{"id":149,"date":"2014-03-03T14:46:42","date_gmt":"2014-03-03T13:46:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=149"},"modified":"2015-04-03T15:31:33","modified_gmt":"2015-04-03T13:31:33","slug":"als-wilhelm-karmann-1924-amerika-entdeckte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=149","title":{"rendered":"Als Wilhelm Karmann 1924 Amerika entdeckte"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_150\" aria-describedby=\"caption-attachment-150\" style=\"width: 714px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/detroit-karmann.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-150\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/detroit-karmann-1024x560.jpg\" alt=\"Wilhelm Karmann (Tisch vorne links, 3. von links) beim Weltautomobiltransport-Kongress 1924 in Detroit. Foto: Museum Industriekultur\" width=\"714\" height=\"390\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/detroit-karmann-1024x560.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/detroit-karmann-300x164.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/detroit-karmann-1200x656.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/detroit-karmann.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 714px) 100vw, 714px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-150\" class=\"wp-caption-text\">Wilhelm Karmann (Tisch vorne links, 3. von links) beim Weltautomobiltransport-Kongress 1924 in Detroit. Foto: Museum Industriekultur<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Osnabr\u00fcck. Humboldt zog es in die Neue Welt. Goethe erlag den Lockungen Italiens. Friedrich Alfred Krupp entwickelte eine Passion f\u00fcr die Insel Capri und die Meeresforschung. Die Ferne, so scheint es, hat ihren ganz besonderen Reiz. Vor rund 90 Jahren machte sich auch Wilhelm Karmann senior auf den Weg. Mit 53 Jahren war der gestandene Osnabr\u00fccker Unternehmer da zwar nicht mehr wirklich jung, daf\u00fcr aber wissbegierig.<\/p>\n<p><strong>22 Schreibmaschinenseiten voller Reiseeindr\u00fccke<\/strong><br \/>\n\u201eM\u00e4rchenhafte Ger\u00fcchte \u00fcber die fabelhafte Gr\u00f6\u00dfe und Leistungsf\u00e4higkeit der amerikanischen Automobil- und Karosserie-Industrie \u201c lockten Karmann in die USA. \u201eMeine Amerikafahrt\u201c hat er seine auf 22 eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten zusammengefassten Reiseeindr\u00fccke genannt. Ungew\u00f6hnlich waren solche Unternehmungen nicht \u2013 wenn man sie sich leisten konnte. Die Vereinigten Staaten hatten sich un\u00fcbersehbar zur fortschrittlichsten und wohl auch st\u00e4rksten Wirtschaftsmacht der Welt entwickelt. Der gro\u00dfe Crash am 24.Oktober 1929 lag noch in weiter Ferne. \u201eAmerikafahrer\u201c nannten sich die Firmenchefs und Manager, die sich auf den Weg in das gelobte Land des Kapitalismus machten. Ein Anklang an die Auswanderer des vorausgegangenen Jahrhunderts, auch wenn die neuen \u201eAmerikafahrer\u201c in der Regel nicht im Zwischendeck reisten. Karmann schiffte sich am 24. April 1924 auf der erst ein Jahr zuvor in Dienst gestellten \u201eAlbert Ballin\u201c ein.