{"id":1304,"date":"2012-12-06T09:03:48","date_gmt":"2012-12-06T08:03:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=1304"},"modified":"2019-12-13T17:55:18","modified_gmt":"2019-12-13T16:55:18","slug":"ein-paar-nikolaus-stiefelchen-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.havermeyer.de\/?p=1304","title":{"rendered":"Ein Paar (Nikolaus-)Stiefelchen erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1305\" aria-describedby=\"caption-attachment-1305\" style=\"width: 1500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1305\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1305\" src=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1.jpg\" alt=\"Der Stiefelchen wahre Bedeutung: Dem Nikolaus ist es egal, wie schlicht oder wie alt das Schuhwerk ist, in das er seine Gaben verteilt. F\u00fcr Fritz Lubahn vom Schuhmachermuseum in Ladbergen sind die braunen Lederstiefelchen aus dem Jahre 1941, ein Geschenk aus Westerkappeln, dagegen eine echte Rarit\u00e4t. Foto: Ulrike Havermeyer\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1.jpg 1500w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.havermeyer.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Nikolausstiefel1-1200x900.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1305\" class=\"wp-caption-text\">Der Stiefelchen wahre Bedeutung: Dem Nikolaus ist es egal, wie schlicht oder wie alt das Schuhwerk ist, in das er seine Gaben verteilt. F\u00fcr Fritz Lubahn vom Schuhmachermuseum in Ladbergen sind die braunen Lederstiefelchen aus dem Jahre 1941, ein Geschenk aus Westerkappeln, dagegen eine echte Rarit\u00e4t. Foto: Ulrike Havermeyer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Behutsam dreht sich der Schl\u00fcssel im Schloss. Dann schwingt das Dielentor langsam auf und gibt den Blick auf die alte Werkstatt frei. Es riecht nach Leder und nach Holz und irgendwie sogar ein bisschen nach Weihnachten.<\/strong><\/p>\n<p>Fritz Lubahn l\u00e4chelt beim Anblick des beredten Inventars. Und wie er da vorsichtig seine Schritte zwischen Regalen voller wohlgeformter Leisten und allerlei bew\u00e4hrtem Handwerkszeug von der Zwickzange bis zur Rundahle an diversen detailgetreu hergerichteten Werktischen vom Mittelalter bis zur Nachkriegszeit vorbei auf einen ehrw\u00fcrdigen Verkaufstresen zu lenkt, steht dem 74-j\u00e4hrigen Schuhmacher die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Fritz Lubahn wirkt so vergn\u00fcgt, als habe er sich hier in dem kalten Gem\u00e4uer zu einem z\u00fcnftigen Plausch mit ein paar Freunden und Kollegen aus fr\u00fcheren Zeiten verabredet. Verschmitzt zwinkert er dem Besucher zu: \u201eWillkommen in der Vergangenheit!\u201c<\/p>\n<p><em>Ein ganz besonderes Unikat<\/em><\/p>\n<p>Doch es ist nicht nur seine eigene Geschichte, durch die der langj\u00e4hrige Obermeister der M\u00fcnsteraner Schuhmacher-Innung jetzt bed\u00e4chtig schreitet. Neben ma\u00dfgefertigten Reitstiefeln aus blitzeblank gewienertem Rindsleder, abenteuerlich hoch behackten Damenpumps und kurios geformten Schnabelschuh-Nachbauten, ist in diesem Herbst ein ganz besonderes Unikat ins Ladberger Schuhmachermuseum, dessen Gr\u00fcnder und Leiter Fritz Lubahn ist, eingezogen. Der Chef hebt es sachte aus seiner Originalverpackung, einer ziemlich schlichten, vergilbten Pappschachtel, heraus und l\u00e4sst seinen Blick stolz auf ihm ruhen: Ein Paar lederne Kinderstiefelchen der Gr\u00f6\u00dfe 20. Herstellungsjahr: 1941. Herkunftsort: Westerkappeln.<\/p>\n<p><em>Gut aufgehoben im Museum<\/em><\/p>\n<p>\u201eTja \u2026\u201c, murmelt Lubahn versonnen und betrachtet die Stiefelchen in seinen H\u00e4nden: \u201eDas ist nat\u00fcrlich eine echte Rarit\u00e4t.