{"id":1389,"date":"2017-03-17T18:20:06","date_gmt":"2017-03-17T17:20:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=1389"},"modified":"2017-11-15T22:57:27","modified_gmt":"2017-11-15T21:57:27","slug":"das-archiv-der-verschwundenen-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=1389","title":{"rendered":"Das Archiv der verschwundenen Dinge"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1390\" aria-describedby=\"caption-attachment-1390\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1390\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b.jpg\" alt=\"\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b.jpg 1500w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fundb\u00fcro2b-1200x900.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1390\" class=\"wp-caption-text\">Da ist er ja, der Schl\u00fcsselbund! In der Pappschachtel des Lotter Fundb\u00fcros finden verloren gegangene Gegenst\u00e4nde eine vor\u00fcbergehende Bleibe. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Vor allem Fahrr\u00e4der scheinen davon betroffen: Sie verschwinden spurlos, schmelzen dahin wie Schnee, verdunsten in die Unsichtbarkeit \u2013 und materialisieren sich auf wundersame Weise im Fundb\u00fcro der Gemeinde Lotte zu alter Gestalt zur\u00fcck. Zumindest einige.<\/strong><\/p>\n<p>Kennen Sie das? Eben lag der Schl\u00fcsselbund noch auf der Kommode \u2013 und zack: weg ist er. Oder hatte ich ihn gar nicht dort abgelegt? Steckt er etwa noch in meiner Jackentasche? Fehlanzeige! Schon l\u00e4nger hege ich den Verdacht, dass einige vorwitzige Gegenst\u00e4nde, bevorzugt solche aus meinem n\u00e4heren Umfeld, sich nicht an die doch eigentlich eindeutigen Regeln der Schulphysik halten \u2013 und sich eines geradezu subversiven Eigenlebens erfreuen. Portemonnaies tauchen unter. Drahtesel brechen aus. Rosenscheren verreisen in andere Ortsteile.<\/p>\n<p><em>Email von der Rosenschere<\/em><\/p>\n<p>Manche von ihnen schleichen sich dezent in den Alltag zur\u00fcck. \u201eDa liegt doch dein Portemonnaie\u201c, bemerkt mein Sohn mit un\u00fcberh\u00f6rbarem Tadel in der Stimme und zeigt auf die Ablagefl\u00e4che \u00fcber der Waschmaschine. Auf dem Wohnzimmersofa chillt in aller Seelenruhe mein Schl\u00fcsselbund. Die Rosenschere schickt eine Email aus Seeste: Sie m\u00f6chte bitte abgeholt werden. Doch nicht alles, was verschwindet, kehrt freiwillig zur\u00fcck. Da gibt es auch die Diven unter den Dinge, die mit einem ausgepr\u00e4gten Hang zum Dramatischen jeglichen Kontakt hinausz\u00f6gern. Sie lassen sich fernab ihres ratlosen Eigent\u00fcmers an sonderbaren Pl\u00e4tzen von fremden Personen entdecken, um \u2013 oft \u00fcber Umwege \u2013 dahin zur\u00fcckzukehren, wo sie hingeh\u00f6ren. Zumindest manchmal.<\/p>\n<p><em>Sechs Monate unter Verschluss<\/em><\/p>\n<p>\u201eDas ist doch wirklich nett, wenn jemand eine Sache findet und sich dann hier bei uns meldet\u201c, sagt Liane Maug, H\u00fcterin des Fundb\u00fcros der Gemeinde Lotte. \u201eWer den Eigent\u00fcmer nicht selbst ermitteln kann\u201c, berichtet Verwaltungsangestellte, \u201eruft in der Regel unter Telefon 05404\/889-11 im Fundb\u00fcro\u00a0 an.\u201c Wie geht es dann weiter? \u201eHandelt es sich um einen gr\u00f6\u00dferen Gegenstand\u201c, erkl\u00e4rt meine Gespr\u00e4chspartnerin, \u201ebitte ich einen Mitarbeiter des Bauhofs, ihn abzuholen.\u201c Eine Kommune sei verpflichtet, nicht zu vermittelnde Fundsachen aus dem Gemeindegebiet ein halbes Jahr lang einzulagern. Danach stehen sie dem Finder zu.