<\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr seine gro\u00dfe Fahrt war eine Einladung der Amerikanischen Automobilhandelskammer zum Weltautomobiltransport-Kongress in Detroit. Detroit \u2013 das Herz der amerikanischen Autoindustrie. Die \u201eWeltautomobilstadt\u201c, wie Karmann sie nennt. Eine Verhei\u00dfung f\u00fcr alle, die sich mit der Produktion von Fahrzeugen besch\u00e4ftigten. Endlich konnte der Osnabr\u00fccker seinen \u201eschon lange gehegten Plan, eine Studienreise nach Nordamerika zu unternehmen, verwirklichen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Vom Wagenbaubetrieb zum Industrieunternehmen<\/strong><br \/>\n1924, das war sechs Jahre nach dem gro\u00dfen Krieg: Deutschland \u00e4chzte unter den zu leistenden Reparationen und unter der langsam abklingenden Inflation. Aber auch das, was heute als die \u201eGoldenen 20er\u201c bezeichnet wird, hat um diese Zeit begonnen. Autos traten unaufhaltsam ihren Siegeszug an. Die Firma Karmann wandelte sich vom Wagenbaubetrieb zu einem Industrieunternehmen. Und Karmann selbst hatte Henry Ford f\u00fcr sich entdeckt: \u201eMein Leben \u2013 mein Werk\u201c war 1923 auf Deutsch erschienen. Und scheint f\u00fcr ihn eine Art Offenbarung gewesen zu sein. Schlie\u00dflich gilt Ford als eine der treibenden Kr\u00e4fte bei der Entwicklung der industriellen Massenproduktion.<\/p>\n<figure id=\"attachment_158\" aria-describedby=\"caption-attachment-158\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/1938_Autobahn.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-158\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/1938_Autobahn-300x195.jpg\" alt=\"Moderne Zeiten auch bei Karmann: \u201eFlie\u00dfende\u201c Montage des Adler \u201eAutobahnwagen\u201c-Cabrio (links) um 1938. \" width=\"300\" height=\"195\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/1938_Autobahn-300x195.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/1938_Autobahn-1024x666.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/1938_Autobahn-1200x780.jpg 1200w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/1938_Autobahn.jpg 1469w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-158\" class=\"wp-caption-text\">Moderne Zeiten auch bei Karmann: \u201eFlie\u00dfende\u201c Montage des Adler \u201eAutobahnwagen\u201c-Cabrio (links) um 1938.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon die Einfahrt nach New York muss f\u00fcr Wilhelm Karmann fast wie ein kleiner Kulturschock gewesen sein: \u201eMit dem blo\u00dfen Auge sah es aus, als wenn ein riesiger Ameisenhaufen auf- und abkrabbelt\u201c, schreibt er in seinem Reisebericht, \u201e mit dem Glas stellen wir fest, dass es unendliche, un\u00fcbersehbare Reihen von Kraftwagen sind, welche die Stra\u00dfe aufw\u00e4rts und abw\u00e4rts fahren.\u201c Auch die Unterbringung im 20. Stock des New Yorker Hotels \u201eCommodore\u201c beeindruckt ihn: \u201eEin Riesenhotel mit 3000 Zimmern\u201c, dazu 20 Aufz\u00fcge, etliche davon \u201eExpress-Elevators\u201c, die direkt bis zum 12. Stock durchfahren. Und \u00fcberall, notiert er weiter, die \u201eRiesenverkehre von Menschen und Wagen und eine m\u00e4rchenhafte Lichtreklame\u201c. Die vielen, trotz der sp\u00e4ten Stunde offenen Gesch\u00e4fte begeistern ihn ebenso wie die Tatsache, dass in der New Yorker Staatszeitung bereits am 5. Mai das vorl\u00e4ufige Ergebnis der Reichstagswahl in Deutschland vom 4. Mai zu lesen war.Aber der Osnabr\u00fccker entdeckte in New York auch befremdliche Dinge. Zum Beispiel einen Friedhof mitten in New York: Den \u201eKirchhof der Milliard\u00e4re, welche hier, im Land der Gleichheit, in unmittelbarer N\u00e4he ihrer ehemaligen T\u00e4tigkeit sich ihre letzte Ruhest\u00e4tte ausgesucht haben.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Detroit dann eine weitere Auff\u00e4lligkeit: Die amerikanischen Eisenbahngesellschaften haben in ihren Z\u00fcgen nur eine Klasse, bemerkte Karmann. In Deutschland waren da noch drei Klassen \u00fcblich.