\u201c Eine 70-j\u00e4hrige Dame aus Westerkappeln sei nach einem Besuch in seiner Ausstellung so angetan gewesen, dass sie diese gut geh\u00fctete Seltenheit aus eigenen Kindertagen dem kleinen Museum im Au\u00dfenbereich der Gemeinde Ladbergen, dem einzigen seiner Art im Umkreis, geschenkt habe. \u201eHier sind sie besser aufgehoben als bei mir zuhause im Schrank\u201c, habe die Seniorin befunden und kurzerhand beschlossen, dass die fein geschnittene Fu\u00dfbekleidung in einer angemessenen historischen Kulisse fortan ihre eigene Geschichte erz\u00e4hlen sollte. Aber welche Geschichte ist das?<\/p>\n<p><em>Ein bisschen Fachwissen, ein bisschen Spekulation<\/em><\/p>\n<p>Fritz Lubahn wiegt den Kopf hin und her. Mit der Vergangenheit ist das so eine Sache. Ein bisschen Fachwissen, ein bisschen Spekulation \u2013 und ganz viel Detektivarbeit. Erster Hinweis: die Original-Pappschachtel. Aus den Zahlen und Buchstaben, die akribisch mit Bleistift auf den Karton gekritzelt sind, liest Lubahn heraus, dass die Stiefelchen tats\u00e4chlich vor mehr als siebzig Jahren von einem offenbar \u00e4u\u00dferst gewissenhaft arbeitenden Schusterkollegen hier in der n\u00e4heren Umgebung angefertigt worden sein m\u00fcssen. Sogar der Preis ist noch zu entziffern: 4,55 Reichsmark. Der Museumsleiter dreht das braune Stiefelpaar schaft\u00fcber und weist auf die Unterseite \u2013 das n\u00e4chste Indiz: Die Ledersohlen sind makellos. Kein Kratzer und auch nicht die winzigste abgelaufene Stelle. \u201eW\u00e4hrend des Krieges waren Schuhe streng rationiert und daher immer knapp und begehrt\u201c, wei\u00df Lubahn, nickt nachdr\u00fccklich und schaut einigerma\u00dfen ratlos. Denn: \u201eDiese Schuhe hat nie jemand getragen.\u201c<\/p>\n<p><em>Verschwommene Erinnerungen<\/em><\/p>\n<p>Wie gesagt, mit der Vergangenheit ist das so eine Sache. Ein paar vage Erinnerungen, ein paar blumige Anekdoten \u2013 und ganz viele alte Geschichten, deren Versionen von Generation zu Generation weiter erz\u00e4hlt und weiter variiert werden. Selbst f\u00fcr die Stiefel-Stifterin aus Westerkappeln haften eher verschwommene Bilder als scharf umrissene Eindr\u00fccke an ihrem betagten Schuhwerk. Soweit sie sich entsinne, berichtet sie, habe ihr Gro\u00dfvater die Stiefel erworben, als die Familie Anfang der vierziger Jahre noch in Rheine lebte. M\u00f6glicherweise habe der kurz darauf erfolgte Umzug nach Westerkappeln ja vereitelt, dass die guten, neuen Lederstiefelchen an den F\u00fc\u00dfen der damaligen Enkelkinder, also an ihren eigenen Kinderf\u00fc\u00dfen, landeten \u2013 getragen worden seien sie aber definitiv, schmunzelt die Dame: im Reisegep\u00e4ck von Rheine nach Westerkappeln.<\/p>\n<p><em>Von Puppenf\u00fc\u00dfen und Teddyb\u00e4rentatzen\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Als Jahrzehnte sp\u00e4ter dann ihre eigenen T\u00f6chter geboren waren, war die \u00c4ra der zwar nach wie vor tadellos aussehenden, aber inzwischen doch recht altbacken daherkommenden Erbst\u00fccke unwiderruflich vorbei: Die Schuhmode hatte sich grundlegend ge\u00e4ndert \u2013 alles war bunter und bequemer geworden. Was allerdings nicht bedeutete, dass die braunen Familienstiefelchen nicht f\u00fcr eine Weile in nahezu t\u00e4glichem Gebrauch waren: Sie wurden von emsigen Kinderh\u00e4nden an zierliche Puppenf\u00fc\u00dfe und weiche Teddyb\u00e4rentatzen geschn\u00fcrt und tapsten zwei gl\u00fcckliche Kindheiten lang in der Wohnung herum. Das ist alles lange her. Doch die Vergangenheit ist gut aufgehoben bei Fritz Lubahn. Mit der Leidenschaft eines Handwerkers und der Erfahrung eines Meisters k\u00fcmmert er sich nun darum, dass die kleinen braunen Stiefelchen aus Westerkappeln noch manchem Museumsbesucher von den guten, alten Zeiten erz\u00e4hlen, als die B\u00e4ren noch Schuhe an ihren Tatzen trugen und als es beim Schuster noch nach Leder, Holz und Handarbeit roch.<\/p>\n<p><em>(Erschienen in: Westf\u00e4lische Nachrichten, 06.12.2012)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behutsam dreht sich der Schl\u00fcssel im Schloss. 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