<\/p>\n<p><em>Eine Herde Drahtesel im Keller<\/em><\/p>\n<p>Wir wandern einen schmalen Korridor im Rathauskeller entlang, bis Liane Maug vor einer der roten T\u00fcren stehenbleibt. \u201e\u00dcber einen speziellen Raum verf\u00fcgt unser Fundb\u00fcro nicht\u201c, sagt sie. W\u00e4hrend die Westerkappelnerin die kleineren Dinge \u2013 Schl\u00fcssel, Smartphones, Digitalkameras \u2013 in einer Pappschachtel in ihrem B\u00fcro im Erdgeschoss aufbewahrt, landen die sperrigen Dinge im Keller: T\u00fcr auf, Licht an \u2013 und schon stehen wir mittendrin in einer stattlichen Herde \u00fcberwiegend gut erhaltener Stahlr\u00f6sser: Trekkingr\u00e4der, Tourenr\u00e4der, Gel\u00e4nder\u00e4der, Herren-, Damen- und Kinderr\u00e4der, in einer Ecke wartet ein Rollstuhl auf bessere Zeiten. Zwei Rollatoren leisten ihm stumm Gesellschaft. Liane \u00a0Maug \u00f6ffnet einen blauen Plastiksack \u2013 darin: f\u00fcnf Pelzjacken. Die edlen Kleidungsst\u00fccke habe die Polizei am Rand der Autobahn gefunden, erkl\u00e4rt sie und setzt mit vielsagendem Blick hinzu: \u201eWahrscheinlich vom Lkw gefallen\u2026\u201c Hei\u00dfe Ware? Einige Dinge verschwinden, obwohl sie gar nicht verschwinden wollen.<\/p>\n<p><em>Kein Vermissen, kein Suchen?<\/em><\/p>\n<p>\u201eBei gefundenen Fahrr\u00e4dern \u00fcberpr\u00fcft die Polizei anhand der Rahmennummer, ob das Rad gestohlen ist\u201c, erl\u00e4utert die Verwaltungsangestellte das Prozedere. Ist das nicht der Fall, wird das Vehikel im Keller des Rathauses zwischengeparkt. Wenn sich der Eigent\u00fcmer nicht meldet, und \u00a0auch der Finder nach sechs Monaten keinen Wert auf den Fundgegenstand legt, wird dieser \u2013 wie im Falle der Pelze \u2013 vernichtet. \u201eDie Fahrr\u00e4der geben wir an Bed\u00fcrftige oder an die Fahrradwerkstatt der Fl\u00fcchtlingshilfe ab\u201c, erkl\u00e4rt Liane Maug. Ich lasse meinen Blick \u00fcber die mehr als 30 Drahtesel schweifen. Wie k\u00f6nnen so viele Fahrr\u00e4der verloren gehen, frage ich mich. Und f\u00e4llt es deren Besitzern gar nicht auf? Kein Vermissen, kein Suchen? \u201eManchmal ruft jemand an, dem eine Sache abhanden gekommen ist\u201c, sagt Liane Maug. \u201eAber so oft kommt das nicht vor.\u201c Die Vermittlungsrate, berichtet die Rathausmitarbeiterin aus ihrer Erfahrung, liege deutlich unter 50 Prozent. Da scheinen also in nicht wenigen F\u00e4llen nicht blo\u00df die Sachen selbst zu verschwinden, sondern auch die Erinnerung an sie oder schlichtweg das Interesse an ihnen.<\/p>\n<p><em>Vom Verlieren und Wiederfinden<\/em><\/p>\n<p>Ob nun omin\u00f6se \u00f6rtliche Objektverschiebung oder pers\u00f6nliche Schusseligkeit der Grund f\u00fcr das Verschwinden von Gegenst\u00e4nden ist, kann auch Liane Maug \u2013 die Archivarin der verloren gegangenen Dinge, die W\u00e4chterin \u00fcber das Sammelsurium der Vergessenheit \u2013 nicht mit letzter Gewissheit sagen. Ihr Rat: Nicht nur wer etwas gefunden hat, sollte dar\u00fcber das Fundb\u00fcro informieren. Auch f\u00fcr diejenigen, die etwas vermissen, k\u00f6nnte der kommunale Keller m\u00f6glicherweise zu einem Ort des Wiedersehens werden.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Neue Osnabr\u00fccker Zeitung, 08.03.17; Westf\u00e4lische Nachrichten, 08.03.17)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor allem Fahrr\u00e4der scheinen davon betroffen: Sie verschwinden spurlos, schmelzen dahin wie Schnee, verdunsten in die Unsichtbarkeit \u2013 und materialisieren sich auf wundersame Weise im Fundb\u00fcro der Gemeinde Lotte zu alter Gestalt zur\u00fcck. Zumindest einige. 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