<\/p>\n<p><strong>\u201eFast alle Wagenbesitzer sind Selbstfahrer&#8220;<\/strong><br \/>\nAber es waren ja vor allem die Autos und ihre Produktionsst\u00e4tten, die den Osnabr\u00fccker Unternehmer nach Amerika gezogen hatten: Verwundert stellte er fest, dass \u201edas sogenannte amerikanische Verdeck gar nicht zum Herunterklappen eingerichtet war, also keinen Drehpunkt und keine Scharniere hatte.\u201c F\u00fcr einen Cabrio-Experten eine schreckliche Vorstellung. Und: \u201eFast alle Wagenbesitzer sind Selbstfahrer und halten keine Chauffeure.\u201c Das Staunen nahm kein Ende: \u201eAuch viel Damen sa\u00dfen am Steuer, zum Beispiel selbst im st\u00e4rksten Verkehr eine kleine Miss mit einem gro\u00dfen starken Wagen.\u201c<\/p>\n<p>Auch die Produktionsst\u00e4tten hinterlie\u00dfen Eindruck: \u201eJe zwei sich gegen\u00fcber stehende Leute arbeiten zusammen [\u2026]. Jeder hat nur einen Teil der Arbeit zu erledigen, nur wenige Handgriffe zu verrichten. [\u2026] nirgendwo sieht man eine ruhende Hand, nirgendwo einen Mann m\u00fc\u00dfig stehen, nirgendwo sieht oder h\u00f6rt man eine Unterhaltung\u201c, beschreibt Wilhelm Karmann einen Besuch beim Karosseriebauer Fisher.<\/p>\n<p>Aber um welchen Preis? Karmann fiel \u201edas Fehlen jeder Sozialf\u00fcrsorge, jedes sozialen Schutzes und auch wohl jedes sozialen Empfindens bei den Arbeitgebern\u201c auf. Und: \u201eKein gewerkschaftlicher Einfluss und keine gewerkschaftliche Macht machen sich bemerkbar.\u201c<\/p>\n<p><strong>Besichtigung der Ford\u2019schen Fabriken<\/strong><br \/>\nDer H\u00f6hepunkt der Karmann\u2019schen Entdeckungsreise d\u00fcrfte aber die Besichtigung der Ford\u2019schen Fabriken gewesen sein: \u201eDer Einzelne ist in dem Riesenbetriebe ein R\u00e4dchen, aber dieses R\u00e4dchen kann nicht stillstehen; die anderen R\u00e4der treiben es dadurch, dass sie selbst ununterbrochen, von fast unsichtbaren Kr\u00e4ften angetrieben werden, ununterbrochen wieder an\u201c, notiert Karmann.<\/p>\n<p>1933, neun Jahre nach der Amerikafahrt von Wilhelm Karmann, begann Charlie Chaplin mit den Dreharbeiten f\u00fcr seinen Film \u201eModerne Zeiten.\u201c Und zeigt darin die andere, die dunkle Seite der neuen Arbeitswelt. Nach Deutschland kam der 1936 fertiggestellte Film erst sp\u00e4ter. Chaplin und die Nazis, das ging gar nicht. Ob Karmann den Film je gesehen hat?<\/p>\n<p>(Erschienen in der <a title=\"Studienreise in die Neue Welt \" href=\"hhttp:\/\/www.noz.de\/lokales\/osnabrueck\/artikel\/447641\/als-wilhelm-karmann-1924-amerika-entdeckte#gallery&amp;31374&amp;1&amp;447641ttp:\/\/\" target=\"_blank\">Neuen Osnabr\u00fccker Zeitung<\/a> am 1. Februar 2014)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Die-Karmann-Story.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-156\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Die-Karmann-Story.jpg\" alt=\"Die Karmann-Story\" width=\"139\" height=\"160\" \/><\/a><strong>Nachtrag:<\/strong> Bernd Wiersch greift die Geschichte in seinem 2015 erschienenen Buch &#8222;Die Karmann-Story &#8211; Haute Couture aus Osnabr\u00fcck&#8220; auf. Kurz nach dem Erscheinen hat der Bielefelder Verlag Delius Klasing dann allerdings den Buchhandel aufgefordert, das Werk zun\u00e4chst wieder aus den Regalen zu nehmen. Rainer Thieme, von 1990 bis 2002 Chef des Osnabr\u00fccker Autobauers, wehrte sich juristisch gegen einige ihn betreffende Darstellungen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Osnabr\u00fcck. Humboldt zog es in die Neue Welt. Goethe erlag den Lockungen Italiens. Friedrich Alfred Krupp entwickelte eine Passion f\u00fcr die Insel Capri und die Meeresforschung. 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