Kulturerbe\u201c<\/em><\/p>\n<p>M\u00e4nner und Frauen, U30er und \u00dc40er, Senioren und Best Ager \u2013 die Zusammensetzung der gut 30-k\u00f6pfigen Gruppe wie auch die Sorge, dass der Nachwuchs langsam knapp wird, spiegelt das d\u00f6rfliche Leben und sein Engagement in Sachen Kirchenmusik durchaus wider. Das mag einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr gewesen sein, dass die deutsche Unesco-Kommission die Posaunench\u00f6re im Dezember 2016 in das \u201eBundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes\u201c aufgenommen hat.<\/p>\n<p><em> \u201eDas ist kein Sabber!\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eK\u00f6nnen wir loslegen?\u201c, er\u00f6ffnet Chorleiterin Silke Nagel die allw\u00f6chentliche Probe, nachdem die Musiker das schwere Gep\u00e4ck \u2013 lederne Aktentaschen und mehrst\u00f6ckige Rollkoffer \u2013 gesichtet und ihre Instrumente ausgepackt, die Notenst\u00e4nder aufgebaut, die erforderlichen Liederb\u00fccher aufgeschlagen und die Eimer bereitgestellt haben. Eimer? \u201eDa hinein lassen wir das Kondenswasser ab, das sich w\u00e4hrend des Blasens in den Instrumenten bildet\u201c, erkl\u00e4rt mir Ingrid Schulze und guckt mich streng an: \u201eDas ist kein Sabber!\u201c Die kleinen Plastikk\u00fcbel seien sogar eigens von der Kirchengemeinde gestiftet worden.<\/p>\n<p><em> Ich glaub ich steh im Wald\u2026<\/em><\/p>\n<p>\u201eAuf null! Auf zwei! Auf eins!\u201c \u2013 w\u00e4hrend ich noch gr\u00fcbele, was diese Kommandos wohl bedeuten m\u00f6gen, regnen die T\u00f6ne auch schon auf mich herab und der Gemeindesaal verwandelt sich in meiner Phantasie in ein \u00fcppig bewachsenes Waldbiotop. Unter Buchen- und Eichenge\u00e4st sammelt sich die J\u00e4gerschaft \u2013 Halali! Ja, ein \u201eimmaterielles Kulturerbe\u201c \u2013 selbst wenn es nur dessen Ventilstellungen sind, st\u00f6\u00dft eben durchaus manche Kindheitserinnerung und fest im Ged\u00e4chtnis verankerte Assoziation an.<\/p>\n<p><em> Kurze Noten k\u00fcrzer nehmen<\/em><\/p>\n<p>Doch nach waidm\u00e4nnischem Pathos lotst Silke Nagel ihre Bl\u00e4ser auch schon \u201evolle Kalotte\u201c mitten hinein in einen groovigen Brass-Band-Sound. \u201eTraut Euch!\u201c, feuert sie die angehenden Jubilare an, \u201eetwas rasanter \u2013 zeigt mir eure flotten Finger!\u201c Kondenswasser tr\u00f6pfelt in graue Plastikeimer, Notens\u00e4tze werden hin- und hergereicht, Atemzeichen gestrichen, die halben Noten kurz und die kurzen noch k\u00fcrzer genommen. \u201eJa, jetzt kommt ihr auf Tour.\u201c Ob Pippi Langstrumpf oder Edvard Grieg, Michael Jacksons \u201eHeal the World\u201c oder \u201eCan you feel the Love tonight\u201c aus dem Musical K\u00f6nig der L\u00f6wen \u2013 das Repertoire der Wersener Bl\u00e4ser reicht weit \u00fcber Kirche und Brauchtum hinaus.<\/p>\n<p><em>Was vom Tage \u00fcbrigbleibt&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Wenn unser Fl\u00f6tenesemble fr\u00fcher gemeinsam mit dem Posaunenchor aufgetreten ist, dann waren die Blechbl\u00e4ser immer unsere gro\u00dfen Vorbilder: das gewaltige Klangvolumen, die Brillanz der T\u00f6ne, das perfekte Zusammenspiel. Ja, wird es mir etwas melancholisch ums Herz, die Fl\u00f6tengruppe hat sich l\u00e4ngst aufgel\u00f6st, die Bewunderung f\u00fcr den Posauenchor ist definitiv geblieben.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 07.06.2017; Westf\u00e4lische nachrichten, 08.06.2017)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Evangelische Posaunenchor der Kirchengemeinde Wersen feiert in wenigen Wochen sein 80-j\u00e4hriges Bestehen. 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